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NS-Dokumentationszentrum Nicht zu spät?

In München ist das NS-Dokumentationszentrum eröffnet worden – 70 Jahre nach Kriegsende. Gang durch eine Ausstellung, die unbedingt schlicht und nüchtern sein will. Und auch auf die Probleme eingeht, die die Stadt seit jeher mit der NS-Thematik hat.

01.05.2015 15:46
Erik Franzen
Links der ehemalige Führerbau, rechts der blendend weiße Würfel des neuen NS-Dokumentationszentrums in München. Foto: dpa

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Schon von Weitem wird man angezogen vom blendenden Weiß des Würfels der Berliner Architekten Georg, Scheel, Wetzel. Ihr Entwurf gewann 2009 den Wettbewerb zur Realisierung des „NS-Dokumentationszentrums München“, das nun, auf den Tag genau 70 Jahre nach der Befreiung Münchens durch die US-Armee am 30. April 1945, eröffnet wurde. Eine lange, teilweise skandalöse Geschichte der Verdrängung der städtischen Nazi-Vergangenheit wurde damit vorläufig beendet.

Hier, in der einst großbürgerlichen Maxvorstadt, befand sich früher das „Parteiviertel“ der NSDAP mit zahlreichen Einrichtungen. Das nun eröffnete Gebäude steht auf dem Gelände des ehemaligen „Braunen Hauses“, der Parteizentrale: ein Täterort also. Der Kubus aus weißem Sichtbeton überragt mit seiner Kantenlänge von mehr als 22 Metern den direkt benachbarten ehemaligen „Führerbau“, die heutige Hochschule für Musik, von der es sich in seiner puristischen Formensprache absetzt. Die Wände und Decken im Innern bestehen aus demselben Material. Zusammen mit den farblich angepassten Böden, Sitzbereichen und Türen ergibt sich ein zurückhaltendes Raumkonzept. Die Architektur soll in den Hintergrund und das Gezeigte in den Vordergrund treten. Ein weißes Rauschen?

Hier könnten auch zeitgenössische Kunstwerke eine Heimat finden. Selbst ein Apple Store würde gut zum dezent-sterilen Schick passen. Doch im Gegensatz zu elitären Verkaufstempeln wird in dieser neuen Flagship-Location des städtischen Gedächtnisses weitgehend auf eine Emotionalisierung der Besucher verzichtet. So finden sich kaum dreidimensionale Objekte und fast keine Originaldokumente in den vier Obergeschossen dieses „Lern- und Erinnerungsortes“ um eine Auratisierung des Nationalsozialismus im Ansatz zu ersticken.

"Warum München?"

Sachlichkeit pur: Mit Hilfe von 33 chronologisch angeordneten Themenstationen wird auf zwei Ebenen die Geschichte des Nationalsozialismus am Beispiel Münchens erzählt – das Narrativ beginnt 1914 und wird bis in die Gegenwart geführt. Großformatige Fotografien auf Stellwänden mit kurzen Erläuterungen bilden die erste, vertikale Ebene. Dazu kommen erläuternde Abbildungen, Fotografien, Videos und weitere, ausführlichere Texte, die, auf Leuchttische projiziert, zusammen die zweite, horizontale Ebene ausmachen.

„Warum München?“ und „Was hat das mit mir zu tun?“ lauten die Leitfragen der Dauerausstellung, die sich explizit an ein breites, alle Generationen umfassendes Publikum wendet. Vieles wird sichtbar – auch wenn die durch Nummerierungen angedeutete Führungslinie intuitiv kaum erschlossen werden kann: In einer eher mühsam nachvollziehbaren Schlangenlinie geht es von oben nach unten. Doch die Module funktionieren auch einzeln.
Einer Friedensdemonstration auf der Theresienwiese im November 1918 folgte die Räterepublik und deren schnelles Ende: Ein Foto zeigt den Eisendreher Johann Lehner vor seiner Erschießung durch Regierungssoldaten im Mai 1919. München wurde zum Zentrum der Gegenrevolution und zum Sammelbecken der Republikfeinde. Völkische, antisemitische und nationalistische Ideen blühten hier wie sonst nirgendwo. Dass die Formierung der NSDAP hier ihren Anfang nahm und München schließlich zur „Hauptstadt der Bewegung“ wurde, war mithin kein Zufall.

Immer wieder werden Biografien als Erzählelement herangezogen – Lebensläufe nicht nur von Münchner Tätern, sondern auch von Münchner Opfern und Widerstandskämpfern. Der Ausstellung gelingt es, anhand von konkreten lokalen Beispielen den Alltag des Wegschauens, Zuschauens und Mitmachens während der Nazi-Herrschaft einschließlich der Kriegszeit zu beschreiben. So verdeutlicht die Übersicht über die in München existierenden Lager und Unterkünfte für Zwangsarbeiter deren Allgegenwärtigkeit. Auch die direkten Bezüge Münchens zum Verfolgungsort Konzentrationslager Dachau werden sichtbar.

Den Anfängen wehren

Sicherlich ist es ein Verdienst des schließlich unter der Führung des zweiten Gründungsdirektors, Winfried Nerdinger, erarbeiteten Ausstellungskonzepts, dass der skandalöse Umgang mit der NS-Vergangenheit in der Stadt thematisiert wird. Exemplarisch dafür steht die nahe Umgebung des NS-Dokumentationszentrums selbst. Auf dem von den Nazis als Aufmarschplatz genutzten Königsplatz fand 1980, sechs Wochen nach dem neonazistischen Oktoberfestattentat, eine Rekrutenvereidigung statt. Ministerpräsident Strauß sprach damals vom unverkrampften Verhältnis zum Militärischen als politischer Gestaltungsform. Erst ab 1996 informierte eine von einer Privatinitiative aufgestellte Tafel öffentlich über die Vergangenheit des Areals.

Überall in der Ausstellung lauern formelhafte Erkenntnisziele: Den Anfängen wehren, Wachsamkeit entwickeln gegenüber der Ausgrenzung von Minderheiten, Wider das Vergessen. Es bleibt zu hoffen, dass die extrem um Ausgewogenheit und Differenzierung bemühte, vielleicht zu pädagogisch-lehrerhaft erzählende Dauerausstellung als Lernort angenommen wird. Aber wem die Führung durch die Obergeschosse zu langweilig ist oder wer einfach detaillierte Informationen sucht, der kann sich im 2. Untergeschoss an Medientischen und Computern abarbeiten, die zur spielerischen Vertiefung anregen.

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Politiker, aber auch Verfolgte des NS-Regimes scheinen sich in Bezug auf die peinlich verzögerte Realisierung dieses Erinnerungsortes auf die Sprachregelung „spät, aber nicht zu spät“ zu verständigen. Vielleicht sollte man angesichts einer gewandelten, kulturell heterogenen und stark migrantisch geprägten Stadtgesellschaft kritischer und vorsichtiger formulieren: Wahnsinnig spät diese Erinnerungsanstrengung – hoffentlich nicht zu spät. Wofür stehen die beiden Flat-Screens ganz am Ende der Ausstellung mit ständig aktualisierten Newstickermeldungen beispielsweise über rechtsextreme Ausschreitungen? Sind sie der mahnende Ruf „Nie wieder“? Oder sind die Nachrichten ein Zeichen dafür, dass wir viel zu viel versäumt haben?
Nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer wichtigen, aber auch sehr späten Diskussion um das Einwanderungsland Deutschland hätte man sich deutlichere Bezugnahmen und Kontextualisierungen an diesem Lernort gewünscht: Was haben das Oktoberfestattentat, die NSU-Morde in München-Ramersdorf und im Westend sowie fremdenfeindliche Haltungen und Ausschreitungen in München 2015 konkret zu tun mit der Geschichte und Nachgeschichte des Nationalsozialismus?

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