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Nordmann-Tanne Das Geschäft mit der Nordmann-Tanne

Der populärste Weihnachtsbaum ist nach dem Forscher Alexander von Nordmann benannt. Er hieß wirklich so. Wer war der Mann, der die berühmte Tannenart im westliche Kaukasus entdeckte?

16.12.2014 18:16
Eckart Roloff
Abies nordmanniana. Ihr Entdecker Alexander von Nordmann konnte nicht wissen, dass er den perfekten Weihnachtsbaum gefunden hatte. Foto: imago stock&people

Finnland, in diesem Jahr das Gastland der Frankfurter Buchmesse, oft das gelobte Pisa-Land, immer schon das Land der tausend Seen, von denen es in der Tat Tausende gibt. Ebenso das Land, in dem kein Finne an einer Sauna vorbeigeht, ohne sie auch aufzusuchen. Nicht zuletzt ein Land, in dem eine Sprache gesprochen wird, die für Ausländer unerlernbar ist. Guten Appetit heißt hyvää ruokahalua, das Buch kirja, der Baum puu, der Weihnachtsbaum joulukuusi.

Wie will man da wissen, dass der Weihnachtsbaum unter einem weniger komplizierten Namen ganz viel mit Finnland zu tun hat, wenigstens die in unseren Breiten seit langem populärste Art, die Nordmanntanne? Kommt die vielleicht aus Finnland? Nein, das nicht, aber der Mann, der sie aufspürte, der war ein Finne, ein Professor obendrein. Mit diesem klaren Namen, den jene Tanne als Abies nordmanniana seit 1842 führt: Nordmann, genauer Alexander von Nordmann, und ganz vollständig Alexander Davidovich von Nordmann (1803–1866). Das deutet hin auf deutsche und russische Klänge. Und tatsächlich: Mit beiden Kulturen hatte Nordmann zu tun.

Das kommt auch daher, dass das finnische Bildungswesen zu seiner Zeit natürlich noch nicht so entwickelt war wie zu Pisa-Zeiten. Es gab nur eine Universität. Sie war, 1640 als Königliche Akademie in der damaligen Hauptstadt Turku (schwedisch Åbo) eröffnet, 1828 nach Helsinki gezogen, die neue Hauptstadt. Da sah sich manch kluger Kopf lieber anderweitig um, etwa in Deutschland oder in Russland; überdies gehörten weite Teile des Großherzogtums Finnland seit 1809 zum Zarenreich. Zuvor hatte Alexander I. das Land okkupiert – ausgerechnet dessen Namen wird unser Mann bekommen.

Lehrer für Zoologie und Botanik

1803 ist Nordmanns Geburtsjahr. Sein Geburtsort Ruotsinsalmi bei Kotka am Finnischen Meerbusen liegt im Reich vieler Schären. Da Nordmanns Vorfahren aus Schweden eingewandert waren, aber Großvater wie Vater in russischen Diensten standen, lässt sich gut vorstellen, was der junge Alexander von klein auf mitbekam: Orientierung in mehreren Richtungen und Sprachen. Aus seiner Zeit am Lyzeum von Porvoo/Borgå ist überliefert, dass er das Fach Naturgeschichte besonders mochte. Das verstärkt sich von 1821 an während des Studiums in Turku.

Schon mit 24 Jahren ist der offenbar begabte Nordmann Doktor der Philosophie, damals ein Sammeltitel für alle möglichen Fächer. Und dann geht er (nicht ungewöhnlich für einen, der etwas werden will) weg aus dem abgelegenen Finnland, ab nach Deutschland in das anregende Berlin – auch eine Gelegenheit, die Sprache zu perfektionieren, zu der sein Name so passt. Fünf Jahre studiert er dort, bis zu Goethes Todesjahr 1832.

Die Professoren Karl Asmund Rudolphi, ein in Stockholm geborener Anatom, Tier- und Pflanzenforscher, sowie Christian Gottfried Ehrenberg, ein Mikrobiologe und Geologe, der viele Arten entdeckte, werden dort seine prägenden Lehrer. Nordmann macht in Berlin gleich noch einen Doktor, den Dr. med. Er kann, er will offenbar eine Karriere starten. Sein Buch „Mikrographische Beiträge“, 1832 auf Deutsch erschienen, wird ein Klassiker.

Bald darauf ist er jedoch ganz anderswo zu finden: in Odessa am Schwarzen Meer, als Lehrer für Zoologie und Botanik am angesehenen Lyzeum Richelieu. Von dort aus wird er eine Berühmtheit seiner Zeit. Und er kommt dem einen Baum näher, der heute Jahr für Jahr millionenfach verkauft wird. Die Quellen aus jener Epoche sagen dazu wenig. Bekannt ist jedoch, dass er in Odessa auch Leiter der Hochschule für Gartenbau war. Und dass er eine Kusine heiratet, Helena ihr Name. Die beiden bekommen zwei Töchter und einen Sohn.

Odessa ist seit jeher ein lebhafter Hafen- und Handelsplatz; neben Russen leben dort Franzosen, Griechen, Bulgaren. Ein schwedischer Biograf bescheinigt Nordmann die Qualität eines Kosmopoliten, der viele Sprachen konnte; Latein war natürlich auch darunter. Vom Wesen her sei er „vänlig och hjälpsam“ gewesen, also freundlich und hilfsbereit, einer, der lebenslange Freundschaftsbande mit einem großen Teil der Forscherelite in Europa knüpfte.

Aus der Korrespondenz allein mit dem Esten Karl Ernst von Baer, 1971 in der Gießener Universitätsbibliothek aufgespürt, sind 42 Briefe erhalten. Von Baer (1792–1863) war ein ebenfalls sehr vielseitiger Naturforscher, der unter anderem die menschliche Eizelle entdeckte.

Themen hat Nordmann für solche Korrespondenzen und seine 58 Publikationen in großer Zahl. Schließlich forscht er über Fische, Vögel, Insekten, Schalentiere und Parasiten; acht Säugetierarten werden später nach ihm benannt. Er schafft aber noch viel mehr: als ambitionierter Paläontologe, der in vier Bänden die fossile Entwicklung Südrusslands beschreibt. Gern macht er mit bei Exkursionen und Grabungen, auf der Krim und im Kaukasus – dort, wo heute auch Handel getrieben wird mit Wein und Sonnenblumen, mit Paprika, Orangen und Melonen.

Im westlichen Kaukasus, in den Bergen bei Borchomi im heutigen Georgien, stößt der 35-Jährige – natürlich ohne jeden Gedanken an Christbäume, die es ja noch kaum gab – zwischen 1000 und 2000 Meter Höhe auf eine eindrucksvolle, aber noch nicht bewusst wahrgenommene Tannenart mit geradem Stamm, mit dichten, kräftigen Zweigen und langen, tiefgrünen Nadeln.

Sie kann dort an die 60 Meter hoch werden. Nach seinem Fund erhält sie 1842 den botanischen Namen Abies nordmanniana; 1838 hatte sie Christian von Steven, ein Russe mit schwedischen Wurzeln, erstmals beschrieben. Nordmann hat ihn unabhängig davon in einem längeren Beitrag gewürdigt.

Nord und Mann, hinter dieser knappen Kreuzung aus polaren Weiten und kernigem Mann (inklusive Weihnachtsmann) steckt also keine der cleveren Firmen, wie man denken könnte, die Markennamen nach Maß erfinden und, demoskopisch getestet, auf Markterfolge spekulieren, sondern einer, der so hieß. Von 1841 an wird sie kultiviert und allmählich nach Westeuropa gebracht. Unverändert sind es diese alten Herkünfte, die heutige Saatgutzüchter und Plantagenbetreiber am meisten schätzen.

Die üble Folge: „In den Gegenden dort tobt manchmal ein richtiger Saatgutkrieg, da spazieren schon mal Leute mit Pistole und Maschinengewehr umher“, sagte der Pflanzenphysiologe Jürgen Matschke einmal, der oft in Georgien war und ein Buch über Weihnachtsbäume schrieb. Da es für die Zapfenpflücker dort immer mühevoller wird, noch alte Bäume zu finden und auf sie zu klettern, baut man inzwischen in Deutschland Saattannen an. Viel in Sachen Nordmann wird am Gartenbauzentrum in Münster-Wolbeck geforscht.

Experten wissen alles über diese Tanne: Dass der Zeitaufwand für sie pro Hektar und Jahr rund 80 Stunden beträgt, in der üblichen Landwirtschaft dagegen meist nur zehn Stunden. Und dass sie ursprünglich auf humosen, nährstoffreichen Lehmböden wächst, sehr strenge Winter nicht mag und unter Weißtannentriebläusen, Pilzen und Tannenborkenkäfern leiden kann.

Als Exemplar aus Baumschulen ist die Nordmanntanne vor allem deshalb begehrt, weil sie über ihr gutes, schön anzuschauendes Bild hinaus pflegeleicht und nicht zu stachelig ist. Zudem hält sie sich einige Wochen lang auch bei Zimmertemperatur gut, besonders, wenn sie vor dem Aufstellen in Wasser unten zwei bis drei Zentimeter abgeschnitten wird. Dazu raten Fachleute.

Das Nordmann-Geschäft boomt, der Kunststoff-Konkurrenz zum Trotz. Vor 25 Jahren etwa machte der Anteil dieser plastikfreien Tannen in Deutschland nur knapp ein Drittel der jährlich gut 25 Millionen verkauften Weihnachtsbäume aus. Heute sind es rund 80 Prozent, davon viel Importware aus Dänemark, Polen und Irland.

Zurück zu unserem Pionier. 1849, ein Jahr nach dem Tod seiner Frau, geht Nordmann zurück nach Finnland. Das eifrige Arbeiten wird dort mit der Professur für Naturgeschichte und von 1852 an mit der für Zoologie belohnt, an der Universität in Helsinki. Er hält sehr gut besuchte Vorlesungen und praktiziert die heute oft geforderte Interdisziplinarität – und verausgabt sich.

Heute spricht man von Burnout und Stress (unter dem auch Bäume leiden können). Sein Herz macht nicht mehr mit. Er stirbt als hochgeschätzter Gelehrter – 29 Fachgesellschaften und Akademien führten ihn als Mitglied – am 25. Juni 1866.

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