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Nofretete Noch eine Sensation

Im Berliner Neuen Museum wird Nofretete endlich wieder zum Teil der Kulturgeschichte Alt-Ägyptens. Nicht nur anerkannte Ägyptologen sind noch immer gebannt von der Frage: Wer war eigentlich Nofretete?

05.12.2012 21:58
Nikolaus Bernau
Nofretete aus der Gipsformerei der Staatlichen Museen zu Berlin. Foto: dpa

Im Berliner Neuen Museum wird Nofretete endlich wieder zum Teil der Kulturgeschichte Alt-Ägyptens. Nicht nur anerkannte Ägyptologen sind noch immer gebannt von der Frage: Wer war eigentlich Nofretete?

Nofretete ist der Marketing-Hit der Staatlichen Museen zu Berlin. Diese Schönheit, dies raffinierte Make-Up, die Erotik der Augenbrauenschwünge. Wer bezweifelt da ihre auch politische Macht?

Vor genau 100 Jahren wurde von dem Ägyptologen Ludwig Borchardt und seinen Kollegen die inzwischen berühmteste Büste der Welt ausgegraben. Seit 1907 arbeiteten sie in den Ruinen der einstigen ägyptischen Hauptstadt Achet-Aton, dem heutigen Tell-Amarna. 1913 waren die ersten Funde in Berlin zu sehen, seit 1924 ist die Büste der Nofretete öffentlich ausgestellt. Und je mehr Zeit vergeht, desto wichtiger erscheint die Königin in vielen Büchern, desto schwächlicher König Echnaton.

Selbst anerkannte Ägyptologen verfallen dem Reiz der psychologisierenden Spekulation: Wer war Nofretete? Immer dramatischer wird auch die auf nur einen Gott Aton ausgerichtete Religionsrevolution dargestellt, die Echnaton – oder beide? oder gar nur Nofretete? – durchzusetzen versuchte. Amarna, diese nur knapp 25-jährige Episode, wird zum Kern Alt-Ägyptischer Geschichte stilisiert. Und wie sie mit Kindern spielten, sich liebkosten. Es fehlt oft zum idyllischen Bild einer modernen Kleinfamilie nur noch der Weihnachtsbaum.

Es ist hohe Zeit, die historische Proportion der Königinnen-Büste wieder herzustellen. Ein Unternehmen, dem die Berliner Staatlichen Museen – die den Schönheits-Mythos Nofretete wesentlich mit aufgebaut haben – sich nun tapfer stellen. Mit einer Ausstellung, die aus vielen Gründen ein Muss ist – und sei es nur, weil hier die Akten der Erwerbung von 1913 ausgebreitet werden.

Kultur, nicht Kunst Amarnas

Schon im 19. Jahrhundert waren etwa 200 Keilschrifttafeln aus dem Staatsarchiv Echnatons für das Berliner Museum erworben worden, auch ein Fragment seines Sarkophags kann gezeigt werden. Doch welchen Reichtum die von dem Mäzen James Simon finanzierte Ausgrabung Borchardts erbrachte, wie viel davon – 5500 Objektnummern – nach den Fundteilungen durch die ägyptische Altertümer-Verwaltung an die Spree kam, das wird erst jetzt deutlich. Es ist nämlich das erste Mal, dass sich in Berlin eine Ausstellung auch der breiten Kulturgeschichte der Amarna-Zeit widmet.

Selbstverständlich findet man also die altbekannten, vorzüglichen Bildnisse von Königin Teje, ihrem Gemahl Amenophis III., von Echnaton und Nofretete, den Kindern und das hinreißende Portrait des Tut-ench-Amun. Doch daneben sind nun eben auch faszinierenden Keramikarbeiten erklärt, sieht man schlichte Schuhe aus Leder und Perlengeschmeide aus Glas und Fayence. Da steht in der von Duncan McCauley entworfenen Inszenierung ein großes Modell eines monumentalen Aton-Tempel.

Es zeigt, wie brutal Echnaton in die Glaubens-Traditionen seiner Untertanen eingriff: Die Sonne sollte auch in die innersten, heiligsten, sonst tiefdunklen Kammern des Tempels fallen. Götterstatuetten und kitschige Talismane belegen aber, dass auch unter Echnatons Sonnenreligion, die nur Platz hatte für einen dunklen, hoffungslosen Tod, die Sehnsucht nach Gefühl und künftiger Erlösung erhalten blieb.

Die Wohlhabenden repräsentierten mit von Hieroglyphen überzogenen Türrahmen und eleganten Säulen. Man fragt sich schnell: Wie groß muss erst der Glanz im Palast gewesen sein? Nur wenig entfernt finden wir das Modell der Werkstatt des Thutmosis, in dem die Königinnen-Büste ausgegraben wurde, aber auch Grundrisse von Arbeiterhäusern und eine Sammlung von Werkzeugen. Erstmals seit 1913 (!) ist das gesamte nach Berlin gekommene Inventar der Thutmosis-Werkstatt zu sehen, die Masken und Gipsabgüsse, Modelle und jene Statuette der Königin, die mit ihren etwas hängenden Brüsten eine Frau in den besten Jahren zeigt.

Die Sensation

Die eigentliche Sensation aber verbirgt sich auf einem Foto in einer Nebenkammer. Zu sehen ist eine in einem Stein-Bergwerkentdeckte Inschrift, die belegt: Nofretete war bis kurz vor dem Tod Echnatons dessen Hauptgattin. Ganze Buchregale mit Spekulationen, ob sie sich an seine Stelle gesetzt habe, gestürzt wurde, den Intrigen einer Haremsdame zum Opfer fiel – alles Makulatur. Ein Sieg klarer rationaler Forschung über das schwiemelnde Mythenschreiben.

So wie die ganze Ausstellung vor allem einem Ziel gewidmet ist: Dem vielen Gerede eine rationale Grundlage entgegen zu stellen. Seyfried ist dabei von erfrischender Nüchternheit: „Wie beteiligen uns nicht am heiteren Mumienraten“, antwortet sie etwa auf die Frage, von wem denn nun Tut-ench-Amun, der Nach-Nachfolger Echnatons abstamme: Zwar sei dank gentechnischer Untersuchungen klar, welche Mumien die seines Vaters und seiner Mutter sind. Doch wer diese Mumien waren, das sei keineswegs klar.

Sicher, auch hier bleibt noch vieles unbeschrieben, ärgerlicher Weise selbst die Funktion Nofretetes als Teil der modernen Nationalbewusstseins in Ägypten. Um das zu erklären, reicht die lustige Souvenier-Sammlung, die die Ausstellung ergänzt, nicht aus. Doch ist hier ein Anfang gemacht. Einer, der die Schönheit der Nofretete-Büste nicht demontiert, sondern mit dem historischen Hintergrund versieht, der ihre Eleganz erst richtig aufregend macht.

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