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Niklas Frank „Wir sind immer noch bereit, unseren Verstand abzugeben“

Für den Autor Niklas Frank war die Entnazifizierung ein Fehlschlag. Ein Gespräch über mangelndes Schuld- und fehlendes Rechtsbewusstsein sowie die Gewissenlosigkeit der AfD heute.

Rechtsaktivisten
Rechtsaktivisten bei der Demo, ein Jahr nach der Kölner Silvesternacht. Foto: imago

Niklas Frank schreibt in seinem Buch „Dunkle Seele, feiges Maul“ über die misslungene Entnazifizierung. Dafür hat er Tausende Akten studiert. Frank ist der Sohn von Hans Frank, Generalgouverneur von Polen, als Kriegsverbrecher bei den Nürnberger Prozessen 1946 gehängt. Er ist bekannt als der „Schlächter von Polen“. Franks Mutter Brigitte galt als „Königin von Polen“.

Herr Frank, nach dem Zweiten Weltkrieg wollten die Siegermächte Deutschland entnazifizieren. Musste jeder Erwachsene einen Entnazifizierungsbogen ausfüllen?
Zunächst haben die Amerikaner alle verhaftet, die irgendeinen Titel hatten. März 1946 wurde das Ganze dann in deutsche Hände gegeben. Im Westen gab es die sogenannten Spruchkammern: Das waren keine ordentlichen Richter, sondern Beamte, die unbeschadet das Dritte Reich mitgemacht hatten. Die haben mit Beisitzern, die auch unbelastet sein sollten, die Mitglieder der NSDAP erfasst, die alle einen Entnazifizierungsbogen ausfüllen mussten. Da wurde einfach alles abgefragt, von der Augenfarbe über Schmisse bis hin zu Behinderungen.

Man nannte sie die „Betroffenen“. Das heißt, dass sie zunächst als Täter eingestuft wurden. Oder?
Alle, die in der NSDAP waren, erhoben den Anschein, potentiell aktiv mitgemacht zu haben, daher mussten sie das Gegenteil beweisen. Ihre grundsätzliche Verteidigungslinie war: „Wir waren zwar in der Partei, um die Familie zu schützen, oder wegen des Jobs, aber im Grunde waren wir ganz starke Anti-Nazis.“ Viele brachten Bescheinigungen von Leuten, die ihnen trotz ihrer SS-Mitgliedschaft eine antifaschistische Einstellung bestätigen sollten. Wichtig war auch immer das Zeugnis des Dorfpfarrers. Wenn einer nicht aus der Kirche ausgetreten war, war das schon die halbe Miete. Was mich sehr geärgert hat, war die Nachfrage nach dem Wissen über andere: „Haben Sie in Ihrem Verwandtenkreis oder unter Freunden Mitglieder, die wichtige Funktionen hatten in der NSDAP?“ Das war ein reiner Aufruf zur Denunziation. Einige schrieben dann brav vom Ex-Schwager.

Wie erging es Ihnen, während Sie Tausende Entnazifizierungsakten studiert haben?
Es hat mich in jede emotionale Richtung unheimlich aktiviert. An einer Stelle habe ich aus Zorn geschrieben: „Ich hoffe, sie sind alle an Krebs verreckt.“ Man wird so sauer, auch weil man merkt, dass das mitnichten vorbei ist. Das Verhalten der Leute während der Nazi-Zeit wurde ja so gut wie nie in den Familien beredet. Sie müssen also damit rechnen, dass das wieder in einem Sumpf aufblüht. Das macht mich sehr lebendig, ebenso das Lachen. Ab und an gab es ja immer mal jemanden, der wenigstens an einem Punkt Mut bewiesen hat. In den Akten finden sich zum Teil irre Geschichten, die man nicht erfinden kann. Viele Leute beschimpfe ich zuerst und sage dann Chapeau, wie beispielsweise bei einem SS-Mann, der eine Jüdin heiratet: Der hat aus Liebe auf alles gepfiffen. Oder der Mann, der von den Nazis verfolgt wurde, weil er einmal eine Gemeindewahl nicht gefälscht hat. Toll ist so was.

An manchen Stellen schreiben Sie sehr sarkastisch, auch mit viel Ironie. Warum wählen Sie die Emotionalität als sprachliches Mittel?
Ich bin kein Historiker. Historiker haben längst festgestellt, dass die Entnazifizierung nicht geklappt hat. Für mich war es spannend, in die Einzelfälle und möglichst in die Masse der Unbekannten einzutauchen, in die Seele des deutschen Volkes. Ich wollte schauen, wie es zu Hause bei den Leuten war. Es hat mich ungeheuer gepackt, wie das System in jedes einzelne Leben eingegriffen, welche Angst es verbreitet und dadurch die niedrigsten Charaktereigenschaften ans Tageslicht gebracht hat. Und vor allem auch, wie die Leute redeten. Beispielsweise haben viele von dem „Judenauto“ gesprochen. Wer weiß denn heute etwas von einem „Judenauto“? Das „Judenauto“ war das Auto, das die Juden abgeholt hat. Das war allgemeiner Sprachgebrauch. Oder dass Leute, die bei Juden einkauften, fotografiert und die Bilder in Kästen ausgehängt wurden. Die Reichspogromnacht wurde als „Judenausschreitungen“ bezeichnet und sprachlich einfach gedreht. Daher greife ich immer wieder in die Texte ein und schreibe, was die Leute eigentlich hätten sagen sollen. Die Aussagekritik war für mich sehr wichtig.

Warum ist die Entnazifizierung Ihrer Meinung nach gescheitert?
Kein Mensch war ehrlich. Vom Rechtssystem her war es richtig, denn es gibt immer eine persönliche Schuld und keine Gesamtschuld. Teilweise wurden auch gute Urteile gefällt, durch den Kalten Krieg ist aber vieles wieder aufgehoben worden. Vor allem, weil die als „belastet“ Eingestuften alle in Berufung gingen und unter Adenauer 1951 sowieso Schluss war mit der Entnazifizierung. Auch die FDP hat seinerzeit mit dem Ende der Entnazifizierung Wahlwerbung betrieben, die wussten natürlich, was ihre Klientel wirklich darüber dachte.

Wie hätten Sie es denn gemacht?
In jedem Fall ohne Gerichts- oder Spruchkammerverhandlung, denn die waren immer öffentlich. Da mussten die Leute ihr Gesicht wahren. Eigentlich hätten sie alle einer psychischen Behandlung bedurft, die sie dazu bringt, ehrlich zu sein. Man hätte die Parteimitglieder, die Nazis dazu bringen müssen, über ihre Feigheit zu sprechen. Wenn du etwas aussprichst, hast du erstens ein Wohlgefühl in dir und zweitens eine Distanz, die dich die Dinge genauer erforschen und die eigene Feigheit erkennen lässt. Denn nur daraus folgt das Arbeiten an der eigenen Zivilcourage, die den Deutschen so abgeht. Das ist natürlich ein unglaublich aufwendiges Verfahren bei zehn Millionen Parteimitgliedern. Außerdem waren die Psychologen auch zum großen Teil Nazis – ich gebe also zu, es ist schwer.

Die Nazis haben denunziert, ging das während der Entnazifizierung gerade weiter?
Das Dritte Reich muss von der Denunziation gelebt haben. Manche gaben an, nie jemanden denunziert zu haben, was man aber nur sagt, wenn es allgemein üblich war. Während der Entnazifizierung haben sie ihre eigene Schuld in erster Linie nach unten formuliert. Schuld hatte die nächsthöhere Instanz, die ihnen das Mitmachen befohlen hat. Hätten sie andere als größere Nazis bezeichnet, hätten sie sich selbst sofort geoutet. Alles geschah angeblich ohne eigene Verantwortung. Doch natürlich gab es einige Denunziationen insofern, dass X oder Y als „scharfer Hund“ bezeichnet wurde, wodurch das eigene Licht im System schwächer leuchten sollte.

Woher kommt das Bedürfnis zur Denunziation? Will der Mensch nicht eigentlich seine Ruhe?
Ruhe bedeutet immer auch Toleranz: „Lass den doch einen Deppen sein.“‘ Bei den Deutschen ist das nicht so. Sie können nicht ertragen, wenn es anderen besser geht, obwohl der doch dieses und jenes gemacht hat. Nach 1945 wurde immer wieder geklagt, dass Top-Nazis plötzlich Mitläufer waren, während der kleine Blockwart noch mit seinem Entnazifizierungsverfahren rumkrebste...

Ist das nicht verständlich?
Natürlich, aber es geht doch eigentlich um meinen Kopf, was kümmert es mich? Ich habe nur deshalb etwas davon, wenn sie den Großen dran kriegen, weil ich mich freue. Das ist etwas Ungutes, weil es an meinem eigenen Urteil nichts ändert. Es ist reine Schadenfreude.

Ein großes Bedürfnis war, die Frauen der Nazi-Größen bluten zu sehen.
Innerhalb der Entnazifizierung wurde auch die Nutznießerschaft abgefragt. Nutznießer konnten, ohne NSDAP-Mitglied gewesen zu sein, genauso angeklagt werden. Deswegen waren die Göring, die Ribbentrop oder meine Mutter (Brigitte Frank, d. Red.) schon berechtigterweise dran. Was das Vermögen betrifft, hat zumindest die Familie Frank gebüßt, denn es wurde alles enteignet. Doch was haben die vorher für ein Leben geführt? Meine Mutter hat nicht einmal die Volksschule beendet, weil ihr Vater Selbstmord begangen hat. Dann wurde sie Frau Reichsminister und Frau Generalgouverneur, war ganz oben, lebte ein Luxusleben, und plötzlich musste sie betteln gehen. Das ist schon eine andere Lebenskurve als die unsrige. Einen Satz hat sie mir hinterlassen, der mich sehr getröstet hat: „Wenn ich an früher denke, wir waren gnadenlos.“ Sie waren erschreckend gnadenlos, das Gut meines Vaters war eine Art Königshof mit unzähligen Querverbindungen zur SS. Daher wussten sie auch alle, was in den Vernichtungslagern vor sich ging.

Die meisten der Frauen kamen einigermaßen glimpflich davon.
Am besten weggekommen ist Winifred Wagner, die durfte nur die Festspiele nicht mehr leiten, Göring wurde als Minderbelastete eingestuft. Man muss aber auch sagen: Die Göring und die Wagner haben tatsächlich Menschen gerettet, und das ist eine Leistung, die man anerkennen muss. Hierzu gibt es genug eidesstattliche Erklärungen. Meine Mutter hat nie jemanden gerettet, die Heydrich auch nicht.

Ist das nicht ein ähnliches Phänomen wie bei dem kleinen Bürokraten?
Die Top-Nazis waren sehr im Fokus. Und das die großen Damen, die einst mit den Pelzen durch die Gegend liefen, auf einmal klein waren, war schön für die Leute. Daher haben sie sich auch geärgert, dass die teils so gut wegkamen, was natürlich zeigt, dass diese Leute keinerlei demokratisches Rechtsverständnis hatten. Im Grunde geht die Unmenschlichkeit genau so weiter, wie sie durch die Nazis gelehrt worden ist.

Was unterscheidet den Schadenfreudigen von dem Blockwart?
Von der Grundkonstitution her ist es das Gleiche, daher spreche ich auch von einer ununterbrochenen roten Linie von der Nazi-Zeit zur Entnazifizierung bis heute. Wir haben nichts aus dieser Zeit gelernt, obwohl die große Chance da war. Ich habe tausendfach erlebt, dass nie über diese Zeit im Kontext der eigenen Familiengeschichte gesprochen wird. Vielmehr schwieg man um des lieben Friedens willen – was natürlich Feigheit ist. Ein anderes Beispiel: Das bayerische Scheinfeld hat eine Straße nach ihrem ehemaligen Bürgermeister Karl Lax (1933 – 1945) benannt, der sich nachweislich an jüdischem Eigentum bereichert hat. Ich habe die Verantwortlichen darauf hingewiesen, die sehen keinen Handlungsbedarf. Und das ist kein Einzelfall.

Mit der roten Linie meinen Sie das fehlende Rechtsbewusstsein?
Ja. Von Seiten der AfD hieß es kürzlich: „Wir räumen auf, wenn wir an der Macht sind.“ Und Aufräumen heißt zunächst das Abschaffen einer unabhängigen Presse. Das ist für mich dieselbe Linie, wie das „Aufräumen“ mit den Juden. Das hat einfach niemanden gekümmert. Die hatten zwar alle ein schlechtes Gewissen, doch über die Abtransporte wurde hinweg gesehen – lieber hat man sich aus der verlassenen jüdischen Wohnung die Kommode geholt. Ich bin mir sicher, dass selbst der glühendste Nazi wusste: Das ist nicht recht.

Woher kommt diese kollektive Gewissenslosigkeit?
Das ist die dunkle Seele … Nein, ich habe auch keine Erklärung dafür, warum das immer so weitergeht. Was ich mit dem Buch erreichen will, daher habe ich auch meine Mutter mit hineingenommen, ist, dass die Leute endlich einmal in die Archive gehen. Da liegen 3,6 Millionen Akten herum, so viele Menschen könnten sich orientieren. Aber die Leute drücken alles weg, und sobald mal jemand daran rührt, gibt es Ärger. Niemand will sich persönlich auch nur in die Nähe des Dritten Reiches begeben.

Sie sagen, Feigheit sei deutsch. Weshalb?
Churchill hat einmal gesagt: „Du hast die Deutschen entweder an deiner Kehle oder zu deinen Füßen.“ Das hat sehr viel mit Feigheit zu tun. Wenn sie in der Siegerposition und viele sind, sind sie mutig. Sobald sie haftbar gemacht werden sollen oder zu sich selbst stehen, ist die Feigheit sehr groß. Das ist für mich ein Wegdrücken.

Was hat das Aufkommen der Rechten mit der erfolglosen Entnazifizierung zu tun?
Es ist dieselbe Feigheit, die unterwegs ist. Ich meine Pegida, AfD, CSU, ich meine auch einige in der SPD und CDU. Das sind für mich teilweise Leute, die dringend ein Entnazifizierungsverfahren bräuchten. Diese Aushöhlung der Demokratie durch die Politiker in allen Reihen finde ich sehr bedenklich. Und die kommt daher, dass man die Verbrechen der Deutschen nicht wirklich anerkennt, stattdessen aber mit hohlen Phrasen um sich wirft – „Wir müssen die Verantwortung tragen“. Kein Mensch geht nach Hause und sagt etwas in dieser Art zu seiner Frau, das ist eine Null-Formel. Wir sind durch unsere Verbrechen ein auserwähltes Volk, denn wir wissen, dass es vom Kleinsten bis in die Gasöfen führen kann. Trotzdem sind wir immer noch bereit, unseren Verstand abzugeben. Wenn ich höre, wie Gauland den Höcke verteidigt, dann ist das das Abgeben des Verstandes zugunsten einer rechtsextremen Ideologie. Die Feigheit ist in der schweigenden Mehrheit verankert und damit auch das Abgeben der demokratischen Werte bis hin zu einem starken Führer. Wenn die deutschen Rechten so einen Typen hätten wie den Österreicher Haider: braungebrannt, gutaussehend, rhetorisch sehr gut, hätten die bei den Wahlen ganz andere Werte.

Wo sehen Sie den Unterschied der anderen europäischen Länder zu Deutschland?
Die haben alle nicht solche Verbrechen begangen wie wir. Es gibt keinen Schüler in diesem Land, auch nicht den rechtsradikalsten, der nichts von diesen Verbrechen weiß. Doch wie es ist, sehen wir an Höcke: Denkmal der Schande, weg damit, die ganzen zwölf Jahre, nur weg.

Aber das Denkmal ist da …
Das Denkmal kommt nicht aus der Seele des Volkes, es ist vielmehr die Political Correctness unserer Denkmalbauer. Ich bin da sehr gerne und betroffen durchgegangen, vor allem auch durch das Dokumentationszentrum. Wer da nicht rausgeht und sagt „scheiße, was haben die Deutschen nur in den zwölf Jahren alles angerichtet?“, der will nicht hinschauen. Und so ist es ja auch. Sie gehen raus und wollen Deutschland wieder groß sehen.

Sie haben Bücher über Ihre Eltern geschrieben, Ihre Familiengeschichte aufgearbeitet. Empfinden Sie das nicht als mutig?
In unserer Demokratie ist das unheimlich leicht, es braucht dazu keinen Mut. Ich habe mich immer dagegen gewehrt, dass es mutig sei, mit der eigenen Familie aufzuräumen. Außerdem kann man nichts „aufarbeiten“, weil die Verbrechen nun mal da sind. Sie werden nach wie vor weggedrückt und nicht anerkannt – darum geht es. Es geht um Anerkennung und nicht um Abarbeiten. Wir sollten natürlich nicht mit Dackelblick durch die Gegend laufen, sondern das Leben genießen. Aber den Schmerz sollten wir in uns bewahren.

Interview: Katja Thorwarth

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