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Nick Cave in Frankfurt In Höllenschwefel geräuchertes Timbre

Spätromantiker Nick Cave und seine Bad Seeds beginnen in der Frankfurter Jahrhunderthalle eine kleine Deutschland-Tournee.

Nick Cave and the Bad Seeds
Nick Cave and the Bad Seeds. Foto: afp

Warum stehen Menschen in der Jahrhunderthalle, in die einzutreten sie eine nicht unbeträchtliche Summe gekostet hat, und filmen mit ihren Handys nicht einmal die Bühne, sondern die Großleinwand, auf die das Bühnengeschehen übertragen wird? „Der Arm fällt mir bald ab“, mosert eine. Recht geschähe es ihr!

Bei Nick Cave and the Bad Seeds passt diese Degenerationserscheinung so gar nicht: Der Spätromantiker und seine Band verströmen eine Unmittelbarkeit, die in postpost(postpostpost)ironischen Zeiten nur wenige Musiker wagen. Als messianische Gestalt einer kryptokirchlichen Kajalkonfession predigt er ganz vorn am Bühnenrand, ergreift gereckte Hände, stützt sich darauf, lehnt sich hinein.

Virtuose Kompositionstechnik

Die Intensität entsteht nicht aus virtuoser Kompositionstechnik; viele Titel des alternden Australiers (Cave ist gerade 60 geworden) sind aus wenigen flächigen Harmonien montiert. Meist dienen sie vor allem den Texten als Kulisse, selten vereinen sich Musik und Text wirklich zum Song wie bei „Into My Arms“ oder „Jubilee Street“. Heroischer Auftritt und musikalisch-lyrisches Konzept erinnern oft an Jim Morrison und die Doors, mit Neigung allerdings zu dissonanten Krachkakophonien, denen man die Wurzeln der Band im Dark-Wave-Industrial-Independent-Humus der frühen 80er anhört. Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten spielte bei der Gründung 1984 Gitarre.

Die aktuelle Besetzung ist größtenteils seit den 90ern stabil; neben Gitarre, Bass, Drums und Percussion (darunter Vibraphon) ist der jüngste Neuzugang Toby Dammit an Keyboards und einem leibhaftigen Mellotron. Unter den sieben Musikern sticht Warren Ellis hervor, ein graubärtiger, langmähniger, stirnkahler Rumpelstilz mit Kompaktsynthesizer auf dem Schoß, am Flügel, mit Gitarre oder der Geige quer vor dem Leib, die er verzerrt schrabbelt.

Ein einziges Mal, bei der Ballade „Distant Sky“, zu der Elsa Torp von der Leinwand die weibliche Stimme beisteuert, lässt Ellis die Violine an seiner Schulter weinen. Sonst duldet Caves tremolöser Bariton kaum Melodisches neben sich. Wenn der Mann sich so ungern als erster Goth verehren lässt, warum gibt er seinem Gesang dann so ein in Höllenschwefel geräuchertes Timbre?

Unter den samt Zugaben 18 Songs sind viele vom aktuellen Album „Skeleton Tree“, auf dem der langjährige Heroin-Junkie den Tod seines Sohnes zu verarbeiten versucht. Er stürzte 2016 mit 15 Jahren im LSD-Rausch von einer Klippe. Zur ersten Zugabe „The Weeping Song“ von 1990 stürzt Cave sich ins Publikum, lässt sich auf Händen, Schultern tragen – was die Leinwandfilmer erst mitbekommen, als es auf der Leinwand zu sehen ist. Nach dem obszönen Gangsterdrama „Stagger Lee“ mit zwei Dutzend Menschen aus dem Publikum auf der Bühne beendet „Pushing The Sky Away“ das erste von fünf ausverkauften Deutschland-Konzerten.

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