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Neue Zeiten „Wir kommen nicht hinterher“

Der Philosoph Thomas Leinkauf im FR-Interview über das beunruhigende Leben an der Schwelle zu einer neuen Zeit und die Arbeit „am offenen, pulsierenden Herzen des Wissens“.

Coronavirus
Schon wieder eine neue Welt? Ein Coronavirus unter dem Elektronenmikroskop. Foto: rtr

Herr Leinkauf, wann haben Sie zuletzt ein Buch gelesen, das zweitausend Seiten Umfang hat?
Ich habe noch nie ein Buch gelesen, das zweitausend Seiten Umfang hat.

Warum muten Sie uns das zu?
Als ich anfing, das Projekt zu realisieren, war mir nicht klar, dass es einmal diesen Umfang haben würde. Aber das Buch ist so konstruiert, dass man es nicht von der ersten bis zur letzten Seite lesen muss. Querverweise und Indizes gestatten auch eine Benutzung, die auf ein bestimmtes Problem konzentriert ist oder bestimmte Begriffe in ihrem jeweiligen Kontext diskutiert sehen möchte.

Es geht Ihnen aber doch gerade ums Ganze der Renaissancephilosophie, nicht um eine Addition der einzelnen Disziplinen.
Man diskutiert immer wieder bei Figuren jener Zeit – nehmen Sie zum Beispiel Nicolaus Cusanus oder Martin Luther – darüber, ob sie noch Repräsentanten des Mittelalters oder schon der Neuzeit seien. Das scheint mir die Situation der Renaissance völlig zu verkennen. Sie markiert eine Schwelle, einen Übergang von einem in einen anderen Raum. Ihre Protagonisten sind in beiden Räumen und somit in keinem von beiden ganz.

Die Epoche und die Menschen in ihr werden geprägt, so schreiben Sie, von „Irritationen“.
Vier Irritationen scheinen mir zentral: Die Frage nach der absoluten Macht Gottes und der Kontingenz der Welt; die Pest und die Angst; die kopernikanische Wende und die Entdeckung der Neuen Welt; der Protestantismus und die Glaubensspaltung. Sie hängen miteinander zusammen und das Buch ist ganz wesentlich ein Versuch, auch ihre wechselseitige Dynamik darzustellen. So genau also zum Beispiel im Politikkapitel der widerspruchsreiche Weg von Dantes „De Monarchia“ aus dem frühen 14. Jahrhundert bis zu Jean Bodins „Six Livres de la République“ aus dem Jahre 1578 abgeschritten wird und man – wenn Sie so wollen – im Spiegel der Entstehung einer Staatstheorie die vertrackte Komplexität der gesellschaftlichen und der philosophischen Entwicklung erkennen kann, so klar ist auch, dass erst der Gesamtzusammenhang ein wirkliches Verständnis ermöglicht. Das ist nicht auf ein paar Seiten zu haben.

Entwicklung, kann man bei Ihnen lernen, besteht nicht nur im Ausdifferenzieren einer ursprünglichen Einheit.
Die Irritationen, von denen ich spreche, verbindet, dass sie alle die zuvor erreichte begriffliche und sachliche Komplexität extrem reduzieren. Die früher erreichten raffinierten Unterscheidungen und Abstufungen werden – häufig sachlich zu Unrecht, auch das wird thematisiert – als „scholastische Subtilitäten“ verspottet. Stattdessen kann – etwa in der Theologie – das absolute Prinzip unmittelbar dem einzelnen Sein gegenüberstehen. In den Augen der großen Denker der vorangegangenen Epoche ein philosophischer Grobianismus. Aber Sie sehen, wie diese Sicht zum Beispiel Luthers Blick auf das Verhältnis zwischen dem Menschen und seinem Gott geprägt hat. Aber man darf sich das nicht als Ableitung einer religiösen Praxis aus einem philosophischen Prinzip vorstellen. Es sind einander beeinflussende Parallelaktionen, Teile eines großen Leben, Denken und Hoffen bewegenden Prozesses. Ihm und seiner Widersprüchlichkeit nachzugehen, machte einen großen Reiz bei der Arbeit an diesem Buch aus. Und hoffentlich auch beim Lesen. Nehmen Sie zum Beispiel die Skeptiker. Man versteht sie nicht, wenn man nur ihre skeptische Seite sieht. Zu fast allen gehört, dass ihnen, je mehr sie an der Möglichkeit zweifelten, dass der Mensch zu wahren Erkenntnissen gelangen könnte, desto größeren Wert auf den Glauben legten. Die seelische Rückseite des Skeptikers des 16. Jahrhunderts ist der Fideismus.

Eine wichtige Frage der Zeit war die nach der Wichtigkeit, nach der Würde des Menschen.
Ist alles, was ist, so, weil Gott es so will? Nimmt man das ganz ernst, dann kommt es auf den Menschen überhaupt nicht an. Dann spielt keine Rolle, was er tut oder lässt. Der alle Texte des Humanismus treibende Impuls ist dagegen: Es kommt auf uns an – est aliquid in nobis. Der Gang der Weltgeschichte ist auch unser Werk. Man muss das natürlich auch sehen auf dem Hintergrund der italienischen Stadtrepubliken. Das waren ja Bürger, die mitbestimmten über das Geschehen. Ein bisschen wie in den antiken griechischen Städten.

Luther, der so sehr betonte, dass alles von der Gnade Gottes und nichts von uns abhängt, war also radikaler Antihumanist?
So gesehen ja. Andererseits aber gar nicht. Er war ja auch Philologe. Die Philologie aber war die Lieblingsdisziplin der Humanisten. Da war Luther ganz nahe bei Erasmus. Aber nicht, wenn es um den Freien Willen ging. Man kann die Menschen nicht in eine Schublade schieben. Das eine Stück gehört in diese und das andere in jene.

Erzählen Sie von der Anatomie.
Die Anatomie ist sozusagen die Verkörperung einer Methode, nämlich der der Analyse. Sie wird zum Muster vieler wissenschaftlicher Vollzugsformen. Die Vorgabe der Tradition war dabei kurz diese: Zunächst gab es einen Professor, der aus einem Buch vorlas, meist aus der Galen-Tradition, der lector. Neben ihm stand ein Mann, der auf die Körperteile, von denen die Rede war, zeigte (monstrator) und dann gab es noch einen, der sie herausschnitt (sector). Man könnte die Geschichte der Anatomie als den Prozess ansehen, in der der erste Mann immer unwichtiger und der dritte Mann immer wichtiger wurde. Der Anatom gleicht so dem geographischen Explorator oder dem „Sezierer“ der res gestae, dem Historiker. Hier gibt es vielfältige Wechselwirkungen. Es war eine Zeit, in der nicht nur der Globus, sondern auch der Körper neu kartographiert wurde. Dann treten natürlich noch Fernrohr und Mikroskop hinzu.

Neue Welten werden erschlossen.
Und damit ändert sich das Individuum. Dantes Ich ist gewissermaßen eingebettet in die vertikale Hierarchie einer gotischen Kathedrale, während Petrarca sich in der horizontalen Landschaft eines realen individuellen Erfahrungsraums bewegt. In Dantes Kathedralen-Kosmos ist jede Stufe ein festgelegter, in sich stimmiger und stabiler Bereich. In Petrarcas Liebes-Kosmos ist jeder Moment ein unfestgelegter, ungewisser, instabiler Ausdruck der Selbstbewegung des Ich. Das Erschließen der „neuen Welten“ ist also nicht nur eine Sache der bekannten Welt-Exploration durch Kolumbus oder Magellan, sondern ebenso wird sich der Mensch selbst auch zu einer neuen Welt. Die expansive oder extensive Exploration führte unter anderem dazu, dass man glaubte, die bekannten Sprachen hätten nicht genug Worte, um die unbekannten, „neuen“ Dinge zu benennen und zu bestimmen, die intensive Exploration des Körper-und Seeleninneren führte analog zu neuen Begrifflichkeiten, wie etwa derjenigen der Subliminalität bei epistemischen Prozessen. Das hat unterschiedliche Konsequenzen, die in meinem Buch diskutiert werden. Bei Luther liegt dann auf dem Individuum die ganze Last seines unmittelbaren Verhältnisses zu Gott. Die Dantes Welt noch füllende Hierarchie von Priestern und Päpsten und Heiligen und Engeln wird bei Luther weggestrichen. Oder hineingelegt in jeden Einzelnen. Das Individuum steht allein seinem Gott gegenüber. Es gibt keine Beichte, keinen Sündenerlass mehr. Das Aufgehoben-Sein in einen sinnlichen Ritus, der farblich und geruchstechnisch etwas bietet, ist weg. Es bleibt das Wort und die Musik.

Sie beschreiben die Renaissance als Epochenschwelle zur Neuzeit. Leben wir nicht auch in einer?
In Wahrheit können wir das nicht miteinander vergleichen. Wir sind in einem bisher unvorstellbaren Maße unentwegt in immer neuen Konstellationen mit immer größerer Geschwindigkeit miteinander vernetzt. Das ändert alles. Unsere Lage hat sich, bevor wir sie erkennen und darstellen können, schon wieder geändert. Wir können so kein Bewusstsein unserer selbst bekommen. Das ist das Eine. Dann gibt es noch die in der Wissenschaft sich ereignenden Erkenntnisschübe: Mikrophysik, Mikrobiologie. Das ist unabsehbar. Wir arbeiten am offenen, pulsierenden Herzen des Wissens. Fängt der Teilchenbeschleuniger des Cern das Boson ein? Wie sieht eine Welt aus, die zu 75 Prozent aus dunkler Energie, zu 20 Prozent aus dunkler Materie und zu fünf Prozent aus all dem besteht, das wir kennen? Dessen müssen wir uns heute, Anfang des 21. Jahrhunderts, bewusst sein. Wir erkennen unsere Welt nicht wieder in den Erkenntnissen der Physiker. Wir Philosophen schon gar nicht. Wir kommen nicht hinterher.

Sagt der Philosoph.
Wir leben wahrscheinlich wirklich auf der Schwelle. Wir wissen, was hinter uns liegt. Aber wir sehen nicht, was kommt. Die Renaissance kannte noch keinen Newton. Das Neue hatte noch nicht sein Gravitationszentrum gefunden. Wir sehen die ungeheuren Veränderungen, wir sehen aber nicht das neue Gleichgewicht. Wir können es uns noch nicht einmal vorstellen.

Interview: Arno Widmann

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