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Neue Sachlichkeit Die Moderne, ein Irrenhaus

George Grosz hielt der Welt einen gnadenlosen Zerrspiegel vor: Eine Ausstellung in Brühl zeigt sehr selten ausgestellte Arbeiten aus den Jahren 1908 bis 1958.

25.10.2011 16:33
Georg Imdahl
Gieren nach Fleisch: „Ecce Homo“, 1921.

George Grosz hielt der Welt einen gnadenlosen Zerrspiegel vor: Eine Ausstellung in Brühl zeigt sehr selten ausgestellte Arbeiten aus den Jahren 1908 bis 1958.

Der Zufall will es, dass bei einer Ausstellung gerade jetzt zwei ausgewiesene Kenner kooperieren, die jeweils eine besondere Rolle im Skandal um die Kunstfälschungen der fingierten Sammlungen „Jägers“ und „Knops“ spielen: Ralph Jentsch, der Nachlassverwalter von George Grosz und maßgebliche Enttarner der über 50 Fälschungen – und Werner Spies, der lenkende Geist des Brühler Max-Ernst-Museums, der auf einige der raffinierten Blüten hereingefallen war und Jentsch zu der Ausstellung als Kurator eingeladen hat.

Degradierter Grosz

Wirklich Zufall? Aber ja doch, wird beteuert: Die Zusammenarbeit sei vor drei Jahren angedacht worden – lange vor der Enttarnung der Fälschungen, bemerkt Jentsch, der die genarrten Experten zuletzt mit ziemlich schonungsloser Kritik bedacht hat, Spies indessen davon ausnimmt. Für Jentsch stellt der museale Auftritt mit Grosz ein Argument in eigener Sache dar: Der in Rom lebende Experte des Malers der Neuen Sachlichkeit betreibt seit einiger Zeit in Berlin die Planung eines neuen George-Grosz-Museums und hat dafür nach eigenen Angaben bereits die nötigen privaten Financiers an der Hand. Nirgendwo in der Welt, so Jentsch, bekäme man in einem Museum mehr als zwei Bilder von Grosz zu Gesicht – was einer Degradierung eines der wichtigsten deutschen Künstler des frühen 20. Jahrhunderts gleichkomme.

Grosz als Maß aller Dinge

Grosz’ Bedeutung wird durch die Ausstellung im Rheinland glanzvoll bestätigt. Und unbestreitbar ist sie im Max-Ernst-Museum angemessen plaziert, hatte doch der Dada-Max höchstselbst seine Bewunderung für den gesellschaftskritischen Antipoden 1920 in einer neidischen Anmerkung zu Protokoll gegeben: „Zurzeit ist Grosz das Maß aller Dinge in Deutschland. Man isst à la Grosz, man kackt à la Grosz, man macht Liebe à la Grosz, man kotzt à la Grosz.“

Nass in nass

Tatsächlich verfügt in der Brühler Ausstellung ein jedes Blatt über alles, was ein Bild im vollen Wortsinn braucht, so dass in keiner Sekunde der Wunsch nach einer bemalten Leinwand aufkäme. Die Retrospektive mit Arbeiten auf Papier aus den Jahren 1908 bis 1958 wartet mit zahlreichen sehr selten oder noch gar nicht ausgestellten Spitzenblättern zumal aus den 20er-Jahren auf – und zeigt Grosz mit seinen späten Collagen als Künstler, der heute elektrisierend auf die jüngere Generation wirken müsste.

Als herausragenden Fund präsentiert die Ausstellung eine kürzlich aufgetauchte, großformatige Skizze zu dem verschollenen Gemälde „Deutschland, ein Wintermärchen“ (1918), das als Hauptwerk Grosz’ gilt und dieser selbst auch so eingeschätzt hatte. Aufgetaucht war das hier abgebildete, in der Öffentlichkeit zuletzt 1922 gesichtete Blatt im Nachlass des Sammlers Hans Koch, der es 1920 erworben hatte. An der Echtheit der Studie besteht für Jentsch nicht nur wegen der einwandfreien Provenienz kein Zweifel; er begründet sie auch mit der in Verruf geratenen Stilkritik. Wie Grosz in seinen Aquarellen die Farben „nass in nass“ aufs Papier bringe und dieses erst dann mit Konturen versehe – das mache dem Künstler keiner nach, so Jentsch.

Das Bild ist verschwunden

Verdichtet ist in der Wiederentdeckung der ganze Spott für die Gesellschaft und ihre „Stützen“ (Klerus, Militär, Bürgertum), wofür Grosz eine unnachahmliche Handschrift entwickelte: realistisch und karikierend, boshaft und komisch. Oben rechts entleert sich ein Popo über Deutschland. Das dazugehörige Gemälde verschwand, als der letzte Eigentümer, der Verleger Wieland Herzfelde, 1933 emigrierte. Eine Freundin hatte das Bild dem Zugriff der Nazis entzogen – aber an wen weitergegeben? Die Vermutung liegt nahe, dass der heutige Besitzer, so das Bild noch existiert, schweigt – weil er sich sonst mit einer Rückgabeforderung der Erben konfrontiert sähe.

Ein anderes Blatt, die „Dämmerung“ von 1922, ist ein neusachliches Paradebeispiel des sezierendes Blicks auf eine morbide Gesellschaft, die den Ersten Weltkrieg physisch und psychisch lädiert überlebt hat und an Phantomschmerzen leidet. Seltsam, könnte Kafka dazu bemerkt haben, dass solche Wesen gedeihen und sich fortpflanzen.

Collagen von hinreißendem Charme

Jentsch hat nicht einfach in den Fundus des Grosz-Nachlasses gegriffen, der mit seinen 2000 Arbeiten auf Papier einen sehenswerten Überblick ermöglicht hätte. Seine Auswahl berücksichtigt öffentliche und private Bestände auch aus Übersee wie eine Zeichnung von 1927, in der Grosz seine Entrüstung über die Hinrichtung der Anarchisten Sacco und Vanzetti zum Ausdruck bringt.

Schon was der 15-Jährige aufs Blatt brachte, ließ auf außerordentliches Talent schließen. Einen Korb zeichnet er 1908 wie Menzel, seinen eigenen Abflug ins All in einem Heißluftballon im Stil eines Impressionisten. Aus dem Zeitraum nach 1945 vereint die Schau einige Arbeiten, namentlich Collagen, von hinreißendem Charme. Allein, Erfolg in Gestalt von Verkäufen stellte sich nicht ein, weshalb Grosz immer wieder Lehrtätigkeiten aufnehmen musste, die er hasste.

Alkohol prägt den Bildwitz

Zunehmende Verbitterung in den letzten Lebensjahren verstärkte den Drang zum Alkohol. Ein skurriler Bildwitz prägt die Arbeiten dieser Zeit. Aus Schnipseln mit reichlich rohem Fleisch setzen sich manche dieser Grotesken zusammen: 1958 nimmt Grosz sein berühmtes Gemälde „Widmung an Oskar Panizza“ von 1917/18 als Bildgrund, um darauf ein glühendes Fegefeuer aus Menschenteilen und gegrillten Hähnchen zu einer Apokalypse zu verschmelzen. Es ist, als ob das Irrenhaus, Grosz’ bevorzugte Metapher für die Moderne, in Flammen aufgehe. Man taucht mit den Augen ein, verliert sich in den Details und kann sich am Ende nicht sattsehen an der Höllenfahrt.

Max-Ernst-Museum in Brühl, bis 18. Dezember. Katalog 29 Euro.

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