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„Zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ Nach uns die Sintflut

Die ZDF-Dokumentation „Zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ verdeutlicht, weshalb die deutsche Energiewende stagniert und warum eine Revolution nur von unten möglich ist.

Schönau
Firmengelände von Sladek in Schönau: Der vor zwanzig Jahren gegründete Betrieb ist heute ein lukratives mittelständisches Unternehmen. Foto: ZDF/Esteban Garzon

Wie einfach und überzeugend muten doch mitunter die Modelle in der Theorie an, und wie schwierig ist ihre Umsetzung in der Praxis: weil all jene, die stets beteuern, sie säßen im gleichen Boot, in unterschiedliche Richtungen rudern. Die scheiternde Energiewende, mit der sich Birgit Tanner in ihrer Dokumentation befasst, ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür. Mit Ausnahme einiger weniger Wissenschaftsskeptiker, die ähnlich wie Donald Trump bezweifeln, dass der Klimawandel Menschenwerk ist, sind sich alle einig: Es muss etwas passieren, und zwar flott.

In Deutschland sind die ersten Schritte längst getan, aber seit einiger Zeit stagnieren die verschiedenen Projekte aus Motiven, die mal politischer, mal wirtschaftlicher Natur sind. Die Gründe sind Resultat einer „Nach mir die Sintflut“-Mentalität, die in diesem Fall sogar wörtlich zu nehmen ist; jedenfalls aus Sicht der Bewohner jener pazifischen Inselgruppen, deren Heimat bei einer Zunahme der Erderwärmung eines nicht allzu fernen Tages im Meer versinken wird.

„Zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ hat die Autorin ihren Film treffenderweise genannt. Ihr Kronzeuge ist ein Energieexperte der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft; er steht mit seinem Motto „Größer denken“ gewissermaßen für die Wunsch-Ebene der Dokumentation. Seine immer wieder in den Sand gemalten Kreise sind zwar im Unterschied zu den diversen Grafiken des Films nicht sonderlich aussagekräftig, seine Ausführungen dagegen umso mehr.

Faktenfülle ist fast nicht zu bewältigen

Tanner wiederum zeigt die Wirklichkeit: vielversprechende Initiativen, die aber derzeit kaum Chancen haben, sich großflächig durchzusetzen; unter anderem, weil einige Parteien andere Prioritäten setzen. In Bayern torpediert die CSU die eigene Windkraftkampagne, weil das Bundesland angeblich gar kein Windkraftstandort ist, in Nordrhein-Westfalen agiert die neue Landesregierung mit einer Abstandsregelung für Windkrafträder ganz ähnlich; dabei hängen hier mittlerweile viel mehr Arbeitsplätze an dieser Form der Energiegewinnung als an der seit Jahrzehnten gehätschelten Braunkohleindustrie. In einer für das ZDF ungewohnten Deutlichkeit nennt Tanner Ross und Reiter; Zitate aus den Wahlprogrammen unterstreichen die Aussagen der Politiker, wobei auffällt, dass sich die Autorin bei den einen (CDU, FDP) auf öffentliche Auftritte beschränkt, während sie mit den anderen (SPD, Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke) Interviews geführt hat.

Die Bedeutung des Films aber liegt ohnehin in seinem Informationsreichtum. In den 45 Minuten wird ununterbrochen geredet; die vermittelte Faktenfülle ist fast nicht zu bewältigen. Die klare und konsequente Haltung Tanners erinnert an die Mission von Carl-A. Fechner. Dessen Kinofilm „Die 4. Revolution“ war 2010 das deutsche Pendant zum amerikanischen Dokumentarfilm „Eine unbequeme Wahrheit“ über die globale Erwärmung, im letzten Jahr folgte „Power to Change“. In diesem Plädoyer für die Energiewende zeigt Fechner, wie viele Fortschritte es seit 2010 gegeben hat, er beschreibt aber auch die Gegenbewegung. Das Augenmerk des Films gilt jedoch vor allem jenen Menschen, die nicht nur reden, sondern handeln; viele in kleinem, einige in großem Stil. Außerdem verdeutlicht Fechner, warum die Energiewende ohne Wärme- und Verkehrswende scheitern muss.

Die Parallelen zwischen „Power to Change“ und „Zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ sind offenkundig; allerdings hat Birgit Tanner nur halb so viel Zeit. Auch sie wählt die konstruktive Kritik und stellt Alternativen vor, die einleuchten. Ihre Helden sind zum Beispiel die Stromrebellen aus Schönau im Schwarzwald, deren vor zwanzig Jahren gegründeter Betrieb heute ein lukratives mittelständisches Unternehmen ist, oder eine Firma in Unterfranken, die auf innovative Stromspeicherlösungen setzt. Ähnlich wie Fechner plädiert die Autorin für eine Dezentralisierung der Energiegewinnung, weil das ihrer Ansicht nach vernünftiger und realistischer ist; und weil mit einer zentralen Lösung wohl nicht zu rechnen ist.

Auch wenn es paradox klingt, so ist es doch gerade diese Erkenntnis, die Mut macht, denn der Film vermittelt, wie im Kleinen möglich ist, was im Großen anscheinend zum Scheitern verurteilt ist. Auch wenn die Autorin das nicht wörtlich sagt, so lässt sich dennoch resümieren: Die Energierevolution muss von unten kommen. Den jüngsten Skandal der Automobilindustrie („Dieselkartell“) konnte Tanner übrigens nicht mehr berücksichtigen, aber auch so wird deutlich, dass die Zukunft der individuellen Mobilität nicht mit Diesel betrieben wird.

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