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„Zorn: Kalter Rauch“, ARD Die Welt ist aus den Fugen

Der fünfte „Zorn“-Krimi fasziniert durch eine bizarre Geschichte, großartige Schauspieler und eine famose Bildgestaltung.

Zorn
Claudius Zorn (Stephan Luca) und Schröder (Axel Ranisch). Foto: MDR/Gordon Muehle

Schon der bizarre Auftakt ist ein Ereignis: Aus dem Himmel über Halle an der Saale regnet es plötzlich Fische. Die apokalyptische Stimmung prägt auch die visuelle Gestaltung des Films. Selbst wenn die Handlung nur halb so faszinierend wäre: Die Bilder, die Andreas Herzog gemeinsam mit seinem Kameramann Ralph Noack gefunden hat, sind herausragend. Der Regisseur hat für die ARD auch die großartigen „Metzger“-Filme gedreht und sich spätestens durch seine Arbeiten für „Unter Verdacht“ in der ersten Liga etabliert; sein kürzlich vorab auf Arte gezeigter Zweiteiler „Verlorene Sicherheit“ (im ZDF am 17. Juni) gehört zu den besten Episoden der Krimireihe.

„Kalter Rauch“ ist der fünfte Film (und Herzogs erster) über den Kommissar aus Halle, der nicht zuletzt dank Stephan Luca in der kaum noch überschaubaren Riege der TV-Ermittler eine Sonderstellung einnimmt; auch wenn das größere Verdienst naturgemäß dem Autor Stephan Ludwig zukommt, von dem nicht nur die Romanvorlagen, sondern auch die Drehbücher stammen. Es gelingt ihm immer wieder, seinen Geschichten einen mindestens ungewöhnlichen, in diesem Fall sogar spektakulären Rahmen zu geben; schon allein der Fischregen, eine Laune der Natur, ist ein Ereignis. Mitten zwischen den Fischen findet sich ein künstliches Hüftgelenk. Die Erfahrung lehrt, dass die Besitzerin das Ersatzteil nicht freiwillig hergegeben hat. Ihr Mann allerdings weiß von nichts, er wähnt die Gattin auf Dienstreise; und schon sind Zorn und sein Kollege Schröder (Axel Ranisch), der mittlerweile auch sein Chef ist, mittendrin in einem außergewöhnlichen Fall, in dessen Verlauf ein Tierpfleger vom eigenen Elefanten zertrampelt wird, ein Schrotthändler über Leichen geht und sich eine vermeintlich harmlose Frau als raffinierte Verbrecherin entpuppt. Unschuldig ist einzig die Besitzerin des Hüftgelenks, denn die ist schon lange tot.

Die ausgesprochen kunstvolle, ungemein sorgfältige und gerade durch die Arbeit mit Licht, Farbe und Perspektiven immer wieder überraschende Bildgestaltung ist ein Gedicht. Aber auch die Leistungen der Schauspieler tragen dazu bei, dass „Kalter Rauch“ weitaus mehr als bloß ein gewöhnlicher Reihenkrimi ist. Die faszinierendste Rolle hat Devid Striesow als ehemaliger Sänger Greg Z, der vor gut dreißig Jahren zu Zeiten der Neuen Deutschen Welle vorübergehend ein Star war und nun als geistiges Wrack vor sich hin vegetiert. Striesow gelingt das Kunststück, diesen vom Leben außerhalb der eigenen vier Wände völlig überforderten und vor sich hin stammelnden Gregor Zettel nicht lächerlich oder unfreiwillig komisch wirken zu lassen, sondern Mitgefühl zu wecken. Trotzdem kommt es zu diversen witzigen Szenen, als sich das große Kind einer aufdringlichen Freundin (Steffi Kühnert) seiner Frau entledigen muss oder Besuch vom Gangster Völx bekommt, der ihm hilft, die Leiche zu entsorgen; die Scherze dieses Films sind mitunter tiefschwarz und eine Verbeugung vor bester englischer Tradition.

Völx, der mit Zorn die Liebe zur Musik der Achtziger und zu Schallplatten teilt, ist eine weitere hochinteressante Figur, und auch Sylvester Groth gelingt eine reizvolle Gratwanderung: Der Mann ist gar nicht mal unsympathisch, aber offenkundig zu allen Schandtaten fähig. Meist genügt es wohl, dass er den „Kunden“ sein Besteck zeigt, aber Gregor ist nun mal anders als die anderen. Dass der Musikliebhaber Greg Z verehrt und sogar vor ihm auf die Knie geht, bewahrt den früheren Popstar trotzdem nicht vor der Folter, denn der Schrotthändler steckt mit Gregors vermeintlich toter Frau unter einer Decke und wähnt sich von der Dame betrogen.

Die Krimigeschichte ist schon fesselnd genug, aber auch in Zorns Privatleben geht es drunter und drüber, und weil Ludwig die beiden Ebenen erfolgreich miteinander verknüpft, ist die Beziehungskrise von Zorn und seiner Freundin kein Fremdkörper: Die hochschwangere Malina (Katharina Nesytowa) liebt den Kommissar nach wie vor, spürt aber, dass er sich nicht binden kann oder will und trennt sich von ihm; da helfen auch die Vermittlungsversuche von Schröder nichts. Der wiederum hat sich ebenfalls emanzipiert, nicht nur von Zorn, sondern auch von seiner eigenen Rolle, die anfangs zu sehr auf das Klischee des gutmütigen Dicken reduziert war.

Schröder ist immer noch ein liebenswerter Mensch und fast zu gut für diese Welt, beweist mittlerweile aber auch echte Führungsqualitäten; trotzdem bleibt er ein Freund, wie man ihn sich nur wünschen kann. Auch dafür hat Ludwig viele schöne Ideen, die Herzog mit einer Beiläufigkeit inszeniert, die typisch für den ganzen Film ist: Weil Völx bei einem Mord „Strangers in the Night“ pfeift, genügt es beim nächsten völlig, wenn die gepfiffene Melodie erklingt. Noch wirkungsvoller sind allein Momente wie jener, als Gregor eine Kerze auspustet und dadurch scheinbar einen Stromausfall in der ganzen Stadt auslöst.

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