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„Zimmer 108“ , Arte Tot unter Lebenden

Eine gewagte Exposition, eine gelungene Kriminalerzählung: In der belgischen Serie „Zimmer 108“ gehört das Mordopfer zu den Protagonisten. Zwischen Diesseits und Jenseits gefangen, beteiligt es sich an den Ermittlungen. Und entdeckt mehr als nur ein Verbrechen.

„Zimmer 108“
Angesichts der Leiche ihrer Tochter, die die Polizei aus dem Baggersee birgt, kann Kristel (Inge Paulussen, li.) ihre Tränen nicht zurückhalten. Kato (Lynn Van Royen, re.) bleibt für sie unsichtbar. Foto: ARTE France

Als wär‘s eine Episode aus der „Twilight Zone“, jener stilbildenden, bis heute wirksamen Serie aus der Welt der unglaublichen Geschichten: Teenager Kato Hoeven (Lynn Van Royen) liegt verletzt und mit erloschenen Augen in einem im Umbau befindlichen Hotelzimmer. Nebenan wäscht sich der Mörder die blutbefleckten Hände und geht. Doch schlagartig kehrt das Leben zurück. Kato ist wieder da. Sie geht ins Bad. Und sieht sich selbst tot in der Badewanne liegen. Eine Doppelgängerin? Jemand betätigt die Klinke. Kato steigt aus dem Fenster und flieht.

Ein fantasievoller Anfang für einen verzweigten, aber nie ausufernden Krimi mit Anleihen beim fantastischen Genre. Kato ist tatsächlich tot. Es braucht eine Weile, bis sie begreift. Und noch länger, bis sie ihren neuen Zustand akzeptiert. Denn es gibt Menschen, die sie sehen, sogar mit ihr reden, sie berühren können. Deren Zahl ist überschaubar, und so lautet eines der Mysterien, die der Klärung bedürfen: Warum sind es gerade diese Personen? Was verbindet sie mit dem Mord an Kato?

Spannendes Kleinstadtpanorama

Das Autorenteam, dem auch die beiden Regisseurinnen Nathalie Basteyns und Kaat Beels angehören, fächert das Geschehen sehr breit auf. Die Ortspolizisten bekommen eigene Handlungsstränge, ebenso die beiden Ermittlerinnen der Bundespolizei – eine von ihnen ist Deutsche –, die den Fall übernehmen. Und all jene aus Katos persönlichem Umfeld, die auf unterschiedliche Weise von ihrem Tod betroffen sind. Ihre Mutter, die mit einem neuen Partner und dessen Kindern zusammenlebt, der leibliche Vater, ein alkoholkranker Lehrer, die eifersüchtige Stiefschwester, die in fragwürdige Geschäfte verwickelte beste Freundin. Der Mord an Kato, der nicht der einzige bleiben wird, gerät zu einem Auslöser, der bislang verborgene Dramen und Tragödien zutage fördert. Hinter den Fassaden der schmucken Einfamilienhäuschen, kleinen Läden und Bauernhöfe finden sich große und kleine Sünden, Schuld und Leid.

Wenngleich die Serie „Zimmer 108“, im Original „Beau Séjour“, partiell dem Fantastischen Genre zuzurechnen ist, treten hier authentische, glaubwürdige Figuren in Erscheinung. Die Schauspieler liefern mehr als Routinevorstellungen, sie gehen in ihren Rollen auf. Die trauernde Mutter wird verkörpert von Inge Paulussen, die in Deutschland in der düsteren Krimiserie „Dunkle Wasser“ und, ebenfalls unter der Regie von Nathalie Basteyns und Kaat Beels, in der schwarzhumorigen Serie „Clan“ zu sehen war. Andere Mitwirkende kennt man aus Serien wie „Pieter Aspe - Mord in Brügge“ und „Code 37“.

In Grenzgebieten

Angesiedelt wurde das Geschehen im Raum Limburg, rund um Maasmechelen, im Grenzgebiet zu den Niederlanden. Hier gibt es verstreute Weiler, ein Naturschutzgebiet, Landwirtschaft, die Ufer der Maas. Katos Heimatort steht ganz im Zeichen des Motocross, ihr Ex-Freund Leon (Maarten Nulens) ist einer der Champions dieser Sportart, auf dem große Hoffnungen ruhen. Einmal im Jahr sorgt das Schützenfest für Abwechslung – und es lockt Verbrecher an.

Wer bereit ist, die auch anderweitig schon erprobte Idee, dass ein zwischen Diesseits und Jenseits weilender Mensch seinen Mörder sucht, zu akzeptieren und sich auf die Serie einlässt, begegnet einer hochklassigen Fernseherzählung. Spannung entsteht hier nicht durch aufgeputschte Aktion, sie liegt in der Freude an der Entdeckung, was die einzelnen Protagonisten treibt, welche Geheimnisse sie verbergen, welche Entscheidungen sie treffen werden. Die Konventionen des Krimigenres kommen keineswegs zu kurz, werden aber dramatisch angereichert. Von ähnlicher Machart bei völlig anderem Inhalt war auch die erste Staffel von „Kommissarin Lund“, man kennt diese Erzählform aber vor allem von britischen Serien wie „Broadchurch“, „Five Days“, „Glue“ und anderen.

Ein Schwachpunkt bei der Auflösung ist die Art, wie sich die Täterin oder der Täter ein Alibi verschafft; der Kniff vermag nicht vollends zu überzeugen. Umso anrührender dagegen, wie die ja bereits verstorbene Kato aus der Erzählung verabschiedet wird. Ohne Schwulst, ohne esoterisches Crescendo. Mithin: „Zimmer 108“ ist bis zur letzten Folge sehenswert.

Einen Patzer gibt es bei der deutschen Synchronisation, wenn – wieder einmal – Hoofdinspecteur rumpelig mit „Hauptinspektor“ übersetzt wird. Der Rang des Hoofdinspecteurs entspricht in etwa dem deutschen Hauptkommissar. Sinnvollerweise sollte man die Dienstbezeichnung einfach belassen, analog zur Bearbeitung englischsprachiger Serien – wo ja der Detective Chief Inspector nur selten in einen „Detektivchefinspektor“ verwandelt wird.

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