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ZDF-Dreiteiler „Der gleiche Himmel“ Blickkontakt aufnehmen

Es ist 1974 und Tom Schilling als Stasi-Romeo in West-Berlin: Der ZDF-Dreiteiler „Der gleiche Himmel“ demonstriert opulent die Möglichkeiten des Fernsehens und ist dabei schön unvorhersehbar. Heute läuft der erste Teil.

Der gleiche Himmel
Lars Weber (Tom Schilling) in seiner „Westwohnung“. Foto: Bernd Schuller/ZDF

Das 1:0 der DDR gegen die BRD fiel ebenso in das Jahr 1974 wie Willy Brandts Rücktritt wegen der Guillaume-Affäre und Richard Nixons allerdings sehr anders gearteter Rücktritt in der Nachfolge des Watergate-Skandals. Im Einzelnen spannend genug (und auch verfilmt genug), zusammen jetzt der Hintergrund für den ZDF-Dreiteiler „Der gleiche Himmel“.

„Der geteilte Himmel“ hieß die bereits 1963 erschienene Erzählung von Christa Wolf, die eine schwierige, durch den Mauerbau 1961 endgültig zerschmetterte Liebesbeziehung schildert. 1974 herrscht nun Routine in jeglicher Hinsicht. Darunter brodeln erstens private Dramen – selbst im Rückblick ist einem ja klar, dass weitere 14 Jahre ausreichen werden, um noch viele Lebenswege zu prägen oder auch zu ruinieren. Zweitens haben die internationalen Geheimdienste Hochkonjunktur. Das Historische trifft also wirkungsvoll auf das Topaktuelle, die britische Drehbuchautorin Paula Milne griff in die Vollen und hat glücklicherweise viereinhalb Stunden Zeit dafür.

Direkt nach dem Start des (ebenso langen) ARD-Sechsteilers „Charité“– produziert von derselben Firma, UFA-Fiction – demonstriert auch „Der gleiche Himmel“ opulent die Möglichkeiten des Fernsehens. Eine zweite Staffel, wie für „Charité“ angekündigt, kann man sich umso leichter vorstellen, als zentrale, äh, Problematiken ungeklärt bleiben. So klassische Staffel-Ende-Augen-Aufreiß-Cliffhanger ist man aus deutschen Produktionen kaum gewohnt.

Die Haupthandlung erinnert zunächst an ein anderes UFA-Fiction-Projekt, „Deutschland 83“. Tom Schilling ist jetzt der hundertprozentig, heute muss man ja eher sagen, zweihundertprozentig linientreue junge Stasi-Anfänger Lars Weber, der als Romeo-Agent nach Westberlin geschickt wird. Hier soll er sich in Herz und Kopf einer älteren, natürlich ganz hinreißenden Frau einschleusen, die auf der US-Abhörstation Teufelsberg tätig ist.

Zunächst fühlt man sich belehrt

Schwedin Sofia Helin (bekannt aus der Krimi-Serie „Die Brücke“ ) spielt eindrucksvoll seriös eine schüchterne, zutiefst skeptische Frau, allerdings zeigt Schilling ein Naturtalent von äugelndem Verführer. Erst klappt es entsprechend brillant, dann zeigen sich unvorhersehbare Schwierigkeiten. Überhaupt ist hier einiges unvorhersehbar, was seinerseits die größte (und die allerschönste) Unvorhersehbarkeit ist.

Denn vieles läuft nun mit, zunächst fühlt man sich vielleicht noch etwas belehrt, aber Regisseur Oliver Hirschbiegel zeigt wieder ein ausgezeichnetes Gespür für Tempo, Unterhaltung und Zuspitzung, die eben keine Vereinfachung sein muss. Paula Milne bringt unter und Hirschbiegel setzt flott, aber nicht übereilt in Szene: Wie Lars Webers Vater (Jörg Schüttauf) als IM-Anwerber nicht nur auf freud- und hilflose Renitenz, sondern auch auf begeistertes Denunziantentum stößt. Wie die Nachbarstochter (Stephanie Amarell) als Schwimmerin in krasses Staatsdoping gerät. Wie ein paar junge Leutchen einen Tunnel Richtung Westberlin graben wollen. Wie ein homosexueller Ostberliner Physiklehrer (Hannes Wegener) sich in einen britischen Schluri verliebt. Wie auch im Westen in der deutsch-amerikanischen Familie von Sofia Helins Kollegin (Friederike Becht) Geheimnisse durch schiere Verschwiegenheit gewahrt werden. Die dezent internationale Ausrichtung atmet geschäftliches Kalkül, hat aber auch ihre Reize. In der starhaften Besetzung sind ferner Claudia Michelsen als Ehefrau mit versiegelten Lippen und Ben Becker als verrotteter Führungsoffizier zu sehen.

Sex kommt vor, auf jene zugleich opulente und verlegene Serien-Art. Dekor spielt eine Rolle, aber keine übertriebene. Heute verrotten allerdings die Plattenbauten und werden die Altbauten immer schmucker. Selbst in Prag, berichtet Hirschbiegel, habe er Probleme gehabt, geeignete Schauplätze für die Außenaufnahmen zu finden.

Die politischen, gesellschaftlichen und sportlichen Zeitläufte bilden den Hintergrund, den sie auch heute einnehmen. 1974 gehört  die RAF dazu, ein ungezogener kiffender Sohn macht sich unmöglich, parallel existieren die bürgerliche Welt und ihre Erfolgsmaßstäbe weiter, hier wie dort.

Hare-Krishna-Truppe als Spontan-Statisten

Das meiste wirkt fern und nah zugleich. Nicht nur die DDR ist verschwunden, auch das alte Westberlin, die alte BRD. Neulich sprach jemand im privaten Kreise von 1:0 der DDR gegen Deutschland. Erst mit Verspätung wurde gelacht. Die Hare-Krishna-Truppe, die vorbeitanzt, erzählt Hirschbiegel, sei aber echt, vom Fleck weg engagiert bei den Dreharbeiten.

Schon ist „Der gleiche Himmel“ international verkauft, unter anderem an den Internetdienst Netflix für das englischsprachige Ausland. Die deutsche Miniserie lebt und ist ausbaufähig, wer hätte das vor wenigen Jahren erwartet.

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