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„Wir sind alle Millionäre“ Die Drohung kommt per Post

Mysteriöse Postsendungen bringen Unruhe in eine ruhige Londoner Wohnstraße. „Wir wollen, was ihr habt“, droht der Absender. Niemand weiß, was gemeint ist. Der Dreiteiler „Wir sind alle Millionäre“ gibt die Antwort.

Im englischen Original heißt der dreiteilige TV-Film „Capital“. Mehrdeutig, denn das Wort steht für Kapital ebenso wie für Hauptstadt. Sehr zutreffend, denn in dem gleichnamigen Roman führte der Journalist und Buchautor John Lanchester beides zusammen. 2015 wurde der Bestseller von Drehbuchautor Peter Bowker und Regisseur Euros Lyn für die BBC adaptiert.

Die Geschichte führt in die Südlondoner Pepys Road. Noch gibt es hier keine Hochhäuser, die wenige Kilometer entfernt aus dem Boden schießen wie Spargel im Frühling. Als Petunia Howe (Gemma Jones) hier einzog – ein retrospektiver Bilderbogen erzählt zu Beginn zu Dusty Springfields „Losing You“ ihre Geschichte –, lag die Straße in einem Randbezirk und wurde von eher einfachen Leuten bewohnt. Inzwischen ist London überlaufen, auch in den Außenvierteln steigen die Immobilienpreise. Und zwar monatlich, wie die fortgesetzte Einblendung animierter Szenen veranschaulicht. Da springt der Wert eines Hauses von 2.750.000 Pfund im September auf 2.775.000 Pfund im Oktober. Petunia Howe wurde ohne ihr Zutun zur Millionärin, nur weil sie seit Jahrzehnten in der Pepys Road wohnt.

Roger und Arabella Yount (Toby Jones und Rachael Stirling) sind noch relativ neu hier und haben bereits eine hohe Summe für ihr Haus bezahlt. Sie können es sich leisten. Roger arbeitet in führender Position in einer Bank. Arabella vertreibt sich ihre Zeit, indem sie das Vermögen ausgibt. Ständig wird irgend etwas renoviert, der polnische Universalhandwerker Bogdan (Radoslaw Kaim), ein echter Schürzenjäger, geht bei den Younts ein und aus. Man besitzt ein Landhaus, mehrere Autos, die Kinder besuchen teure Privatschulen. Und doch sind beide Ehepartner mit ihren Leben unzufrieden.

Es kommen Briefe mit Kadavern

An der Ecke gibt es einen Kiosk einer pakistanischen Familie. Eine Verkehrskontrolleurin afrikanischer Herkunft verteilt Knöllchen. Petunia Howe bekommt gelegentlich Besuch von ihrem Enkel (Robert Emms). Ein unscheinbarer schlaksiger Bengel. Der ist, was niemand weiß, längst selbst Millionär. Unter dem Pseudonym „Smitty“ hat er mit Aktions- und Guerillakunst unerkannt Karriere gemacht. Eine Figur, für die offensichtlich der von Rätseln umgebene reale Künstler Banksy Pate gestanden hat.

In der Pepys Road lebt man relativ gleichgültig nebeneinander her, bis seltsame Postkarten Unruhe in die Gemeinschaft bringen. „Wir wollen, was ihr habt“ steht auf den anonym verschickten Sendungen. Es bleibt nicht dabei. Es kommen Briefe mit Kadavern, dann heimlich aufgenommene Bilder der Adressaten. Die Empfänger fühlen sich bedroht, die Polizei wird eingeschaltet.

Wie der Roman, zieht auch die dreiteilige Verfilmung viele kurante Themen in dieser einen Straße zusammen. Die Verkehrskontrolleurin wurde aus Zimbabwe vertrieben und dürfte als Asylbewerberin eigentlich keiner Beschäftigung nachgehen. Ein Sohn der pakistanischen Familie gerät unter Terrorverdacht. Roger Yount wird in seiner Bank von einem Mitarbeiter hintergangen und für dessen Unterschlagungen verantwortlich gemacht.

Es wirkt unverkennbar konstruiert, wie sich all diese Sujets auf einen kleinen Personenkreis konzentrieren. Die gekonnte Figurenzeichnung aber macht das Manko mehr als wett. Die Charaktere stehen im Vordergrund, die sozialen und familiären Beziehungen, die persönlichen Krisen und Freuden. Dramatische Verwicklungen und Privatleben greifen nahtlos ineinander. Die sympathische Asylbewerberin Quentina Mfeski (Wunmi Mosako) beispielsweise singt in der Kirche und verliebt sich in ein anderes Chormitglied, als im Zuge der Ermittlungen rund um die mysteriösen Postsendungen ihre wahre Identität ans Licht kommt. Mrs. Howe erkrankt. Bei den Kamals, den pakistanischen Einwanderern, gibt es unterschiedliche Auffassungen zum Thema Integration. Und Konflikte mit der Mutter (Shabana Azmi), die aus Karatschi eingeflogen kommt.

In solchen Passagen ist die Handlung nicht frei von Klischees. Die unausstehliche Schwiegermutter, die Ehefrau als Megäre, der ehrgeizige und zugleich talentfreie Künstlerassistent, das Kindermädchen mit dem Herz aus Gold – Stereotypen populärer Erzählungen, aber auch eine gängige Autorenstrategie, an lebensweltliche Erfahrungen anzuknüpfen.

John Lanchesters Roman ist mit Werken von Charles Dickens und, aus jüngerer Zeit, Tom Wolfe verglichen worden. Nicht zu Unrecht. Auch Dickens bediente sich gewisser Schablonen, wusste sie dabei originell auszukleiden und seinem eigentlichen Anliegen dienstbar zu machen. So wie Dickens als Autor epischer Fortsetzungsromane das Lesevergnügen der Konsumenten im Auge hatte und dennoch anspruchsvolle Werke schuf, steht „Wir sind alle Millionäre“ für gehobene erzählerische Fernsehunterhaltung.

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