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„Wir sind alle Millionäre“, arte Tödliche Gentrifizierung

Die britische Miniserie „Wir sind alle Millionäre“ auf Arte erzählt klug und wahrhaftig von einer kleinen Londoner Straße als Kaleidoskop der modernen Großstadt-Gesellschaft.

Szenen aus „Wir sind alle Millionäre“
Als erfolgreicher Bänker bringt Roger (Toby Jones) das Geld nach Hause. Ehefrau Arabella (Rachael Stirling) gibt es hingegen gerne wieder aus. Foto: Kudos/Hal Shinnie

Diese Miniserie kommt zu einem interessanten Zeitpunkt. Derzeit drängeln sich in Deutschland mal wieder die Artikel über die absurd hohen Mieten, die immer mehr Normalverdiener zur Flucht aus den hochpreisigen Städten aufs Land treibt. Der soziale Wohnungsbau ist nirgends zu sehen, die Bundesregierung erwägt allerhand Konsequenzen, und alternative Modelle wie genossenschaftliches Bauen oder Groß-WGs blühen. Und Berlin, bis vor kurzem das Mekka der geringen Mieten, war im Jahr 2017 die Stadt mit dem größten Immobilienanstieg weltweit. Die Mieter hier finden bei einem Umzug plötzlich doppelte Mietpreise vor wie noch fünf oder zehn Jahre zuvor, während Hausbesitzer plötzlich auf ungeahnten Reichtümern sitzen.

Genau diese Situation liegt auch der Miniserie „Wir sind alle Millionäre“ zugrunde, die auf John Lanchesters Roman „Capital“ basiert. Nur spielt sich diesmal alles in Süd-London ab, wo man solche Wertsteigerungen seit vielen Jahren kennt. Ein kurioses Kaleidsokop an Menschen wohnt in der einst gemütlichen Pepys Road: Die greise Witwe Petunia freundet sich mit einer wuseligen pakistanischen Großfamilie an, die einen Laden nebenan betreibt. Ihr Enkel ist ein heimlicher Anarcho-Künstler à la Banksy. Der Investmentbanker Roger kriegt nicht den Millionen-Bonus, mit dem er gerechnet hatte. Die simbabwische Politesse Quentina teilt ohne Erlaubnis Strafzettel aus. Und der polnische Handwerker Bogdan beglückt die unzufriedenen Ehefrauen der Straße nicht nur mit seiner Arbeitskraft.

All diese Figuren sitzen auf Häusern der früheren Arbeiterschicht, deren Preise nun ins Astronomische gestiegen sind. Aber als sie alle Postkarten mit der Aufschrift „Wir wollen, was ihr habt“ steht, denken sie sich anfangs nichts dabei. Als die Drohungen aber in immer drastischerer Form täglich wieder kommen und die Polizei eingreifen muss, eskalieren nicht nur die nachbarschaftlichen Verhältnisse der Bewohner, sondern auch ihre Eheprobleme, Religions-, Rassen- und Klassenkonflikte.

Der Fernsehroutinier und mehrfache BAFTA-Preisträger Peter Bowker hat diese Miniserie nach Lanchesters Roman adaptiert und die feinen Beobachtung des Alltags ebenso beibehalten wie den schonungslosen Umgang mit aktuellen politischen Themen. Ihm ist es zu verdanken, dass aus den bedrohlichen Briefen und Nachrichten niemals ein simpler Whodunit-Krimi wird. Im Zentrum stehen hier die Figuren und ihre Geschichten. Die Drohbriefe bleiben dankbarerweise nur Katalysatoren, die manche Figuren in Gefangenschaft und andere in Freiheit, manche in den Tod und andere zu einem neuen Leben führen.

Der ebenfalls mehrfach BAFTA-ausgezeichnete Regisseur Euros Lyn, der schon Folgen bei so flamboyanten Serien wie „Sherlock“, „Broadchurch“ und „Doctor Who“ inszenieren durfte, hält sich bei diesem großstädtischen Panoptikum lieber an nüchterne Handkamera-Szenen und fahle Farben. Es ist die Herangehensweise des „kitchen sink realism“, der britische Filmemacher wie Mike Leigh oder Ken Loach geprägt hat – die wiederum den Sozialrealismus als „typisch britisches“ Merkmal ganzer Filmgenerationen mitbestimmt haben.

In manchen Filmen wirkt diese Inszenierung farb- und leblos. Aber wenn es so viele faszinierende und wahrhaftige Schicksale zu verfolgen gilt, versteht man wieder, wozu diese selbst auferlegte Zurückhaltung mal gedacht war: Kein künstliches oder gekünsteltes Element soll die Erzählung aus dem wahren Leben abschwächen. Und das ist auch hier genau die richtige Entscheidung.

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