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"Wir - Geiseln der SS", Arte Das Schicksal der Sonderhäftlinge

Zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs präsentiert Arte einen Programmschwerpunkt mit Spielfilmen, Dokumentarfilmen und Dokudramen. Die Dokumentation "Wir - Geiseln der SS" rückt das Schicksal der "Sonder- und Sippenhäftlinge" in den Mittelpunkt.

07.04.2015 15:33
Von Cathy de Haan
Ankunft im KZ Dachau: Die Sippenhäftlinge melden sich anwesend. v.l.: Harring Schröder (Camillo Schlagintweit), Ingeborg Schröder (Isabelle Barth), Sybille-Maria Schröder (Anastasia Zander), Hans Dietrich Schröder (Philipp Franck), Fey von Hassell (Henriette Schmidt). Foto: ZDF/Frank van Vught

Die ARD-Dokumentation „Wir – Geiseln der SS“ rückt das Schicksal der „Sonder-und Sippenhäftlinge“ des Dritten Reiches in den Blickpunkt: Frauen, Männer, Jugendliche und sogar Kinder - 139 Menschen aus 17 Ländern Europas. Christian Frey und Carsten Gutschmidt erzählen in dem 2-teiligen Doku-Drama in einer Mischung aus Interviews mit den letzten noch lebenden Zeitzeugen und Historikern, Spielszenen und Archivmaterial die dramatischen letzten Tage einer Odyssee durch das untergehende Dritte Reich.

Aus der Perspektive von Fey von Hassell-Pirzio-Biroli, dem Airforce-Lieutenant Jimmy James, den Cousinen Benigna und Jutta Goerdeler und den Geschwistern Hans-Dietrich und Sibylle-Maria Schröder erfahren wir Todesangst aber auch Solidarität und Überlebenswillen dieser Tage. Die einen - verhaftet wegen der Verbindung ihrer Väter zum Widerstand, der andere ein englischer Kriegsgefangener.

Mit ihnen im Transport: Prominente wie der ehemalige französische Premierminister Leon Blum, der österreichische Ex- Kanzler Karl Schuschnigg mit seiner Familie, der Pastor Martin Niemöller, Sante Garibaldi – ein Nachkomme des italienischen Unabhängigkeitshelden, die Kabarettistin Isa Vermehren und sogar ein Oberst der Wehrmacht - Bogislaw von Bonin –  den eine Befehlsverweigerung zum Teil der Schicksalsgemeinschaft gemacht hat.

Sie sind Bestandteil eines perfiden Plans, die Absicherung der SS gegenüber den Alliierten: Mit diesen Geiseln will man um Immunität oder Friedensbedingungen feilschen. Oder mit ihnen in der „Alpenfestung“ einer hochgerüsteten Bastion mit unterirdischen Fabriken und Bunkern zu Grunde gehen.

Sie werden von KZ zu KZ verschleppt – zum Kriegsende immer hektischer, denn die Alliierten rücken näher. In den KZs werden sie in gesonderten Unterkünften, getrennt von den anderen Inhaftierten untergebracht. Doch es gibt keinen Zweifel, dass sie sich an einem Ort des Todes befinden. Immer wieder werden sie Zeugen, wie Menschen zu Tode gequält zusammenbrechen oder können sich aus den Schreien und den Schwaden der Krematorien zusammenfügen, was um sie herum geschieht. Und - auch wenn Versorgung und Baracke besser sind, es gibt keinen Anlass, sich in Sicherheit zu wiegen. Von Zeit zur Zeit exekutiert die SS auch aus den Reihen der Sonderhäftlinge Opfer, wie den Hitlerattentäter Georg Elser oder den Theologen Dietrich Bonhoeffer.

„Ich war 14 Jahre und ich dachte, das Leben ist zu Ende“, erinnert sich Benigna Goerdeler.

Am 26. April 1945 bricht der Konvoi in Dachau Richtung Süden zu einer letzten Reise auf: 6 Tage, die in die Freiheit, aber auch in den Tod führen können.

Das dramatische Finale dann im Pustertal in Südtirol: Ohne Kontakt zum Hauptquartier sind die SS-Offiziere verunsichert und die Angst vor Kurzschlussreaktionen wächst. Ein Massaker, das alle Zeugen beseitigen würde, droht.

Und auch auf der Seite der Geiseln kommt es zu gefährlichen Machtkämpfen und unausgegorenen Fluchtplänen. Dann gelingt das Wunder -  in letzter Minute kann von Bonin das Oberkommando der Heeresgruppe Italien erreichen. Die Wehrmacht nimmt das Schicksal der Geiseln aus den Händen der SS und als am 04.Mai 1945 die Amerikaner einrücken, ist die Freiheit da.

Die Freude über die Befreiung ist jedoch nicht einfach zu fassen – das neue Leben ist getrübt von der Sorge um das ungewisse Schicksale der Angehörigen – wie Fey von Hassell – Pirzio Biroli - die verzweifelt ihre verschleppten Kinder sucht oder dem Schmerz über die Nachricht, der noch kurz vor Kriegsende liquidierten Lieben.

Die spannende Inszenierung – besetzt mit  profilierten Darstellern (u.a. Uwe Bohm und Tim Bergmann) lässt leider Klischees, wie zechende, pöbelnde SS-Schergen nicht aus und bedient auch das Bild der moralisch „guten“ Wehrmacht im Kontrast zur verwerflichen SS. Und bei aller Sorgfalt und emotionalem Charakter der Spielszenen - das wahre Grauen bricht in den Film ein, wenn das dokumentarische Material zum Einsatz kommt. Die bewegenden Erinnerungen der Zeitzeugen und das Archivmaterial - die überquellenden Leichenzüge in Dachau, der geifernde Freisler im Volksgerichtshof oder die Fleischerhaken mit den Drahtschlingen in Plötzensee -  gezeigt werden.

Dennoch, ein wichtiger Beitrag zu einem bislang im TV kaum gezeigten Kapitel der Geschichte des Zweiten Weltkriegs und es ist verdienstvoll, den Stimmen der letzten Überlebenden dieser heterogenen internationalen Schicksalsgemeinschaft Gehör zu verschaffen. Ein Schlaglicht, das auch die Wunden der Überlebenden nicht außer Acht lässt: „55 Jahre konnte ich nicht darüber sprechen - wir hätten eine psychotherapeutische Behandlung haben müssen,“ so Hans-Dietrich Schröder, der als Fünfjähriger den Horrortrip miterlebte.

Doch nicht nur die Opfer wollten vergessen – auch Justiz und Politik der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Der für die Sonderhäftlinge verantwortliche SS-Obersturmführer Edgar Stiller wurde zu moderaten sieben Jahren Gefängnis verurteilt, der SS-Untersturmführer Ernst Bader entging jeglicher Strafe und machte später sogar als Polizist Karriere.

Zum Weiterlesen empfohlen – die Biographie von Fey von Hassell-Pirzio-Biroli: „Niemals sich beugen – Erinnerungen einer Sondergefangenen der SS“

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