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„Winterjagd“, ZDF Thriller für Feinschmecker

Montags rund um Mitternacht schlägt im ZDF die „Stunde des Bösen“. Den Auftakt der vierteiligen Reihe machte der Psychothriller „Winterjagd“ mit Michael Degen. Eine überzeugende Wahl.

Winterjagd
Anselm Rossberg (Michael Degen) soll mit Waffengewalt gezwungen werden, ein 70 Jahre zurückliegendes Verbrechen zu bekennen. Foto: ZDF/Eva Katharina Bühler

Der erste Schuss, abgefeuert beim Üben im Wald, jagt ihr noch einen Schreck ein, lässt sie stolpern, wirft sie buchstäblich ein paar Schritte zurück. Aber die junge Frau ist entschlossen. Und gewinnt schnell an Standfestigkeit. Auch an Treffsicherheit. Am Ende wird ein Schuss aus ihrer Waffe einen Menschen töten.

Sie ändert ihr Äußeres, vom sportlichen Skaterlook zu adrett, und fügt sich selbst eine Verletzung zu. Das Blut, das ihr ins Gesicht rinnt, soll ihre Legende unterstreichen, die Behauptung, sie habe einen Unfall gehabt.

Unter diesem Vorwand gelingt es Lena (Carolyn Genzkow), Einlass in das Zuhause des Unternehmers Anselm Rossberg (Michael Degen) und dessen Tochter Maria (Elisabeth Degen) zu erlangen. Maria Rossberg ist erst misstrauisch, abweisend, gibt dann doch dem Mitleid Raum. Nicht nur, weil es spät ist und das Anwesen der Rossbergs recht einsam gelegen ist. Vielmehr wurde der hochbetagte Anselm Rossberg gerade ins Licht der Öffentlichkeit gerückt, wird von Reportern verfolgt, von Aktivisten beschimpft und beleidigt, denn er war in einem Gerichtsverfahren wegen NS-Verbrechen im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau angeklagt. Vorwürfe, die er hartnäckig zurückweist. Er sei nur eine Schreibkraft gewesen.

Lena, der ungeladene Gast, hat andere Informationen. Sie dringt mit vorgehaltener Waffe in Rossbergs Zimmer vor und will ihm ein Geständnis entlocken. „Oktober '44“ ruft sie immer wieder und fordert ihn auf, sich zu erinnern. Sie verfügt über erstaunlich präzises Detailwissen. Der Umstand lässt Maria Rossberg stutzig werden, die all die Jahre an die Unschuld des Vaters geglaubt hat.

„Winterjagd“, im Film der Titel eines symbolträchtigen Gemäldes, war der erste von vier Beiträgen der Reihe „Stunde des Bösen“. Die Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ des ZDF gab hier jungen Regisseurinnen die Möglichkeit, sich im Genre des Spannungsfilms zu versuchen. Der Genrebegriff ist weit gefasst, wie schon der Auftaktfilm beweist, ein dichtes Kammerspiel mit einem Ensemble von gerade mal vier Personen. Aber weitaus mehr als nur eine Fingerübung. Gerade in der Beschränkung erweist sich die Meisterschaft. Astrid Schult, die Koautorin und Regisseurin, ließ geschickt Spannung entstehen, indem sie die zum Verständnis des Geschehens nötigen Informationen in geschickter Dosierung aufrief. Vor allem aber lebte dieses Spielfilmdebüt der zuvor mit Dokumentarfilmen hervorgetretenen Autorin von der eindringlichen Leistung der beteiligten Schauspieler, darunter mit Michael und Elisabeth Degen ein tatsächliches Vater-Tochter-Gespann. Carolyn Genzkow, unter anderem bekannt aus den Berliner „Tatort“-Beiträgen, empfahl sich nachdrücklich den Gremien der nächstjährigen Fernsehpreissaison.

In allen drei Hauptfiguren versammelten sich Lügen, Irrtümer, Zweifel, Skrupel, und das durfte nicht in theatralischer Übertreibung aufgeführt werden. Dieses Fernsehspiel konnte nur durch Uneindeutigkeit funktionieren und das Publikum zu eigenen Fragen herausfordern. Das ist hervorragend gelungen. Ein Beispiel für eine Spannungsdramaturgie, die mehr möchte, als den Zuschauer mit flüchtigem Nervenkitzel zu überrumpeln, ihn mit Kasperleeffekten zum Objekt zu machen. Ein verheißungsvoller Auftakt für die Reihe, deren Beiträge jeweils am späten Montagabend im ZDF-Programm und bereits am Vortag ab 10:00 Uhr und dann für die Dauer von 30 Tagen in der ZDF-Mediathek zu sehen sind.

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