Lade Inhalte...

„Wellness für Paare“, ARD Sex, Kinderwunsch, Treue

Mit herausragender Besetzung und ohne Drehbuch entstand der TV-Film „Wellness für Paare“ für die ARD in nur zwei Tagen – das Ergebnis ist ein berührender Film über die Liebe.

22.11.2016 16:36
Franziska Schuster
Aufgüsse für den Köper, Paartherapie für die Beziehung: Das Wochenende gebucht haben die Paare Anke Engelke/Sebastian Blomberg, Anneke Kim Sarnau/Bjarne Mädel, Gabriela Maria Schmeide/Michael Wittenborn, Katharina Marie Schubert/Martin Brambach sowie Magdalena Boczarska/Devid Striesow. Foto: ARD

Im Jahr 2002 lief Doris Dörries Film „Nackt“ auf den Filmfestspielen in Venedig. Frustrierte Paare über 30 veranstalten eine Wette darum, ob sie einander nackt und mit verbundenen Augen erkennen würden. Das Spiel hat einen therapeutischen Effekt, das Interesse für den jeweiligen Partner wird aufgefrischt. Was an dem Film nicht funktionierte, war die Banalität der Botschaft, die durch das bewusst artifizielle Setting und die klischeehafte Überspitzung der Charaktere unter der Erwartungshaltung der Kritik erdrückt wurde.

„Offensichtlich meint sie es nicht zeitdiagnostisch als genaue Milieubeschreibung, sondern einfach ernst, wenn sie ihre Figuren plappern lässt“, warf Rüdiger Suchsland Dörrie vor, und Thomas Groh nannte die Komödie eine „banale, die Realität zudem verkürzende Binsenweisheit, die dem Diskurs 'Paare' weder Erhellendes beizufügen vermag, noch diesen in irgendeiner Weise subtil kritisiert.“

Jan Georg Schütte hat mit seinem Film „Wellness für Paare“ jetzt einen Beitrag zu diesem Diskurs geschaffen, der ebensowenig subtile Kritik oder satirische Entlarvung im Schilde führt. Im Gegenteil: Schütte tut genau das, was an „Nackt“ kritisiert wurde – er nimmt es ernst, was die Figuren sagen. Er erzählt Paare jenseits des Romeo-und-Julia-Alters, die nicht einem bestimmten Zeitgeist entstammen, sondern sich mit den universellen Themen beschäftigen, die im Paarleben schon immer eine Rolle gespielt haben, Sex, Kinderwunsch, Treue.

Doch wo „Nackt“ daran scheiterte, dass seine scheinbar als Satire angelegte Oberfläche den emotionalen Kern der Geschichte verdeckte, schafft Schütte berührende Szenen zwischen den Figuren, indem er allen inszenatorischen Ballast über Bord wirft und sich voll und ganz auf seine Darsteller konzentriert. Er gibt ihnen Raum, in dem sie sich in die Authentizität der gespielten Gefühle hineinentwickeln können, in dem sich Empathie entfaltet.

Nach „Altersglühen“ ist „Wellness für Paare“ die zweite Arbeit, die der Regisseur, der selbst auch Schauspieler ist, ohne Skript und mit extrem verdichteter Drehzeit realisiert hat. Das Ensemble, das sich auf dieses Experiment eingelassen hat, liest sich – auch das hat der Film mit „Nackt“ gemeinsam – wie ein Auszug aus dem Personenlexikon des aktuellen deutschen Films. Anke Engelke, Sebastian Blomberg, Martin Brambach, Katharina Maria Schubert, Anneke Kim Sarnau, Bjarne Mädel, Devid Striesow – eine beeindruckende Leistung zeigen sie alle, auch wenn spürbar wird, dass nicht alle sich in der Improvisation zuhause fühlten.

 Michael Wittenborns Figur bewegt sich im Laufe des Films mental nicht besonders weit von der Stelle, und die Dynamik zwischen ihm und seiner Filmpartnerin Gabriela Maria Schmeide gerät auch dadurch ein bisschen lahm. Unglaubliche Spielfreude und ein völliges Aufgehen in der Rolle sieht man dagegen vor allem bei Anke Engelke, die sich im Laufe der paartherapeutischen Sitzung in ihren von Blomberg gespielten Partner neu verliebt, entwaffnet von dessen kindlich-realitätsvergessenem Charme und völlig entgegen ihres ursprünglichen Plans, sich prophylaktisch von ihm zu trennen.

 Martin Brambach entwickelt in seiner Rolle die berührende Offenheit eines schlichten Gemüts; wenn er und Katharina Maria Schubert sich als unfreiwillig kinderloses Paar am Ende eines harten Tages weinend ihrer gegenseitigen Liebe versichern, verbunden mit dem Geständnis, dass sie sich die Elternrolle eigentlich gar nicht zutrauen, ist das eine der romantischsten Szenen, die das deutsche Fernsehen seit langem gesehen hat. Und auch das, was zwischen Anneke Kim Sarnau und Bjarne Mädel entsteht, hat nicht viel mit der klischeelastigen, komplexbeladenen Weise zu tun, auf die lang verheiratete Filmpaare so oft erzählt werden.

 Wie jedes Paar in diesem Film erzählen sie auf ihre Art, dass die Themen, die Generationen von Menschen beschäftigt haben, für jeden einzelnen doch immer wieder neu und existentiell sind. Und sie machen sich nichts vor: Das Leben ist kurz, Beziehungen sind nicht perfekt, Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse und Kommunikation ist generell schwierig – doch man kann sich trotzdem oder gerade deshalb lieben.

Dabei ist Schüttes Film kein psychologisches Aufklärungswerk, dass die Vorzüge der Paartherapie anpreist; die begleiteten Gespräche sind vielmehr reine Container, innerhalb dessen sich Kommunikation unter Laborbedingungen einstellen kann. Was zur Sprache kommt, ist so aufrüttelnd, dass alle Paare verändert aus dem Wochenende herausgehen, aber nicht immer zum Besseren und bestimmt nicht immer von Dauer. „Alle gehen nach Hause und das Chaos geht weiter“, lässt Sebastian Blomberg seine Figur sagen.

Als in sich geschlossener Film funktioniert das alles nicht perfekt, eine Dramaturgie ist nur angedeutet, und es hakt immer mal wieder mit der szenenübergreifenden Stringenz der Charaktere. Das experimentelle Setting erinnert eher an eine Übung aus der Schauspielschule oder an Impro-Theater, aber Schütte versucht auch gar nicht, dass zu überdecken. Die starke Wirkung und die Authentizität, die seine Arbeit mit den Schauspielern zum Vorschein bringt, stehen für sich. Als Film bleibt es in gewisser Weise ein Provisorium, eine Regieübung, die sich anfühlt wie die Anwesenheit bei einer Generalprobe – der Anlauf für das richtig große Werk.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen