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„Wawilow, Lyssenko und Stalin“ (Arte) Krieg der Wissenschaftler

Die unscheinbare Arte-Doku „Wawilow, Lyssenko und Stalin“ über zwei prägenden Biologen des 20. Jahrhunderts zeigt die Verantwortung, die die Wissenschaft für das Überleben von Millionen von Menschen haben kann.

Szenen aus "Wawilow, Lyssenko und Stalin"
Foto: Arte/Sunset Presse/Point du Jour

Man könnte eine alternative Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts schreiben, in der die  politischen und militärischen Triumphe und Katastrophen in den Hintergrund rücken – zugunsten von wissenschaftlichen Triumphen und Katastrophen, die viel mehr Menschenleben gekostet und gerettet haben.

In dieser Geschichtsschreibung wäre zum Beispiel der Ausbruch der Spanischen Grippe 1918-1920, der nach neuesten Schätzungen weltweit dreimal so viele Menschen getötet hat wie der vorhergehende Erste Weltkrieg, das bedeutendere Ereignis. Und die eigentlichen Helden und Massenmörder wären nicht mehr Politiker oder Generäle, sondern vor allem Genetiker und Wissenschaftler.

Wer zum Beispiel kennt Frederick Lindemann, den wissenschaftlichen Berater und engen Freund von Winston Churchill, der diesen drängte, die vorhandenen Nahrungsmittelreserven aus der indischen Bengalen-Region abzuziehen, und damit eine Hungersnot auslöste, die 3 Millionen Menschenleben kostete? Wo sind die Statuen und Feiertage für Florence Nightingale oder Alexander Fleming angesichts der Millionen geretteten Menschenleben? Und warum kennt niemand mehr Norman Borlaug, dessen Züchtungen von robusteren und ertragreicheren Weizen-Varianten in Mexiko, Indien und Pakistan nach seriösen Schätzungen mehr als eine Milliarde Menschen vor dem Hungertod gerettet haben?

Zwei dieser selten beleuchteten, aber gravierenden Episoden waren die Hungersnöte in der eigentlich fruchtbaren Sowjetunion in den 20ern und 30er Jahren, die einmal 5 Millionen und dann noch einmal 6 bis 8 Millionen Menschenleben gekostet haben. Und sie bilden den Hintergrund für zwei der faszinierendsten Wissenschaftsfiguren des 20. Jahrhunderts, die sich arte für diese einstündige Doku herausgepickt hat. Über wenige Wissenschaftler kursieren so erstaunliche Anekdoten wie über den Genetiker Nikolai Wawilow und den Biologen Trofim Lyssenko. Sind Wawilows Studenten bei der Belagerug von Stalingrad wirklich lieber verhungert, anstatt die tonnenschwere Sammlung von Saatkörnern und Nüssen aus aller Welt auch nur anzurühren? Und hat Lyssenko wirklich in der größten russischen Hungersnot hunderte Tonnen an Weizensaatgut in der sibirischen Tundra ausgesäht, um zu beweisen, dass die Pflanze, wenn sie nur von der Kulakenherrschaft befreit ist, sich spontan und streng kommunistisch weiterentwickeln wird?

Die tadschikischstämmige Dokumentaristin Gulya Mirzoeva bestätigt in ihrer ausschließlich aus Archivmaterial zusammengestellten Doku einige dieser Legenden und findet auch sonst haarsträubende Fakten. Vor allem, wenn sie die zunehmende Rivalität dieser beiden prägenden Gestalten schildert: Der eine, Wawilow, war ein viersprachiger Akademiker und Intellektueller aus bürgerlichem Hause, der jahrelang im westlichen Ausland unter den renommiertesten Koryphäen und in den besten Labors gearbeitet hat, alle fünf Kontinente bereist hatte und als Pionier der Saatgut-Archivierung gilt, die heute eine internationale Anstrengung mit mehreren Saatgut-Tresoren auf der ganzen Welt darstellt. Der andere, Lyssenko, war ein halbseidener Emporkömmling, dessen unsaubere Methoden von der akademischen Welt verlacht wurden, der noch in den 50er Jahren nicht an die Existenz von Genen glaubte, der die politische Exekution seiner wissenschaftlichen Zweifler einforderte und und einige der größten Unsinns-Thesen der modernen Wissenschaft herbeifabuliert. Es war klar, wer hier gewinnen würde: Stalin mochte keine internationalistischen,  bürgerlichen Intellektuellen.

Der englische Titel „The Scientist, the Imposter and Stalin“ ist viel deutlicher als der neutrale deutsche, und er lässt ahnen, wie die Geschichte weitergeht, wenn ein allmächtiger, aber verrückter Diktator einen ideologisch verblendeten Dillentanten zum Alleinbestimmer der gesamten Agrarpolitik einer Supermacht ernennt. Die darauf folgenden ökologischen, sozialen und wissenschaftlichen Katastrophen münden erneut in Millionen von Toten und in jahrelanger Lähmung der russischen Agrarproduktion – selbst als alle drei schon längst tot sind, der Wissenschaftler, der Aufschneider, und Stalin.

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