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„Wach“, ZDF 86 Stunden reines Gefühl

„Wach“ ist der erste Spielfilm, der gleichzeitig bei ZDF und Youtube läuft. Drehbuch und Regie des Coming-of-Age-Dramas stammen von Ex-„Echt“-Frontmann Kim Frank.

Wach
Endlich nachgeben und schlafen? Alli Neumann (l.) und Jana McKinnon. Foto: ZDF/ Clara Nebeling

Zwei 17-jährige Girlies streifen auf der Suche nach Geld durch die Sozialbausiedlung, in der sie wohnen, denn sie wollen sich mit Essen eindecken, um so lange wie möglich wach zu bleiben. Die freche, prollig-aufgesetzte Nike (Alli Neumann) haut den herumlungernden Hassan an, der ihr scheinbar noch was schuldet, die Hälfte aber nur in Drogen bezahlen kann. Nein. Drogen wollen Nike und C. (Jana McKinnon) diesmal nicht. In den nächsten 86 Stunden wollen sie ein reines Gefühl vom Leben haben. Was bei diesem Experiment hilft, ist eine Internet-Suchmaschine: kann für alles im Leben eine Erklärung liefern, wie C. müde bemerkt. Wer den Begriff „wach bleiben“ eingibt, erhält Anleitungen: viel trinken, essen, sich beschäftigen, Rauchen, Kaugummi kauen.

So beginnt der Fernsehfilm „Wach“, der heute ab 20 Uhr zunächst in der ZDF-Mediathek sowie auf Youtube und unter funk.net zu sehen sein wird, direkt im ZDF um 0:05 Uhr. „Wach“ ist damit der erste deutsche Spielfilm, der parallel im TV und auf Youtube zu sehen ist.

Drehbuch, Regie und Produktion stammen von Kim Frank, der den U-35 unter uns noch aus der 90er-Jahre-Teenie-Band „Echt“ bekannt sein könnte, die mit Liedern wie „Alles wird sich ändern, wenn wir groß sind“, oder „Junimond“ Charterfolge feierte. Nach seiner Boyband-Zeit versuchte sich Kim Frank zunächst als Solokünstler, wechselte aber bald hinter die Kamera und drehte vor allem Musikvideos. Er war als Schauspieler aktiv und schrieb den Jugendroman „27“, bevor er mit „Wach“ nun seinen ersten Spielfilm machte.

Das Thema Jugend scheint Kim Frank nicht mehr losgelassen zu haben, doch dieses Mal handelt es sich nicht um die ersten  rebellischen Regungen und Liebeskummererfahrungen wohlbehüteter Mittelschichtkinder, sondern in „Wach“ geht es eine Spur härter zu. Nike und C. überschreiten viele Grenzen auf der Suche nach sich selbst. Sie träumen von Liebe, Freiheit und davon, endlich jemand zu sein. Und so, wie junge Menschen im Jahr 2018 es eben machen, nehmen sie mit der Handy-Kamera alles auf, was sie tun.

Die Perspektive fehlt

In ihrer Welt sammeln sich 8561 Fotos auf dem Smartphone, und die Anzahl an Followern auf Instagram ist das alles Entscheidende. Jeder kann ein Star sein, wird da suggeriert, doch die Mädchen beklagen, dass niemand darüber spricht, wie schwer das echte Leben eigentlich ist. Ihnen fehlt so sehr die Perspektive. Sie wissen nicht, was Sexualität ist, sie wissen nicht, welchen Beruf sie ergreifen sollen und ob das Leben ihnen etwas zu bieten hat.

Die Zuschauerin kann nerven, wie sich Nike darstellt, wie sie alles auf sich bezieht, übertreiben muss und ihre Freundin gängelt. Selbst wenn sie am Boden ist, dringt man mit Vernunft nicht zu dem psychisch labilen Mädchen durch.

In schnellen Bildern und mit Technobeats unterlegt rast der Film mit den Teenagern durch Tage und Nächte, durch Clubs, Bars, Hotelzimmer. Provokant, aufgeheizt und laut. Das ist oft zu viel und wirkt überzogen. Doch ist es ja auch so, dass das wahre Leben absurde Geschichten schreibt. „Wach“ könnte sich daher auch heute Nacht irgendwo in Deutschland oder sonstwo in der Welt abspielen. Tempo und Thematik erinnern mitunter an „Victoria“ (2015), einen Film, der, in einer einzigen Kameraeinstellung gedreht, eine Nacht durch Berlin zeigt. Dann finden sich wieder leise Anklänge von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“.

„Wach“ ist ein Coming-of-Age-Drama, das die meiste Zeit die richtigen Töne trifft, aber auch ab und zu daneben liegt.

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