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"Vorsicht Gentechnik?", Arte Monsterfisch und Sojawahn

Die Doku "Vorsicht Gentechnik?" startet mit dem Versprechen, sachlich über das Für und Wider der Gentechnik aufzuklären, scheitert aber an einer grundlegenden Problematik der Diskussion.

11.10.2016 08:38
Franziska Schuster
Durch Manipulationen am Erbgut lässt sich insbesondere der Ertrag von Pflanzen steigern. Ob Soja, Mais, Baumwolle oder Raps - der Anbau von transgenen Pflanzen soll inzwischen zehn Prozent der Nutzflächen betreffen. Foto: Arte/La Compagnie des Taxi-Brousse

Man kann bei Frédéric Castaignèdes Dokumentarfilm den Eindruck gewinnen, dass es nicht allzu viele gute Argumente für die Gentechnik gibt – oder dass der Regisseur voreingenommen ist. Tatsächlich sitzt das Problem tiefer: In den Diskussionen über die Chancen und Gefahren der gentechnischen Veränderung von Organismen (GVO) geht es in den meisten Fällen gar nicht so sehr um die Technik selbst, sondern um deren Begleitumstände.

Es sind indes Umstände, die verheerend sein können, wie das Beispiel des argentinischen Ortes Ituzaingó zeigt: Umgeben von Feldern, auf denen gentechnisch verändertes Soja angebaut wurde, waren die Bewohner großen Mengen von Herbiziden ausgesetzt, die beim Anbau der transgenen Bohnen üblicherweise zum Einsatz kommen. Das führte zu einer eklatanten Häufung von Krebserkrankungen, neurologischen Schäden, Atemwegserkrankungen, Geburtsdefekten und einer Erhöhung der Kindersterblichkeit. 

Im größten Teil der Fallbeispiele, die Castaignède wie das genannte in seinem Film anführt, spielt der US-Konzern Monsanto eine eher unrühmliche Rolle, und genau in dieser Tatsache zeigt sich die hauptsächliche Schwäche der Argumentation. Denn gegen Monsanto zu sein heißt nicht automatisch, gegen Gentechnik zu sein. Doch diese Unterscheidung verschwimmt, wenn als Argumente gegen den Einsatz von GVO vor allem die Machenschaften des Konzerns an der Grenze zwischen Profitstreben und Menschenverachtung angeführt werden.

Nicht die Technologie an sich ist schuld, wenn Gerichte es erlauben, Saatgut zu patentieren und damit afrikanische Kleinbauern in den Ruin treiben, oder wenn Landwirte Monsanto dafür entschädigen müssen, dass ihr eigenes Saatgut von den benachbarten transgenen Pflanzen kontaminiert wurde.

Es ist diese Gleichsetzung von Gentechnik und Monsanto, die eine sachliche Nutzen-Risiko-Abwägung erschwert, und auch diese Doku schafft es nicht, hier den nötigen Schritt zurückzutreten. Letztlich fehlen so die Lösungsansätze, die man zwangsweise braucht, wenn eine derartige Technik einmal in der Welt ist und auch durch Boykott oder Ablehnung nicht wieder verschwinden wird. Vielleicht würde es helfen, die Patentierung von Organismen grundsätzlich zu verbieten? Möglicherweise zeigt es sich erst, wenn die Rentabilität sinkt, wie ernst es Monsanto und Konsorten mit ihrem Kampf gegen zukünftige Ernährungsprobleme wirklich ist.

Stattdessen verstrickt sich der Film nach einem vielversprechenden Anfang – mit einem angenehm bedächtigen Tonfall, einer ruhigen, meist auf das Wesentliche konzentrierten Kamera sowie Renan Demirkans wunderbarer Kommentarstimme – in zunehmend defensiven und verkürzten Diskussionsbeiträgen, die sich gegen Ende allzu oft in einem "niemand kann sagen, was passiert, wenn ..." erschöpfen. Da ist es auch nicht förderlich, wenn man den schnell wachsenden Lachs als "Monsterfisch" tituliert und die transgene Klonkuh Rosita zeigt, wie sie ihren Pfleger durch das Gehege jagt, bevor man Bedenken darüber äußert, dass diese Tiere sich unkontrolliert mit ihren konventionellen Artgenossen paaren und Nachwuchs zeugen könnten.

Viel schwerer wiegt, was vorher zur Sprache kommt – dass Monsanto eine hoch budgetierte Forschungsabteilung unterhält, die ganz offensichtlich das Ziel hat, wissenschaftliche Erkenntnisse zu generieren, die der Firma nutzen. Ebenso nachdenklich sollte der Umstand stimmen, dass der massenhafte Verkauf herbizidresistenten Saatguts vor allem dem Absatz des passenden Herbizids zuträglich ist, das – so ein Zufall – von Monsanto hergestellt und vertrieben wird.

Dabei spielte ursprünglich vor allem der Wunsch nach einer Reduzierung des Chemieeinsatzes eine Rolle bei der Entwicklung transgener Pflanzen, was sich durch das zunehmende Auftreten resistenter Unkraut- und Schädlingsarten in der Realität allerdings nicht langfristig bewährte. Doch sollte man einer so jungen Technologie nicht die Chance geben, aus derartigen Rückschlägen zu lernen und in Zukunft möglicherweise mehr Erfolg zu haben? Anregungen für klarere Regeln, die verfrühte Freilandversuche mit unkontrollierbaren Folgen zu verhindern helfen, wären hier hilfreich.

Doch auch wenn die Doku konstruktive Vorschläge schuldig bleibt, zeigt sie eines letztlich sehr gut: Das größte Risiko für den Missbrauch einer Technologie, die ansonsten vielleicht tatsächlich heilsbringend sein könnte, ist die Profitgier des Menschen. 

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