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„Visions of Greatness“ (Servus TV) Drahtiger Surfer trifft sensiblen Universalkünstler

Fernsehdokumentationen US-amerikanischer Machart sind für deutsche Augen eher ungewohnt. Auch hier lassen sich interessante Dinge entdecken. Wenn man die nötige Mühe aufwendet.

Visions of Greatness
In der sechsteiligen Reihe geht es um „wahre Größe“. Foto: www.redbullcontentpool.com

Das Personal sollte weite Zuschauerkreise ansprechen. Der Sport wird unter anderem durch Skirennläuferin Mikaela Shiffrin und Leichtathlet Michael Johnson vertreten, die Hochkultur durch den Pianisten Lang Lang, der Extremsport durch Skateboard-Legende Stacy Peralta, die Pop- und Rockmusik durch Wycliff Jean und Perry Farrell (Jane‘s Addiction). Scharfe Kontraste kennzeichnen schon die erste Ausgabe der sechsteiligen Reihe „Visions of Greatness“. Sie widmet sich dem Surfer, Stuntman und Unternehmer Laird Hamilton, ferner Mark Mothersbaugh, der vor allem als Mitglied der Kultband Devo bekannt wurde, aber auch als Komponist für Film („The Lego Movie“) und Fernsehen („Dawson‘s Creek“; „House of Lies“) sowie als bildender Künstler tätig ist.

Anhand der ausgewählten Protagonisten erörtern die Autoren, was „wahre Größe“ ausmacht. Wobei diese Eigenschaft nicht näher definiert wird. Die Reihe ist eine US-amerikanische Produktion und folgt erkennbar der dortigen Mentalität, die wirtschaftlichen Erfolg und Prominenz zum Maßstab der Dinge erhebt. Einfach ausgedrückt, porträtiert die Reihe Personen, die sich in ihrem Tätigkeitsfeld gegenüber anderen durchsetzen konnten.

Banalitäten aus Koryphäenmund

Die US-Herkunft zeigt sich auch an der Machart. Das Tempo ist schnell, die Autoren arbeiten mit starken Bildern. Aber, und das erstaunt vielleicht ein wenig, für den US-Markt ist es wichtig, dass in Populärdokumentationen wie diesen echte oder vermeintliche Experten auftreten und das Gezeigte quasi verbürgen. Bei internationalen Koproduktionen werden deshalb oft unterschiedliche Fassungen hergestellt. Denn die Beiträge der Sachverständigen sind, das zeigt auch diese Produktion, meistens sehr verzichtbar. Es äußern sich Fachautoren und Wissenschaftler – die University of Southern California ist personell vertreten, auch die renommierte Harvard Universität –, aber die Aussagen der Akademiker kommen meist über Allgemeinplätze und griffige Slogans aus der Lebensratgeberecke nicht hinaus. Dr. Edward Slingerland beispielsweise verrät uns: „Erst wenn du das findest, wofür dein angeborenes Talent bestimmt ist, weißt du es.“ Und die Historikerin Sarah Lewis hat herausgefunden, dass „Überlegenheit (…) auch seine [sic!] Schattenseiten“ hat.

Der Sender Servus TV, der hier eine Produktion von Red Bull TV übernommen hat, wäre gut beraten gewesen, die deutsche Version mit etwas mehr Aufwand anzugehen und stärker zu bearbeiten. Denn die Filme haben ihr Gutes. In der Auftaktfolge ergeben sich schon aus der Beschäftigung mit dem Surfer Laird Hamilton grandiose Bilder von seinen waghalsigen Wellenritten. In seiner Biografie – er wurde in jungen Jahren vom Vater verlassen – finden sich einige Anhaltspunkte für seinen späteren Lebensweg.

Das trifft noch mehr zu auf Mark Mothersbaugh, den Mitbegründer von Devo. Er musste erst acht Jahre alt werden, ehe sein Umfeld erkannte, dass er an einer starken Sehstörung litt. Als er dann endlich die notwendige Sehhilfe bekam, entdeckte er die Welt auf völlig neue Weise. Er erfuhr sie also auf zweierlei Weise. Das hat, nachvollziehbar, seine spätere Wahrnehmung und sein Schaffen als bildender Künstler nachhaltig beeinflusst.

Es gab noch einen weiteren entscheidenden Wendepunkt. Der 1950 geborene Mothersbaugh studierte in den Sechzigern an der Kent University und beteiligte sich dort an den Anti-Kriegs-Protesten. 1970 wurde die Nationalgarde gegen die Demonstranten in Gang gesetzt. Sie feuerte mit scharfer Munition, vier Studenten fanden den Tod. Der verstorbene Devo-Bassist Jerry Casale war Augenzeuge des Verbrechens. Unter dem Eindruck des Geschehens sprach er davon, dass sich die Menschheit in einer Phase der „De-Evolution“ befinde – Devo war geboren. Eine schnurrige Volte der Popmusikgeschichte, dass der zeitkritisch eingestellten, kunstphilosophisch eingebetteten, am Surrealismus geschulten Avantgardeband 1980 mit „Whip It“ ein Hitparadenerfolg gelang.

„Visions of Greatness“ beinhaltet interessante Aspekte. Es bleibt der Zuschauerschaft überlassen, sie aus dem Bilderwirbel herauszuklauben.

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