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„Vietnamkrieg - Gesichter einer Tragödie“ Krieg im Spiegel der Medien

Vor 40 Jahren endete der Vietnamkrieg mit der Flucht der Amerikaner aus Saigon. Dokumentarfilmerin Christel Fromm zeigt, wie es zum Krieg kam und warum er für viele Menschen noch nicht vorbei ist.

Die Jugend Vietnams zieht in den Krieg gegen die Amerikaner. Foto: WDR/Thomas Billhardt/Camera Work Berlin

Eine blühende Landschaft, vom Flieger aus gefilmt. Aber dann: Explosionen, Feuerbälle, Rauch-Kometen. Der Beginn von Christel Fromms Film über den Vietnamkrieg erinnert nicht von ungefähr an die schockierend-grandiose Eingangssequenz von Francis Ford Coppolas „Apokalypse now“ – die Vernichtung eines Landes symbolisierend. Auch Fromms erster Satz lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig: „Der Vietnamkrieg wurde auf dem Rücken des vietnamesischen Volkes ausgetragen.“ Die Dokumentarfilmerin hat den Versuch unternommen, den längsten Krieg des vergangenen Jahrhunderts zu beschreiben, und es ist ihr rundum gelungen.

Die Unterdrückung Vietnams durch fremde Mächte hatte schon durch die Franzosen hundert Jahre zuvor begonnen und sich nach dem Zweiten Weltkrieg gesteigert: „Unter französischer Herrschaft blutete das Land regelrecht aus“ formuliert die Autorin. Die Franzosen mussten nach der Schlacht von Dien Bien Phu 1954 weichen, aber Vietnam wurde am 17. Breitengrad geteilt.  Warum es zu dieser Teilung kam, wird leider nicht weiter erwähnt, die Folgen aber waren  – wörtlich – verheerend. Denn nun wurde der schmale  knapp 1700 Kilometer lange und stellenweise nur 50 Kilometer Streifen am südchinesischen Meer zum Schauplatz eines Kampfes zwischen Kapitalismus und Kommunismus.

In den 60-er Jahren begannen die US-Amerikaner, den Krieg vorzubereiten, etwa mit „Militärberatern“, und den Bürgern wurde erzählt, dort müsse man die Freiheit des Westens verteidigen. Wem das bekannt vorkommt, der irrt nicht: Beinahe eins zu eins waren die Behauptungen  der westlichen Politiker auch im Falle Afghanistan wieder zu vernehmen. Und auch  die „Domino-Theorie“, nach der alle anderen Staaten Ostasiens unter Einfluss Chinas oder Russlands kämen, wenn Vietnam an die Kommunisten fiele, erinnert an die heute geschürte Furcht vor den Islamisten.

Neu an der Auseinandersetzung in Fernost war die Rolle der Medien, wie die Autorin betont. Während die Regierung mit medialer Manipulation der Bevölkerung (und den Soldaten ohnehin) zunächst erfolgreich eine Art Gehirnwäsche zu verpassen suchte, begleiteten zusehends mehr Journalisten und Reporter das Geschehen und brachten andere als die offiziellen Bilder mit. Der ehemalige Aktivist Tom Hayden erinnert sich an die darauf folgenden Auseinandersetzungen auch innerhalb seiner Familie, der (ost-)deutsche Fotograf Thomas Billhardt fotografierte grauenhafte Szenen (die dem Zuschauer nicht erspart bleiben). Fromm findet  Zeitzeugen wie einen Vietnamesen, der auf Seiten der Amerikaner kämpfte – und bald nicht mehr wusste, wofür, zwei US-Veteranen berichten von ihren Erfahrungen und ihrem Wandel von Tötungsmaschinen zu Kriegsgegnern.

Scott Camil, später prominenter Vertreter von Vietnam Veterans Against the War, schildert beispielhaft, wie aus Menschen Soldaten und Mörder werden: Er musste erleben, wie sein Freund bei einem Vietcong-Überfall getötet wurde, und er schwor sich, nun jeden Feind zu töten. Und nicht nur das: Unter den Marines entstand ein Wettbewerb, wer mehr Leichen zu bieten hatte: der „Body Count“ wurde zum perversen Fetisch der jungen Männer, die vor dem Krieg noch nicht einmal gewusst hatten, wo Vietnam überhaupt liegt.

Die Berichte in Zeitungen und Fernsehen ließen den Krieg in der Einschätzung der Deutschen zum wichtigsten politischen Thema des Jahrzehnts werden; K D Wolff, ehemaliger SDS-Aktivist, der den Vietnam-Kongress in Berlin organisiert hatte, spricht von einem „epochalen Ereignis“, und der Film macht anschaulich, wie sich eine globale Bewegung gegen den Krieg entwickelte. Neu für manchen Zuschauer dürfte die Information sein, dass der damalige Bundeskanzler  Ludwig Ehrhardt (CDU) einen von den Amerikanern geforderten Einsatz deutscher Soldaten in Vietnam ablehnte. Erkennbar wird, dass der Protest gegen das sinnlose Töten eine ganze Generation „auf die Straße trieb“ (Fromm) – und während in Woodstock im August 1969 eine halbe Million „Love & Peace & Happiness“ huldigten, waren zu gleicher Zeit etwa gleich viel G.I. in Vietnam stationiert.

1000 Soldaten pro Woche wegen Marihuana verhaftet

Die Autorin unterfüttert ihren Bericht mit vielen Zahlen, die bisweilen bizarre Schlaglichter auf den Krieg werfen: So wurden zeitweise bis zu 1000 Soldaten pro Woche wegen Marihuana-Gebrauchs verhaftet  – bevor das Heroin die wichtigste Droge der G. I. wurde. Manchen half die Betäubung nicht: Veteran Whitehurst, in Vietnam eine „Tunnelratte“, hat „nachts zehn Jahre lang geschrien“ und bricht heute noch in  Tränen aus, wenn er von den „alten Damen und Kindern“ berichtet, die er in den Gängen unter der Erde fand. Und wie offenbar viele seiner Kameraden fand er bei seiner Rückkehr: „Der Krieg war gütiger zu uns als diese Nation“.  Etwa 60 000 Veteranen haben Selbstmord begangen – das sind mehr US-Soldaten, als im Krieg gefallen sind. Von den Opfern der Vietnamesen weiß man offenbar keine genauen Zahlen, aber es ist zu befürchten, dass der Krieg fast vier Millionen Menschen das Leben gekostet hat.

In der französischen Fassung für arte heißt der Film übrigens „La sale guerre“ – der schmutzige Krieg. Nun kann man darüber streiten, ob nicht jeder Krieg schmutzig und die Bezeichnung daher eine Tautologie ist. Aber der deutsche Untertitel „Gesichter einer Tragödie“ ist komplett verharmlosend. Eine Tragödie, bei der nach klassischer Definition jeder unschuldig schuldig wird, war dieser Krieg nicht, sondern ein geplantes Verbrechen an einer unschuldigen Nation und ihrer Bevölkerung. Das macht dieser Film dankenswert deutlich.

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