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„Vier Schwestern“, Arte Erinnerung an die Vernichtung

Auschwitz-Gedenken: Arte zeigt Filme von und mit Claude Lanzmann.

„Vier Schwestern“
Die Jüdin Ruth Elias aus Ostrava im heutigen Tschechien wurde mit 19 Jahren in das KZ Theresienstadt deportiert. Foto: Synecdoche

Im Jahr 1986 veröffentlichte der 1925 in Paris geborene Enkel jüdischer Immigranten aus Osteuropa, Claude Lanzmann, seinen neunstündigen Dokumentarfilm „Shoah“. Es sind Gespräche mit Zeitzeugen. Arte zeigt in den nächsten Tagen „Vier Schwestern“, Interviews, die das Material aus der Arbeit an „Shoah“ verwenden. Außerdem noch „Der Letzte der Ungerechten“, ein Interview aus den 80er Jahren mit Benjamin Murmelstein, dem „Judenältesten“ in Theresienstadt. Als 87-Jähriger kehrte Lanzmann dorthin zurück. Sein Film schildert die Genesis der von den Nazis erstrebten „Endlösung der Judenfrage“ und das heutige Theresienstadt. Dazu kommt noch ein Film, in dem Adam Benzine Claude Lanzmann über die Arbeit an „Shoah“, über die Arbeit an der Erinnerung befragt.

Ich habe nur den ersten Film der „Vier Schwestern“ gesehen. Das Interview mit der 1922 geborenen tschechischen Jüdin Ruth Elias. Wir sagen Holocaust-Überlebende. Ruth Elias macht uns klar, wie falsch diese Redeweise ist. Wer den Holocaust überlebte, hat zig Situationen überlebt, in denen er leichter hätte sterben können. Er hat auch seine Erschöpfung, die Zerschlagung seines Lebenswillens immer wieder überleben müssen. Lanzmann nimmt sich Zeit, wir erfahren Minute für Minute, wie wichtig es ist, sich Zeit zu nehmen, für das Hin und Her, für Kleinigkeiten, für kleine Unterschiede. Lanzmann lehrt uns zuzuhören. Wir lernen, aufmerksam zu sein. Wir lernen das, weil Ruth Elias uns mit jeder Wendung eine andere Sicht zeigt, weil wir langsam merken, dass wenn sie uns von der Judenvernichtung berichtet, sie uns etwas über das Leben selbst erzählt. Seine Zerbrechlich- und seine Zähigkeit.

„Schwein gehabt!“ meint in Auschwitz KZ-Arzt Josef Mengele, als er sie und ihr neun Tage altes Baby zum Weg in die Gaskammer abholen möchte, und sie ihm sagt, das Kind sei gestorben. „Schwein gehabt“ hat nicht das Baby, sondern sie, denn sie wird dann nicht heute, sondern erst später vergast. Er sucht zwischen den Leichen nach dem Kind, kann es aber nicht finden. Es war ihm wichtig gewesen. Lanzmann fragt „was war Mengele für einer?“ Ruth Elias lächelt: „Sehr attraktiv, sehr selbstbewusst, sehr gute Manieren, ein charmanter Mann.“

Kaum hat sie das Kind auf die Welt gebracht, ist Mengele zur Stelle, befiehlt Ruth Elias die Brust einzubandagieren, so dass sie ihr Baby nicht stillen kann. „Ich will wissen, wie lange ein Baby ohne Nahrung leben kann“, sagt er. Jeden Tag schaut er. Er untersucht den Verfallsprozess des Säuglings. Am achten Tag sagt er zu Ruth Elias: „Morgen komme ich und hole Sie ab!“ Als Ruth Elias Jahre später in einem israelischen Krankenhaus von ihrem Sohn entbunden wird und man ihn in den Nebenraum trägt, brüllt sie: „Nehmt mir mein Kind nicht weg. Ihr wollt es umbringen.“ Ein Arzt kommt und gibt ihr Ohrfeigen. Sie erzählt ihm ihre Geschichte. Sie ist die Einzige auf dieser Station, die ihr Kind neben sich liegen haben darf.

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