Lade Inhalte...

„Verräter – Tod am Meer“, ZDF Die Stille nach dem Irrsinn

Von Stasi, BND und untergeschlüpften RAF-Leuten: „Verräter – Tod am Meer“ ist nicht der Nullachtfünfzehn-Krimi, den der Titel erwarten lässt.

Verräter - Tod am Meer
Gerd (Christian Redl) möchte von Martin (Albrecht Schuch) mehr über die in der Ostsee geborgene Leiche erfahren. Foto: Bella Halben/ZDF

Wer die Krimivorlage von Christa Bernuth nicht kennt („Innere Sicherheit“, 2009), wird durch Volker Schlöndorffs einschlägigen Film „Die Stille nach dem Schuss“ (2000) dennoch bald auf der richtigen Spur sein. Es geht auch hier um die weiterhin keineswegs offengelegte Seitenlinie innerdeutscher Geschichte, die von in der DDR untergeschlüpften RAF-Mitgliedern erzählt beziehungsweise erzählen könnte, wäre mehr darüber bekannt.

Dass der Unterschlupf von der Staatssicherheit arrangiert und gedeckt wurde, gilt heute als ausgemacht, ebenso eine mehr als periphere Mitwisserschaft des BND. Dass Drahtzieher in den beiden deutschen Staaten die (vielleicht bereitwilligen, jedenfalls erpressbaren) Gesuchten auf diesem Weg quasi als Auftragskiller benutzt haben könnten, ist dagegen eine haarsträubende Spekulation.

Allerdings nicht, weil man es den Geheimdiensten moralisch nicht zutrauen würde. Es wirkt eher inhaltlich überkonstruiert, wenn die eine Seite einen Banker loswerden will, weil er für einen Schuldenerlass für Dritte-Welt-Länder plädiert, und die andere Seite, weil er der DDR Kredite verweigert. Es passt einfach zu gut und erscheint auch irgendwie – naiv und erschreckend dumm. Angenehmer wäre natürlich, es wäre undenkbar. Das ist es nicht.

Fest für Verschwörungstheoretiker

Stattdessen darf man von einem Fest für Verschwörungstheoretiker sprechen, bei dem auch weniger Gutgläubigen zuweilen mulmig werden kann. Zumal das Drehbuch von Stefanie Veith und Nils Willbrandt bei allen Verkürzungen auch der Verblüffung der Hauptfigur, eines unauffälligen Volkspolizisten, eindrucksvoll Raum lässt. Erst recht gilt das für die Inszenierung von Franziska Meletzky: Hier bricht eine Welt zusammen und man kann Albrecht Schuch in aller Ruhe dabei zuschauen, wie er das allmählich begreift.

Dem Nullachtfünfzehn-Titel zum Trotz ist „Verräter – Tod am Meer“ ein ungewöhnlicher Film, vor allem ungewöhnlich still und diskret, wenn man bedenkt, wie er seine Botschaft eigentlich herausbrüllt. Dass Ideologie, Druck und Gewaltbereitschaft in jeder Form immer Richtung Unrecht führen, wird eisern und geradezu aufdringlich durchexerziert – und damit keine Missverständnisse möglich sind, wird auch die versteckt lebende Ex-RAF-Frau ohne mit der Wimper zu zucken eine misstrauisch gewordene Verkäuferin erschießen. Aber die Figuren sind nicht in der Stimmung zu räsonieren und überlassen das getrost dem großäugigen Zuschauer.

Nicht so, wie der brave Volkspolizist denkt

Sie sind auch sehr beschäftigt. An der Ostseeküste wird eine Frauenleiche angeschwemmt, der Volkspolizist und sein Kumpel geraten offenbar zum wiederholten Mal in den Verdacht, nicht aufmerksam genug für mögliche Republikflüchtlinge zu sein. Es ist das Jahr 1988, die Leute vor dem Fernsehbildschirm wissen, was das bedeutet, die Leute im Film bewegen sich verunsichert zwischen Auflösungserscheinungen und zielloser, aber nicht minder übler Repression.

Der freche Kumpel, Marek Harloff, verschwindet bald von der Bildfläche (sicher ein typischer Romanadaptionsnachteil, diese lose bleibenden Stränge). Schuchs Polizist hingegen stellt durch Neugier, Zufall und solide Ermittlungsarbeit fest, dass die Tote keine DDR-Vergangenheit hat. Die Frau, zu der sie in Berlin einen höchst geheimgehaltenen Kontakt hatte, ist Hannah Herzsprung als fabelhaft in sich ruhende und dosiert außer sich geratende RAF-Frau. Dass sie und der Volkspolizist bald gemeinsam in einem gestohlenen Auto Richtung polnische Grenze unterwegs sind, ist ein wenig ausgedacht, emotional aber ziemlich überzeugend.

Dass es auch um eine mögliche Liebesgeschichte unter Deprivierten geht, darf erst spät zutage treten. Der Hauch von Melodram tritt aber weit zurück hinter der spröden Szenenabfolge, die die Bösen und die von ihnen Zerriebenen unverziert vor Augen führt. Schuch und Herzsprung führen ein prächtiges Wenig-ist-genug-Spiel auf. Wer das beherrscht, kann einem viel erzählen. Meletzky verlässt sich zu Recht darauf.

„Verräter“ freut sich ferner an DDR-Dekor – während sich sprachlich zeitgenössischere Wendung hineinmogelten: Das und das sei nicht seins ..., schade – und an einer Welt, in der praktisch jedermann rauchte.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen