Lade Inhalte...

Vegetarier gegen Fleischesser „Drei Äpfel, paar Nüsse und eine Orange“

Das ZDF greift in seiner Dienstags-Reihe mit Verbraucherthemen die aktuellen Essgewohnheiten auf und packt das Sujet in die Form eines Duells – dabei überraschend informativ.

11.06.2014 08:08
Hilal Sezgin
Attila Hildmann (l.) ist der Shooting-Star unter den Vegan-Köchen . Herausforderer Alfons Schuhbeck liebt die Fleischtöpfe. Foto: ZDF/Angela Giese

„Müssen wir das wirklich anschauen?“ - „Na komm, wo wir doch schon hier sitzen.“ Mit so viel Enthusiasmus begann bei etlichen meiner veganen Freunde der gestrige Fernsehabend. Alfons Schuhbeck gegen Attila Hildmann. Weiße Kochschürze gegen gebräunten Sixpack. Keule gegen Möhre. Die gefühlt hundertste Sendung zum Thema vegane Spinner, sicher wieder voller Vorurteile, dass Veganer mager, blutarm und humorlos sind und kein Ikea-Regal die Treppen hochgetragen, geschweige denn zusammengeschraubt kriegen.

Doch es kam anders. Nachher telefonierten und chatteten alle durch die Gegend und vergewisserten sich, dass sie das nicht etwa nur geträumt hatten: Hast du das auch gesehen, auf ZDF? Da gab es eine faire Sendung über Vegetarismus, mit viel Sympathie für die Anti-Fleisch-Fraktion, vielen Infos zu Umwelt und Ernährung und fast ohne Fehler.

Die Spielregeln

Zunächst allerdings stand der Zuschauer vor der Herausforderung, die Spielregeln zu verstehen (und die Autorin dieser Zeilen würde von sich nicht behaupten, hier ein volles Verständnis erreicht zu haben). Es gab zwei Viererteams, von denen das eine vier Wochen fleischlos leben und das andere vier Wochen lang jeden Tag  Fleisch essen würde. Im Vegetarier-Team waren auch zwei passionierte Fleischesser, und im Team „Fleisch“ zwei Frauen, die sich normalerweise vegetarisch ernährten. Obwohl man nach der Ankündigung hätte meinen können, dass hauptsächlich Schuhbeck und Hildmann gegeneinander antreten würden, scheinen die beiden tatsächlich nur am Rande beteiligt gewesen zu sein. Jeder von ihnen kochte zwei Mahlzeiten, was natürlich nicht viel ist für ein vierwöchiges Experiment, dafür mussten die acht eigentlichen Teilnehmer umso mehr Seilspringen, Joggen, Radfahren und Schwimmen.

Rätselhaft blieb daher bis zum Schluss, wie die Kandidaten, die sich plötzlich umstellen mussten, ohne Beistand der beiden Superköche eigentlich kochten.  Ein stark übergewichtiger, für die Sendung zwangsvegetarisierter Fleischesser sagte, er habe an einem Tag nur „drei Äpfel, paar Nüsse und eine Orange“ gegessen.  Was immer das war, nach vegetarischer Kost klingt es nicht, eher nach dem Bodensatz einer Reisetasche.

Doch wie dem auch sei, es ging mit ihm aufwärts. Er strampelte auf dem Fahrrad. Er aß seine Äpfel. Die vielen Kilos, die die Waage eingangs anzeigte, und die schlechten Blutwerte, die ihm der Arzt vorgelesen hatte, hatten ihm zu denken gegeben; und als ganz am Ende nochmals Blut abgezapft wurde und alle Seilspringkapazitäten verglichen wurden, strahlten Arzt und Patient förmlich um die Wette. Auch eine weitere Kandidatin, die Fleischessen schier liebte, freute sich über verbesserte Werte. Eine andere Teilnehmerin, die vom Vegetarismus für vier Wochen gern und lustvoll wieder zum Steak zurückgekehrt war, sagte nach Bekanntgabe ihrer – verschlechterten – Werte, sie lebe dann doch lieber wieder vegetarisch.

Unterhaltsame Sendung

Irgendwie war es also eine Mischung aus Germanys Next Topmodel, Promi-Dinner und Unser-Dorf-muss-dünner-werden (falls es so etwas gibt), aber was soll‘s: Die Sendung war unterhaltsam, sie hatte Tempo, sie hat in kurzer Zeit eine erstaunliche Menge Fakten vermittelt. Zum Beispiel dass die Produktion von Fleisch unheimlich viel Wasser verbraucht, Land vernutzt, Getreide und Eiweißpflanzen verschlingt und eine große „Klimasünde“ ist.

Um die Tiere, deren Fleisch ja immerhin zur Diskussion stand, ging es seltener, das werden manche ethischen Veganer sicher bemängeln, und wer genau hingeschaut hat, fand auch hier und da weitere Rosinen:  Ganz bestimmt gab es im steinzeitlichen Europa keine Zimtkartoffeln, selbst wenn Schuhbeck sie „nach“kochte; der Verzehr von Fisch ist laut neueren Studien wohl doch nicht so gesund wie lange behauptet; und Hitler war nun einmal kein Vegetarier. Egal wie oft man es wiederholt, es wird dadurch nicht richtig.

Aber mal ehrlich: Wer hätte einen solchen Ausgang dieses „Experiments“ vorhergesehen? Dass sich acht Menschen gemeinsam und konstruktiv mit diesem gleichermaßen intimen wie politisch brisanten Thema Ernährung beschäftigen? Dass sie vier Wochen lang so viel herumprobieren, sich bisweilen die Köpfe heiß diskutieren, von fremden Tellern naschen, dazu lernen und sich in Frage stellen lassen würden? Es gab einige kleine, aber feine Überraschungen in dieser Sendung: dass die Menschen, die sich vegetarisch ernährten, sportlich deutlich größere Fortschritte machten als die anderen. Dass man erfuhr, wie gerne – wenn auch selten - sich die Urmenschen von Aas ernährt haben. Dass eine Vegetarierin Attila Hildmanns Spaghetti Bolognese nicht mochte – und dass sie der begeisterten Fleischesserin umso besser schmeckte! Es spricht sehr für diese Sendung, dass sie solche Momente zuließ, und dass sie mit viel mehr Nachdenklichkeit und Freundlichkeit endete, als man bei einem „Duell“ erwartet hätte.

Hilal Sezgin ist Autorin des Buches "Artgerecht ist nur die Freiheit - eine Ethik für Tiere oder Warum wir umdenken müssen." C.H. Beck, München; 304 Seiten.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen