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„Unter deutschen Dächern: Die Abi-Prüfung“ Zeit der Reife

Die angenehm unaufgeregte Reportage „Unter deutschen Dächern: Die Abi-Prüfung“ zeigt im NDR einen Ausschnitt aus dem normalen Alltag deutscher Abiturienten.

Unter deutschen Dächern
Bei der schriftlichen Prüfung gilt absolutes Handyverbot. Foto: Radio Bremen/Christoph Oldach

Auf nur flüchtigen Blick auf die Fernsehprogramme kann der Eindruck entstehen, es braucht immer erst einen Missstand, einen Korruptionsfall oder veritablen Skandal, ehe die Reporter ausziehen, um zu berichten. Es gehört aber gar nicht zwingend zum Wesen der Reportage, Malaisen und trübe Machenschaften aufzudecken, Alarmismus zu betreiben. Am Anfang dieses journalistischen Genres stand der Reisebericht. Und Reisen in verschiedene Bereiche unserer Gesellschaft können sehr spannende, informative und unaufgeregte zeitkritische Beiträge ergeben.

Diesem Konzept folgt Radio Bremen seit 1979 mit der vielfach preisgekrönten Reihe „Unter deutschen Dächern“, die personell mit der stilbildenden dokumentarischen „Stuttgarter Schule“ verbunden ist und deren Tradition in gewisser Weise fortführte. Ursprünglich im Ersten Programm, mittlerweile sporadisch als Beitrag zum NDR-Fernsehen.

Derzeit läuft ein Zyklus mit drei neuen Produktionen. Die Themen: Umzug ins Altersheim (23.8.), Geschlechtswechsel (27.8.) und zum Auftakt ein Einblick in ganz gewöhnliche Vorbereitungen für die Abiturprüfung. Die Autorin Marianne Strauch hat zwei aufgeweckte Protagonisten mit unterschiedlichem Naturell ausfindig gemacht. Die dunkelhäutige Alisha Joswiakowski ist neunzehn Jahre alt. Sie hat sich mühsam, aber tapfer durch die Schulformen gekämpft und es trotz Lese- und Rechtschreibschwäche bis ins Gymnasium geschafft. Sie ist ohne Eltern aufgewachsen, lebt bei einem fürsorglichen Onkel und arbeitet neben der Schule. Als die Abiprüfung näherrückt, muss sie ihre Arbeitsstunden verringern. Alisha ist begabt und wortgewandt; wenn sie einer Mitschülerin etwas erklären soll, sprudelt das Wissen nur so aus ihr heraus. Aber sie leidet, wie so viele junge Menschen, unter Prüfungsangst, kann ihr Wissen nicht abrufen, wenn es gefragt ist. Die Angst vor dem Versagen sitzt tief, lässt sie mitunter spontan in Tränen ausbrechen.

Der achtzehnjährige Daniel Rothe geht auf dieselbe Schule. Seine Prüfungsfächer sind Englisch, Geschichte, Mathe. Anders als Alisha blickt er der Prüfung entspannt entgegen. Vielleicht etwas zu lässig.

Zeitlich beginnt die Reportage mit der Verteilung der Halbjahreszeugnisse. Die entscheiden über die Zulassung zum Abitur. Alisha und Daniel haben es bis dahin geschafft. Die Reportage begleitet die beiden bis zu den anstrengenden Prüfungen. Die Jugendlichen geben Auskunft über ihr Leben, ihre beruflichen Pläne und sonstigen Vorhaben. Unspektakulär, und dennoch nimmt der Film die Zuschauer auf ansprechende Weise mit, hinein in ein jugendliches Leben unserer Tage.

Auch Mitschüler und Angehörige kommen zu Wort, insgesamt aber orientiert sich die Filmautorin eng an ihren Protagonisten. Ein reelles Verfahren, das allerdings Nachteile birgt. Denn man könnte weiterfragen. Unsere Gesellschaft braucht begabten Nachwuchs, in der Wirtschaft ebenso wie in der Wissenschaft. Wenn jemand wie Alisha, die alle nötigen Voraussetzungen, sowohl Intelligenz als auch Empathie, mitbringt, nicht in den Beruf oder ins Studium findet, weil sie vielleicht in der kurzen Spanne einer mündlichen Prüfung versagt hat – baut das Bildungssystem da nicht unnötige Hürden auf? Zumindest die Meinung der Lehrer hätte man diesem Film noch anfügen können.

Trotz dieses kleinen Defizits zeigt der Programmbeitrag, der auch im Ersten gut aufgehoben gewesen wäre, einen bedeutsamen Ausschnitt aus der deutschen Wirklichkeit, mit einigen bemerkenswert gelungenen gestalterischen Einfällen von Kameramann Christoph Oldach.

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