Lade Inhalte...

„Unsichtbare Besucher“, Arte Der Schrecken im Auge des Kindes

In Großbritannien ist der Fall Allgemeingut: 1977 soll im Londoner Norden ein Poltergeist in Erscheinung getreten sein. Der Dreiteiler „Unsichtbare Besucher“ widmet sich den Ereignissen mit großem Einfühlungsvermögen für die Betroffenen.

Das verfluchte Kinderzimmer im Haus der Hodgsons. Foto: ARTE France/Nick Briggs for Sky Living

Auf dem Cover der britischen DVD-Ausgabe prangt der Reklamespruch: „The Exorcist meets Bates Motel“. Wer ihn für bare Münze nimmt, wird enttäuscht werden. Auch wenn der Dreiteiler „Unsichtbare Besucher“ Szenen enthält, die vage an den Horrorklassiker „The Exorcist“ aus dem Jahre 1973 und die gleichnamige TV-Serie erinnern, darf das Publikum hier kein Spektakel der Effekte, auch nicht die typische Dramaturgie strategisch platzierter Schocks erwarten. Gruselig ist die Geschichte dennoch, und sie bezieht diese Wirkung aus der Einfühlung in die Opfer des Geschehens.

Das Drehbuch von Joshua St Johnston basiert auf einem Sachbuch von Guy Lyon Playfair. Als Mitglied der anerkannten Society for Psychical Research, die sich der wissenschaftlichen Untersuchung vermeintlich paranormaler Phänomene widmet, wurde er 1977 auf Vorkommnisse aufmerksam, die auf den ersten Blick wie ein groß angelegter (Kinder-)Streich erschienen. Die Bewohner eines einfachen Hauses im Londoner Außenbezirk Enfield hatten verstörende Vorfälle gemeldet.

Möbel bewegten sich wie von selbst, Murmeln schossen durch die Zimmer, die elfjährige Janet sprach mit der tiefen Stimme eines reifen Mannes. Es existieren Dokumente wie Polizeiberichte und Aussagen von Nachbarn; Reporter des Boulevardblatts „Daily Mirror“ waren zugegen und wollen die absonderlichen Geschehnisse bezeugt haben. Maurice Grosse, ebenfalls von der Society for Psychical Research, nahm die Angelegenheit ernst. Der im Film von Matthew Macfadyen gespielte Playfair hingegen, später hinzugetreten, blieb skeptisch, suchte nach Anzeichen von Betrug, Sinnestäuschung, Autosuggestion. Drei Jahre später hatte sich seine Meinung gewandelt.

Gespenstergeschichten im Zeitalter der Massenmedien

Der Originaltitel dieses Dreiteilers lautet „The Enfield Haunting“. In Großbritannien ein geflügelter Begriff. Der Umstand, dass die bis heute ungeklärten Phänomene in die Folklore eingehen konnten, verdankt sich wesentlich dem Stand der damaligen technischen Entwicklung. Die Vorgänge im Hause der Hodgsons wurden mit automatischen Fotokameras, mit Videokameras und Tonaufzeichnungsgeräten festgehalten.

Somit stand Material für Zeitungsberichte wie auch für audiovisuelle Medien zur Verfügung. Die Überlieferung gewann ihre eigene Dynamik. Es gibt diverse Aufarbeitungen in Form von TV-Dokumentationen und Interviews; Tonaufzeichnungen der mysteriösen rauen Männerstimme sind inzwischen bei YouTube abrufbar. Auch Spielfilmregisseure ließen sich vom Poltergeist von Enfield inspirieren, „Conjuring 2“, in diesem Jahr in den Kinos gestartet, bezieht sich explizit auf die genannten Vorfälle.

Das wahre Gespenst sieht anders aus

Ebensowenig wie jener Hollywood-Thriller liefert „Unsichtbare Besucher“ eine minutiöse Wiedergabe der Ereignisse. Doch der Drehbuchautor Joshua St Johnston und der durch die Serie „Kommissarin Lund“ international bekannt gewordene dänische Regisseur Kristoffer Nyholm versuchen aufrichtig, den Empfindungen der Beteiligten nahezukommen.

Der Grusel entsteht aus der Empathie für die Betroffenen, vor allem für die aufgeweckte Janet, die im Film von dem geisterhaften Störenfried bedrängt und von ihm als Sprachrohr benutzt wird. In der Darstellung durch die begabte Jung-Schauspielerin Eleanor Worthington-Cox, die schon für die Hollywood-Produktion „Maleficent - Die dunkle Fee“ vor der Kamera stand, werden die furchtbaren Ängste deutlich, die dieses Kind erfahren musste.

Dazu gehört – in dieser Sequenz zeigt sich die Zuwendung des Autors ganz besonders – auch die Bösartigkeit ihrer Mitschülerinnen. Was immer damals geschehen sein mag: Wenn die erwachsene Janet Hodgson heutigentags eines ihrer seltenen Interviews gibt, ist in ihren Augen noch immer ein Anschein dieser Schrecken zu erkennen.

Indem sich Joshua St Johnston eng auf Guy Plairfairs Buchvorlage bezieht, wird der Dreiteiler selbstredend parteiisch. Es gab Widersprüche in den Aussagen der Hodgsons, auch das Geständnis, den ganzen Spuk inszeniert zu haben. Johnston findet eine plausible Erklärung für diese Unstimmigkeiten. Ob man nun paranormale Phänomene akzeptiert oder nicht – die Charaktere, ihr Verhalten, ihre Motive werden psychologisch fundiert und schlüssig beschrieben.

Der Anspruch bezüglich Form und Inhalt geht über übliche Genremuster hinaus, was die mehrfachen Fernsehpreis-Nominierungen erklärt und rechtfertigt. Die Art von Gespenst, die Janet Hodgson, aber auch Maurice Grosse (Timothy Spall) zur Plage wird, tritt nur selten durch Gepolter oder hohle Stimmen in Erscheinung. Aber sie ist weiter verbreitet, als es zunächst den Anschein hat. 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen