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„United Kingdom of Pop“, Arte Ein Wellenritt durch Britanniens Popkultur

Arte serviert im Juli den „Summer of Fish ‘n‘ Chips“ und eröffnete die Themenreihe mit einem bunten Bilderbogen, dessen Autorenteam allzu leichthändig Musik, Comedy, Mode und Politik zu verbinden versuchte.

Chris Barber
Jazz-Posaunist Chris Barber hat vom Skiffle über die britische Blues-Bewegung bis zum Rock viele Stilarten beeinflusst und mitgeprägt. Foto: imago

Alljährlich in den Sommermonaten setzt Arte einen popkulturellen Schwerpunkt. Im Jahr des Brexit steht Großbritannien im Mittelpunkt des Sonderprogramms, das wenig originell „Summer of Fish ‘n‘ Chips“ überschrieben wurde. Der Reigen der thematisch gebündelten Sendungen begann mit „United Kingdom of Pop“, einer Dokumentation in zwei Teilen, die, da hintereinander gesendet, auch gleich als abendfüllender Film hätten gestaltet werden können.

Die Produktion wurde vom ZDF zugeliefert, und man musste den Abspann gar nicht erst abwarten, um die Herkunft zu erahnen, denn die ZDF-Produktionen zu diesem Themenfeld ähneln sich bis zur Ver- und Auswechselbarkeit. Stets geht es sprunghaft und im Eiltempo durch die Zeitläufte. Inhalt und Dramaturgie werden, so der Eindruck, nicht von eigens recherchierten Erkenntnissen, sondern vom vorliegenden Bildmaterial bestimmt. Eine holprige Montage von Archivfilmen und -fotos, erweitert um Interviewpassagen unerklärter Herkunft. Bei denen wiederum stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien die Gesprächspartner ausgewählt wurden: Der Bestsellerautor Ken Follett in einer Dokumentation über britische Popkultur? Warum der Regisseur Richard Kwietniowski, der keinen der in der Dokumentation erwähnten Filme inszeniert hat?

Immerhin kamen einige Zeitzeugen zu Wort, die tatsächlich relevante Informationen – und zwar aus eigener Anschauung – beizutragen wussten, darunter der irische Rock-Bassist Gary McAvoy, bekannt durch seine langjährige Zusammenarbeit mit dem verstorbenen Bluesrock-Gitarristen Rory Gallagher. Und, vorneweg, der 1930 geborene Jazz-Posaunist Chris Barber, der, teils gemeinsam mit seinem Freund und Geschäftspartner Harold Pendleton, vom Skiffle über die britische Blues-Bewegung bis zum Rock viele Stilarten beeinflusst und mitgeprägt hat. Auch der Auftritt des Impresarios Malcolm McLaren hatte seine Berechtigung, ließ allerdings stutzen. Denn McLaren ist, was aus dem Film nicht hervorging, schon 2010 verstorben. Die Interviews müssen also in anderem Zusammenhang entstanden sein, ohne dass dies vom Autorenteam ausgewiesen wurde.

Wie problematisch solche Arrangements übernommenen Materials sein können, zeigte sich gleich zu Beginn des ersten Teils. Erwartbar wurden, wie immer bei derartigen Rückblicken, Wochenschauberichte der aufsehenerregenden Bill-Haley-Tournee des Jahres 1957 als Quelle herangezogen, begleitet von dem Kommentar: „Die Musik richtet sich erstmals hauptsächlich an Jugendliche.“

Wenig später widersprachen sich die Autoren selbst, als sie, durchaus richtig, auf die britische Skiffle-Musik eingingen. Die entstand lange vor dem Rock ‘n‘ Roll und wurde mit einfachen Mitteln von Jugendlichen für Jugendliche gespielt. Chris Barber und Lonnie Donegan gelangten mit diesem Musikstil, der sich am US-amerikanischen Blues und den schwarzen Jug Bands orientierte, in die Hitparaden; aus Skifflebands gingen später die Beatles, die Searchers und andere Beatbands, in West-Deutschland beispielsweise The Lords, hervor. Ein relevantes Kapitel der Musikgeschichte also. Nur waren die Wochenschau-Kameras, die in den 1950ern über aktuelle Neuigkeiten berichteten, zumeist anderswo aufgestellt. Vorzugsweise dort, wo Sensationen und Spektakel zu erwarten waren, denn man wollte ja zahlendes Publikum in die Filmtheater locken. Einfach gekleidete junge Musiker, die an Straßenecken und in kleinen Kneipen schräge Musik machten, boten da ein minder attraktives Thema.

Der erste Teil der Dokumentation trug den wiederum sehr bemühten Untertitel „Beatles, Bowie, Bond“ und reichte inhaltlich bis Ende der 1970er. Der zweite Teil, „Britpop, Boygroups, Brexit“, knüpfte zeitlich an. Auch hier flitzte man quer durch den Garten, von Höcksken zu Stöcksken, wie der Westfale sagt. Rasch ein Schlaglicht auf Rowan Atkinson als „Mr Bean“ geworfen, dann erscheint die Sängerin Anne-Marie, im selben Jahr geboren wie Atkinsons Kunstfigur, die bekundet, sie habe „Mr Bean“ immer gemocht. Ein paar Sprecherworte zu ihrem künstlerischen Rang. Sie vermeldet, sie habe sich an den Spice Girls orientiert. Schon sind wir bei Ex-Spice-Girl Mel C. und ihren anekdotischen Erinnerungen. Hintergründe, Differenzierungen, kritische Fragen? Fehlanzeige.

Nicht nur bewegte sich die Darstellung beinahe durchweg an der Oberfläche, es fehlte zudem immer wieder an Genauigkeit im Detail – Frauenbands gab es schon vor der Punk-Bewegung, Boygroups und Casting Shows sind keine Erfindungen der 1990er. Der Kommentar der Sprecherinnen und Sprecher klang, als wäre er aus Zeitungsschlagzeilen zusammengesetzt worden.

Was hier geboten wurde, war bestenfalls ein 104-minütiger Trailer für das, was unter dem Motto „Summer of Fish ‘n‘ Chips“ vielleicht noch kommen wird. Man kann nur hoffen, dass die übrigen Beiträge tiefschürfender ausfallen.

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