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"Uli Hoeneß – Der Patriarch", ZDF Ein Fußballer beim Wasserball

Das Porträt einer schillernden Persönlichkeit: Dem ZDF gelingt mit dem „Dokudrama“ über den Fall Uli Hoeneß ein so komplexer wie spannender Fernsehfilm.

Uli Hoeneß (Thomas Thieme) sucht den Blickkontakt zu seinem Verteidiger (Hanspeter Müller-Drossaart). Foto: ZDF/Janett Kartelmeyer

Das erste Bild: eine Täuschung. Da geht ein Mann durch einen spärlich beleuchteten Korridor aus nacktem Beton, die Assoziation zum Gefängnis drängt sich auf. Aber dann steigt er Treppenstufen hoch, immer höher, bis ins Licht, bis zum tausendstimmigen Geschrei der Fans im Stadion. Uli Hoeneß ist oben angekommen, ganz oben, im Fußball.

Die zweite Sequenz zeigt ihn dann schon nach dem Fall, als Angeklagten im Saal des Münchener Landgerichts. Den bunten historischen Bildern der Realität stellen Regisseur Christian Twente und Kameramann Martin Christ  die gedeckten Farben des Prozesses entgegen. Twente und seine drei Autoren Annette Ramelsberger, Juan Moreno und Johanna Behre spiegeln mit solchen Kontrasten Aufstieg und Absturz eines Mannes, dessen Leben sich zwischen Triumph und Erschütterung abspielt. Das Ende der Laufbahn als  Fußballer auf dem Höhepunkt seines Könnens mit erst 27 als Folge einer Verletzung; die Beförderung zum Manager, der seinen Verein zum größten und erfolgreichsten der Republik macht; das Glück, als einziger einen Flugzeugabsturz überlebt zu haben; Ruhm, Reichtum und schließlich das Abgleiten in Spielsucht und als Folge davon Vergehen und Strafe.

„Die Metzgerei Hoeneß macht keine Schulden“, hatte der Vater dem Sohn eingeschärft, und die Enttäuschung, dass den Eltern trotz harter Arbeit wenig blieb, mögen Triebfedern gewesen sein für das, was Münchens Stadtoberhaupt Christian Ude im Film dann als „Gier“ bezeichnet.  Hoeneß selbst sagt im Prozess (offenbar nach den Aufzeichnungen Ramelsbergers, die als Gerichtsreporterin zugegen war): „Wenn man zockt und verrückt ist wie ich, will man Gewinne mit Gewalt erzwingen.“ Was er im Fußball offenbar ohne illegale Methoden schaffte – im Privatleben verlor er die Kontrolle, weil er dem Anspruch, „auch in dieser Sparte Nummer eins zu sein“ (Ude), nicht gewachsen war. Ramelsberger findet einen treffenden Vergleich: Hoeneß habe sich verhalten wie ein Fußballer, der Wasserball spielen müsste. 

Der Film kommt in seiner Komplexität, in der gelungenen Mischung aus Spiel- und Dokumentarszenen, aus historischem und aktuellem Material dem schillernden Leben des Porträtierten nahe – woran der großartige Thomas Thieme in der Titelrolle einen erheblichen Anteil hat. Aus verschiedensten Stimmen und Bildern wird hier ein spannendes Mosaik entworfen, das sich zu einem glaubwürdigen Ganzen fügt. So gibt es einen Film-Schnipsel, in dem der junge Fußballer über Werbeaufträge räsoniert: „Bausparkasse, Versicherung oder Bank“ würden zu ihm passen.  Und Reporter Waldemar Hartmann erzählt, auf dem Boden von Hoeneß’ Swimmingpool seien Bulle und Bär abgebildet. Die Sucht wird mit Spielszenen illustriert, bei denen Hoeneß stets an seinem Pager hängt, um Börsen-Daten abzurufen: „Das Geld arbeitet im Gegensatz zu dir immer“, erklärt er dem Kollegen Lothar Matthäus. An einem einzigen Tag hat er 18 Millionen Miese gemacht.

Diese Sucht wird auch als Folge der Wechselfälle in seinem Leben erkennbar. Ein „fanatischer Schicksalsdompteur“, so der Psychologe Stephan Grünwald, sei Hoeneß zugleich ein „mitleidsfähiger Mitmensch“. Wie sein Dasein zwischen extremen Polen verläuft, so polarisiert die öffentliche Figur Hoeneß auch. Werder Bremens Ex-Chef Willi Lemke hat das als Strategie im Medienzeitalter erst spät verstanden, Trainer Christoph Daum und andere mussten es als gnadenlose Härte erfahren. Auf der anderen Seite stellte sich der Manager immer vor seine eigenen Leute, was Sportreporter Manni Breuckmann als Habitus des Patriarchen bezeichnet: „Er hilft dir, aber du darfst ihm nicht widersprechen.“

Soviel Macht, so wenig Widerspruch lässt manch einen abheben. Er habe nie einen Kontoauszug angesehen, sagt Hoeneß vor Gericht. Und bei Günther Jauchs Talkshow wettert er, man müsse die Reichen melken, die ihr Geld woanders hin schafften – während er eben das tat. Demut zu zeigen, so Ramelsberger, sei „wider seine Natur“.

Das letzte Bild dieses hervorragenden Fernsehfilms zeigt Hoeneß vor seiner Haft, als er seinen Anhängern zuruft: „Das war’s noch nicht.“ Daran zu zweifeln, besteht kein Anlass.

„Uli Hoeneß – Der Patriarch“, ZDF, Donnerstag, 27. August, 20.15 Uhr

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