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„Überzeugt uns!“, ARD Stichwort-Show wird zum Desaster

Die ARD schielt auf die Jugend vor der Bundestagswahl – mit einer Sendung, die Politiker zu Partei-Programm-Häppchen zwingt.

Überzeugt uns!
Ingo Zamperoni und Ronja von Rönne moderieren, Richard Gutjahr (Mitte) diskutiert im digitalen Wohnzimmer Foto: SWR/Carolin Saage

Irgendwann wurde es Jens Spahn zu bunt. „Ihr könnt hier doch nicht tausend Themen in 90 Minuten abhandeln wollen, und das zu dieser Sendezeit!“ schimpfte er, als Moderator Ingo Zamperoni ihn erneut unterbrochen hatte. Wenn es auch nicht ganz so viele Themen waren, so hatte der Parlamentarier doch recht. Zusammen mit seinen Kollegen wurde er hier durch eine Stichwortshow gehetzt, die den Politikern kaum eine Chance ließ, ihre Positionen differenziert darzulegen. So wurde der Sendetitel „Überzeugt uns!“ natürlich ad absurdum geführt.

Immer musste alles rasch gehen, mitunter scheuten sich Zamperoni und seine Co-Moderatorin Ronja von Rönne nicht, das Abschneiden des Wortes mit Hinweis auf „die Regeln“ zu begründen. Dann aber ließen sie doch wieder mehr als zwei Sätze zu.  Die Politiker hätten wissen können, auf was sie sich da einließen, aber Verweigern war ja wohl auch keine Option.  Mit ihrem erratischem Verhalten schufen Zamperoni und von Rönne nur eine hektische Atmosphäre, die der Sache alles andere als dienlich war. Und hatten die Verantwortlichen bei der ARD ernsthaft geglaubt, wenn man die jungen Wähler als Zielgruppe erreichen wolle, müsse alles zack zack gehen?

Die Sendung war ein Desaster

Die Sendung, live aus dem Berliner Kesselhaus,  war ein Desaster. Erster Fehler: die Hetze. Zweiter Fehler: Zu viele Politiker saßen an dieser bemüht modern wirkenden Theke. Schlimm genug, dass man wegen der „Ausgewogenheit“, also weil man vor der CSU kuscht,  stets einen dieser Bayern einlädt, diesmal war es der Autofan Dobrindt, als Minister ein Komplett-Versager. Katja Suding von der FDP spulte brav ihre Positionen ab – mehr nicht.  Aber dann saß da auch noch  Alexander Gauland, von der Partei der Nazifreunde (oder hat die AfD den Rechtsextremen Bernd Höcke endlich rausgeworfen?), der prompt behauptete, er kenne keinen Rechtspopulisten in seiner Partei.  

Am sichersten traten die Talkshow-Profis auf, gestählt durch unzählige Streitereien bei Anne Will, Sandra Maischberger und Maybrit Illner: Ralf Stegner (SPD), Jens Spahn (CDU), Cem Özdemir (Grüne)  und vor allem Katja Kipping (Linke) konnten ihre Partei-Programm-Häppchen unter diesen Bedingungen halbwegs klar formulieren.

Entfernung zum Jungwähler ungefähr bis zum Mond

Dritter Fehler: Die als Einstieg gedachten albernen Schnipsel vom Bohemian Browser Ballett, sonst bei der ARD-Jugendabteilung „funk“ tätig. Sie waren eher geeignet, ins Grübeln darüber zu geraten, was den Blick der ARD-Oberen auf die Jugend angeht.

Die Autoren hatten sich drei Fragekomplexe ausgedacht: Wie fair ist Deutschland, Wie verändert es sich, und welche Regeln braucht es. Damit ließen sich die aktuellen Themen von Renten-Gerechtigkeit über Wohnungsnot und Bildungsnotstand bis hin zur „Integration“ abhandeln – hätten sich abhandeln lassen, wenn die Zeit dazu gewesen wäre. Und dass Zamperoni tatsächlich nochmal das Unions-Steckenpferd „Vollverschleierung“ bemühte, legt den Verdacht nahe, dass seine Entfernung zum Jungwähler ungefähr der bis zum Mond ähnelt. Welcher ernst zu nehmende Mensch stört sich denn noch daran, dass da ein paar Hanseln unter 80 Millionen ihr Gesicht nicht zeigen?

Zwischendrin verlasen die Moderatoren – meist erschreckend harmlose –  Fragen von Facebook-Usern, ausgewählt von Richard Gutjahr;  es sollte schließlich alles unter dem Etikett „jung“ laufen. Deshalb kam auch das Thema Cannabis zur Sprache, und da wurde es  ansatzweise interessant, weil Katja Kipping Alkoholismus aufs Tapet brachte, der bayerische Politiker Dobrindt aber selbstredend nichts davon wissen wollte, dass die Sauferei auf dem Oktoberfest ebenfalls schädlicher Drogenkonsum ist. Schließlich scheiterte auch der Versuch der Parlamentarier am Tisch, die Moderatoren durch Dauerreden zu übertönen. Er habe das lautere Mikro, höhnte Zamperoni. „Es muss doch möglich sein“, stöhnte Jens Spahn, „mal zwei Gedanken hier darzulegen“. War es nicht.

 

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