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„Über Barbarossaplatz“, ARD Ein Fanal

Jan Bonnys provokatives, meisterliches Psychodrama könnte der Beginn einer kleinen Revolution sein, wenn die ARD-Programmmacher nur selbst etwas Mut zeigen würden.

Über Barbarossaplatz
Die Psychotherapeutin Greta Chameni (Bibiana Beglau, l.) verbringt einen ausgelassenen Abend mit Freunden in einem chinesischen Restaurant am Kölner Barbarossaplatz. Foto: WDR

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat einen Hang zur Selbstdemontage: Preisgekrönte US-Serien werden erst teuer gekauft und dann im Nachtprogramm oder auf Spartenkanälen versteckt. Mutige Nachwuchs-Experimente werden erst gefördert und dann erschrocken fallengelassen. Es scheint ewig her, dass sich das letzte Mal ein Ikonoklast wie Helmut Dietl oder Dominik Graf eine Nische in der ARD aufbauen konnte.

Ob Jan Bonny, bisher aufgefallen in Cannes und beim Europäischen Filmpreis, das gelingt, bleibt leider zweifelhaft. Sicher ist: In Sachen Innovation und Stilbruch ist er selbst diesen leuchtenden Vorbildern noch voraus. Sein Psychodrama „Über Barbarossaplatz“ ist eines jener seltenen, wirklich bahnbrechenden Meisterstücke.

Das beginnt mit dem Inhalt. Das Buch von Grimmepreisträgerin Hannah Hollinger geht in Bereiche, die wehtun – und vermeidet doch jede prätentiöse Schwere. Die Psychotherapeutin Greta, deren Mann sich umgebracht hat; ihre Patientin Stefanie, die eine sexuelle Störung und mit Gretas Mann ein Verhältnis hatte; und Gretas alter Mentor Benjamin, der auch Supervisor für ihren Mann war – all diese Figuren sind klug, zerbrochen, kompliziert und erstaunlich realistisch geraten.

Das liegt an der offensichtlichsten Innovation: an Bonnys brillantem Stil. Jump Cuts tanzen zwischen den Szenen herum. Fahrige Jazz- und Technomusik wandert herein und bricht manchmal nach wenigen Takten abrupt wieder ab. Einfache Handlungen, die keinem anderen Film eine Erwähnung wert wären – das Einwerfen eines Briefs, das Steigen aus einer Dusche – werden zu kleinen Charaktermomenten. Dokumentarische Bilder schieben sich mitten in die Erzählung. Dialoge laufen aus dem Ruder, wiederholen sich, brechen ab und werden an anderer Stelle weitergeführt. So entsteht ein Kaleidoskop an Momentaufnahmen, die zusammen eine erstaunlich ergreifende Geschichte mit ähnlich fahrig-gebrochenen, aber zutiefst faszinierenden Figuren erzählen.

Auch der Titel mit seiner Verortung im innenstädtischen Köln ist kein Zufall. Die Umgebung, die sonst beim Filmemachen so gründlich wie irgend möglich ausgesperrt wird, lädt Bonny herzlich in seinen Film ein. Babygeschrei, Stadtbahnrattern, Handyklingeln und immer wieder Straßenrauschen – selbst in den intimsten Therapieszenen ist die Stadt als Nebenfigur stets präsent. Als hässlich verbaute, lärmende Nebenfigur.

All das sorgt für einen Realismus, der der üblichen TV-Ästhetik einen Zerrspiegel vorhält: Schaut her, so sehen echte Tragödien aus, wenn sie echten Menschen in einer echten Stadt passieren. Möglich ist das natürlich nur durch das herausragende Spiel der Darsteller. Dass Bibiana Beglau zu den Großen im Charakterfach gehört, wusste man. Bei Joachim Król vergaß man das früher manchmal, hier aber wird man mal wieder eindrücklich daran erinnert. Und Franziska Hartmann, die bisher nur am Thalia auffiel und mit dieser Tour de Force ihr TV-Debüt gibt, muss als veritable Entdeckung gelten. Selbst wer vor provokativen Themen wie sexueller Erniedrigung oder vor dem anspruchsvollen Stil zurückschreckt, sollte sich allein wegen dieser Schauspielleistungen den Film anschauen.

Aber eines muss klar sein: Bonny nimmt keine Rücksicht. Wer nicht sehen will, wie Beglau einem nackten Mann in den Schritt kotzt, wie Hartmann sich in einem verschmierten Klo eine scharfkantige Bierdose in die Pulsadern rammt oder wie Król in einem lächerlichen Dino-Shirt Squash spielt (all diese Szenen werden von Bonny gleich nonchalant behandelt), der sollte sich keinen Film anschauen, der ernsthaft und ehrlich mit Themen wie Trauer, Trauma und Sexualität umgeht. Der wird auch die überraschend leichten, spielerischen, drolligen Szenen verpassen, den Mut und die Kraft dieser Figuren. Der kann dann ja beim heiter bis harmlosen Küstenkrimi bleiben, da passiert bestimmt nichts von alledem.

Mit gleichen Teilen Euphorie und Unglauben hört man, dass „Über Barbarossaplatz“ der Pilotfilm zu einer Reihe werden sollte, als Nachfolge für die auch gerne wenig zimperliche Psycho-Reihe „Bloch“. Bonny hat dafür einen mächtigen Handschuh hingeworfen, und es scheint unendlich reizvoll, sich auszumalen, wie er selbst und andere Filmemacher diesen radikal ehrlichen Anfang weiterdenken würden. Dass die Aussicht auf eine Fortsetzung aber schon wieder zweifelhaft ist, hat mit der oben erwähnten Tradition der öffentlich-rechtlichen Selbstdemontage zu tun. Denn „Über Barabarossaplatz“, der bereits auf zahlreichen Festivals gelobt und viel beachtet wurde, hätte ein Aushängeschild der ARD sein können, ja: müssen. Stattdessen wurde der Film nun im Niemandsland des Nachtprogramms versteckt. Bleibt zu hoffen, dass genug Zuschauer ihn finden werden, denn solche Entdeckungen gibt es nicht allzu oft.

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