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TV-Talk:"Maybrit Illner", ZDF „Verlierer haben Trump gewählt“

Die Folgen der US-Wahl waren selbstverständlich Thema bei Maybrit Illner, aber die Gäste waren zumeist aufs Spekulieren angewiesen.

Moderatorin Maybrit Illner. Foto: imago/Metodi Popow

Da sitzen sie nun im Oval Office; der eine guckt etwas bedrückt, der andere missmutig. Und doch geben sie sich dann die Hand und tauschen höfliche Floskeln aus. Dabei hat der eine den anderen vor Jahren noch diffamiert, er sei kein Amerikaner, sondern ein „afrikanischer Moslem“. Doch Barack Obama geht professionell nüchtern mit der Situation um, dass er    dem notorischen Beleidiger Donald Trump im Januar die Geschäfte übergeben muss – ein erstes Anzeichen von Normalität nach einem Wahlkampf, für den die Bezeichnung Schlammschlacht Schönfärberei wäre.

Aber diese Normalität, die sich auch im Versprechen des Wahlsiegers andeutete, er werde „Präsident aller Amerikaner“ sein, lässt etwas Hoffnung aufkeimen, dass der „Rattenfänger“ (so Politologe Christian Hacke bei Markus Lanz) im Amte dann ein anderer sein werde. „Trumps Triumph – was steht auf dem Spiel?“ lautete die Frage bei Maybrit Illners Talkshow, und auch wenn die Moderatorin am Ende meinte, man habe „nicht nur in die Schneekugel“ geschaut: Der rote Faden des Gesprächs war die Feststellung, dass noch niemand hier weiß, was der 45. US-Präsident wirklich vorhat.

Die Gründe für den überraschenden Erfolg des Populisten Trump immerhin scheinen nun klarer erkennbar zu sein. Im „heute journal“ schimpfte ein Arbeiter aus dem „Rust Belt“ in Michigan, man habe „die Schnauze voll von Washington“, und lieferte damit gleich zwei Motive: Zum einen die Wut der „kleinen Leute“ angesichts immer weiter klaffender Schere zwischen Arm und Reich, zum anderen ihre Verkennung der Tatsache, dass der Milliardär und Bankrotteur Trump ebenso Establishment ist wie die Politikerkaste in der US-Hauptstadt.

„Die Verlierer haben Trump gewählt“, erklärte denn auch Fred Kempe, Präsident des US-Think Tanks “Atlantic Council?, bei Illner. Und die Medien mit ihren Voraussagen? „Haben nicht genau hingeschaut“, befand Claus Kleber, ZDF-Anchorman, live aus Washington zugeschaltet. Die Medien haben Trumps Worte ernst genommen, aber ihn nicht, und die Wähler haben seine Worte nicht ernst genommen, aber ihn, lautete dieser Tage ein so knappes wie präzises Fazit dieser Wahl.

Populisten zerstören die Glaubwürdigkeit der Politiker

Und nun? Der Schockzustand der Demokraten werde noch Jahre anhalten, glaubt Kleber, während Nicholas Smith, US-amerikanischer Gastronom in Deutschland und Trump-Fan, sich „wie in einem Traum“ fühlt, Fred Kempe hingegen gar ein „weltweites Erdbeben“ ausmacht – obwohl er zugleich konstatieren muss, man wisse nicht, in welche Richtung Trump außenpolitisch gehen werde.

Innenpolitisch sieht Kempe immerhin ein „ermutigendes Zeichen“, habe doch Trumps designierter Vize  Mike Pence großen Einfluss im Kongress, während Smith hofft, dass die Politik für die Großunternehmen nun ende, weil Konzerne wie Apple und Google zum Beispiel wieder in den USA produzieren sollen. Doch warnt Martin Richenhagen, deutsch-amerikanischer Manager und in den USA tätig, Trump sei kein Mann der Wirtschaft. Und sein Hang zum Protektionismus sei gefährlich; Abschottung etwa durch Zölle könne katastrophal sein.

Aber allzu sehr abweichen von seinen Ankündigungen könne Trump auch nicht, mahnt  Ministerin Ursula von der Leyen (CDU), es könne nicht so wie beim Brexit laufen, dass hinterher alles nicht so gemeint gewesen sei. Das sei das Gefährliche an den Populisten: Sie zerstörten die Glaubwürdigkeit der Politiker.

Der neue Mann im Weißen Haus werde in den ersten 100 Tagen versuchen, Glaubwürdigkeit zu gewinnen, indem er etwa eine die Mittelschicht begünstigende Steuerreform einleite und Obamacare abschaffe, vermutet Kempe. Und er könne leicht beweisen, dass er anders handele als im Wahlkampf angekündigt, indem er etwa Hillary Clinton nicht strafrechtlich verfolgen lasse.

Katharina Nocun, deutsch-polnische Politikerin, Netzaktivistin und Bloggerin, ist skeptisch: Trump sei kein ehrlicher Politiker, er habe zum Beispiel immer noch nicht seine Steuererklärung veröffentlicht; er sei ein Blender und werde nicht in der Lage sein, die Kluft zwischen Arm und Reich zu überbrücken mit seiner neoliberalen Politik. Und nun sei auch die NSA in den Händen eines Populisten. Richenhagen bescheinigt dem politischen Quereinsteiger sogar „manchmal monarchistische Eingebungen“, aber er müsse lernen, was er darf, und er wolle ja erfolgreich sein.

Unruhe in Europa

Spannend wird da zu erleben sein, wie sich Trumps Außenpolitik gestaltet, hatte er doch, großmäulig wie so oft, die Nato als „alt, fett und schlampig“ diffamiert. Von der Leyen tröstete sich mit dem Hinweis, die Republikaner wüssten um den Stellenwert des Bündnisses.  Schließlich habe die Nato nach dem 11.September 2001 den USA  geholfen. Aber Trumps Warnung, die Europäer müssten selbst für ihre Verteidigung aufkommen, hat Unruhe auf dem alten Kontinent hervorgerufen, zumal in Verbindung mit Trumps angedeuteter Nähe zu Russlands Quasi-Diktator Putin. Der habe dem Amerikaner im Wahlkampf doch beigestanden, ereiferte sich Kempe. Womöglich ist der Russe ja erfreut, dass in Übersee künftig ein politischer Amateur agiert, dem er jedenfalls intellektuell überlegen ist. Vielleicht wolle Trump die Rolle des Weltpolizisten an Putin abgeben, spekulierte Illner, was Entsetzen bei der aus Polen stammenden Nocun hervorrief. Kaum tröstlich für die Anrainerstaaten Russlands, dass der alte Kämpe John Kornblum, ehedem US-Botschafter in Deutschland, vom  „Ende der Nachkriegswelt“ raunte.

Nachzutragen wäre noch, dass der junge Gastronom aus den USA Kritik an Kanzlerin Angela Merkel äußerte. Ihre Glückwunsch-Botschaft an Trump, verbunden mit dem Hinweis auf die europäischen Werte etc. pp.,  sei  „der komplett falsche erste Schritt“ gewesen. Seine Mama, so Nicholas Smith,  habe das als „große Beleidigung“ empfunden.

War es auch.

„Maybrit Illner, von Donnerstag, 10. November, 22.15 Uhr. Im Netz: ZDF Mediathek.

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