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TV-Kritik ZDF Spreewaldkrimi: "Mörderische Hitze“

In diesem bemerkenswerten Krimidrama sucht die Polizei nicht nach einem Täter, sondern nach einem Opfer. Dies sorgt für verblüffende Spannung.

12.05.2014 06:23
Tilmann P. Gangloff
Fichte (Thorsten Merten, li.) und Krüger (Christian Redl, re.) suchen nach dem Opfer. Foto: ZDF/Hardy Spitz

„Nachbarn beschreiben ihn als unauffällig“, heißt es gern, wenn ein vermeintlich unbescholtener Bürger plötzlich Amok lauft. „Aus heiterem Himmel“ lautete der entsprechende Arbeitstitel dieses neuen Beitrags zur ausgezeichneten ZDF-Reihe „Spreewaldkrimi“. „Mörderische Hitze“ mag plakativer klingen, trifft jedoch gleichfalls zu: Kai Wessel und sein Kameramann Holly Fink haben derart glaubwürdige Hochsommerbilder für die Geschichte gefunden, dass man förmlich mitschwitzt.

Mindestens ebenso reizvoll ist die Rückblendenkonstruktion, die „Spreewald“-Autor Thomas Kirchner auch schon zuletzt in „Feuerengel“ dramaturgisch ausgesprochen geschickt genutzt hat: Stück für Stück setzt Kommissar Krüger (Christian Redl) die Biografie eines Mannes zusammen, in dem es hinter scheinbar intakter Fassade mehr und mehr brodelte; bis sich sein ganzer Zorn schließlich in einer Untat entladen hat.

Faszinierend ist der Film aber auch aus einem weiteren Grund, und der ist für einen Krimi höchst ungewöhnlich: Über die Identität des Mörders gibt es keinerlei Zweifel, schließlich geht er den Behörden nach einem misslungenen Suizidversuch gleich zu Beginn ins Netz. Er ist mit Blut besudelt, das offensichtlich nicht von ihm stammt, aber nicht mehr ansprechbar. Krüger findet zwar recht bald raus, dass der Mann Gottfried Richter (Roeland Wiesnekker) heißt, steht aber nun vor der eigentlich unlösbaren Aufgabe, den riesigen Spreewald nach einer Leiche abzusuchen; passend zu dieser Reise bekommt man beiläufig mit, dass der Kommissar Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ liest. Gemeinsam mit Streifenpolizist Fichte (Thorsten Merten) folgt er der Spur der Fliegen und stößt schließlich schockiert auf die völlig unkenntlichen Überreste eines Gemetzels.

Verblüffend spannend

Es ist durchaus verblüffend, wie spannend ein Krimi sein kann, wenn die Ermittler nicht den Täter, sondern das Opfer suchen; selbst wenn „Feuerengel“ dramaturgisch ganz ähnlich funktionierte, weil auch dort die Identität des Toten schließlich eine echte Überraschung war. Diesmal nutzt Kirchner die Rückblenden, um die ganze Dramatik eines Daseins in wachsender Verzweiflung zu schildern: Gottfried Richter hatte sich vor Jahren in die von allen Junggesellen des Dorfes begehrte Irene (Christina Große) verliebt.

Während ihn der Schwiegervater als Nachfolger im familieneigenen Kahnbaubetrieb akzeptierte, konnte er es Irenes Mutter nie Recht machen. Doch Gottfried, eigentlich ein herzensguter Mensch, war nicht zum Bootsbauer geboren, der Betrieb ging Pleite, ein beruflicher Misserfolg reihte sich an den nächsten, und als er dann noch in wahnhafter Eifersucht überzeugt war, Irene betrüge ihn, brach offenbar eines Tages der ganze Zorn aus ihm heraus. Aber wen hat seine Wut getroffen?

Die Bildgestaltung ist großartig, die szenische Auflösung ungemein sorgfältig, die Dramaturgie ebenso reizvoll wie die harmonische Verzahnung von Gegenwart und Rückblenden. Mindestens ebenso bemerkenswert ist jedoch die Leistung von Roeland Wiesnekker, zumal er wunderbar nuanciert verkörpert, wie Richter versucht, sich an die Sitten und Gebräuche dieser Kulturlandschaft anzupassen; und wie er doch stets ein Fremder bleibt. Natürlich nimmt auch Wessels Regie Rücksicht auf die speziellen Umstände: Vordergründige Dynamik wäre hier völlig fehl am Platz gewesen. Fesselnd ist der Film trotzdem.

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