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TV-Kritik „Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie“ Prügel zum Abendbrot

Der ARD-Film „Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie“ verdeutlicht auf eindringliche Weise, wie alltäglich es noch bis in die 60er Jahre für Kinder war, von den Eltern geschlagen zu werden. Nach dem Motto: Eine Tracht Prügel hat noch niemandem geschadet.

08.04.2014 06:13
Ninette Krüger
In den 60er Jahren Alltag: Gewalt in der Familie. Foto: imago stock&people

Nach dem Tod der Mutter kehrt Lutz an den Ort seiner Kindheit zurück. Dort holen ihn traurige Erinnerungen ein: Jahrelang schlug ihn die überforderte Alleinerziehende mit dem Teppichklopfer, manchmal, bis er Blutblasen an den Händen hatte. Tilman Röhrig, Schriftsteller und Pfarrersohn, weiß Ähnliches aus seiner selten glücklichen Kinderzeit zu berichten. Der Vater verprügelte mit seiner Handprothese aus Holz nicht nur die Konfirmanden, sondern nach Dienstschluss auch die Söhne - um ihnen einen Denkzettel zu verpassen. 

Der Film „Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie“ von Erika Fehse, den die ARD gestern zur späten Stunde sendete, verdeutlicht auf eindringliche Weise, wie alltäglich es noch bis in die 60er Jahre für viele Kinder war, von den eigenen Eltern geschlagen zu werden, wenn sie „über die Stränge“ schlugen. Motto: Eine Tracht Prügel hat noch niemandem geschadet. Jugendämter und Juristen schritten damals nicht ein - die „Züchtigung“ war gesetzlich und gesellschaftlich akzeptiert. 

Etliche Betroffene schildern in der Dokumentation ihre demütigenden Erfahrungen, und manchen fällt es sichtlich schwer, so detailliert über ihr Schicksal zu sprechen. Dabei geht die Kamera behutsam mit den Offenbarungen der Protagonisten um, hier gibt es keinen Seelenstriptease zu sehen, sondern Menschen, die sich ihre Würde nach vielen schwierigen Jahren langsam zurückerobert haben.

Der Film stellt auch die Frage nach der Gesinnung, die in der Kriegs- und Nachkriegszeit hinter den körperlichen und seelischen Grausamkeiten gegen die „geliebten“ Kinder stand. Archivbilder zeigen im Gleichschritt marschierende Kadetten der preußischen Armee, der Zuschauer sieht Aufnahmen einer gleichgeschalteten, folgsamen Nazijugend, die „flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“ sein sollte. 

„Die Schlachtstube“, sagt Tilman Röhrig als er vor seinem ehemaligen Elternhaus steht. Dort gab nach „Verfehlungen“ des Sohnes am Abend Dresche mit der Reitpeitsche. Dem Familienoberhaupt habe die Prügelorgie leidgetan, obwohl es dennoch habe sein müssen, zitiert Tilman Röhrig den Vater. Doch der Sohn vermutet hinter dem als Erziehungsmaßnahme getarnten Gewaltakt eher eine spezielle Geisteshaltung: Die Lust, den Willen eines anderen Menschen zu brechen.

Schließlich schlägt die Doku einen Bogen zu 1968, als mit der aufkeimenden Studenten- und Frauenbewegung auch Kinderläden und antiautoritäre Erziehung en vogue waren und einen ersten Schritt in Richtung Befreiung der Kinder markierten. Erst im Jahr 2000, so wird dem Zuschauer gewahr, setzte der Bundestag gegen die Stimmen von CDU/CSU ein verbindliches Zeichen. Seitdem gilt per Gesetz: „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung.“ 

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