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TV-Kritik: „Von 9/11 zum Kalifat“ Der Jihad ist kein schlechter Film

Zwei Dokumentarfilme auf Arte untersuchen Genese und Wirkung der islamistischen Milizen, greifen dabei aber zu kurz. „Von 9/11 zum Kalifat. Die geheime Geschichte des IS“ sowie die Arte France Sendung „Bagdad – Geteilte Stadt“.

31.08.2016 08:31
Irit Neidhardt
Vom Kleinkriminellen zum Terror-Chef: IS-Gründer Abu Mussab al-Sarkawi (1966-2006). Foto: © FRONTLINE/Secret History ISIS

Zwei Dokumentationen auf Arte befassten sich am Dienstagabend mit dem Islamischen Staat: die US-amerikanische PBS Frontline Produktion „Von 9/11 zum Kalifat. Die geheime Geschichte des IS“ sowie die Arte France Sendung „Bagdad – Geteilte Stadt“. Die erste beschäftigte sich mit der Frage, ob der IS hätte verhindert werden können, hätten US-Spezialkräfte Abu Musab al-Zarqawi, den Gründer des Islamischen Staates im Irak, bereits vor 2006 gezielt getötet. Sie besteht aus Interviews mit Leuten von der CIA, ehemaligen Politikern und Militärs aus den USA, Nahostexperten, Videos des IS und Graphiken, die an Zielfinder computergesteuerter Waffensysteme erinnern.

„Bagdad – Geteilte Stadt“ nimmt das Publikum mit auf Straßen, in Wohnhäuser, Moscheen, einen nicht-konfessionellen TV-Sender sowie in Büros verschiedener Milizionäre und des irakischen Präsidenten. Sämtliche Gesprächspartner vereint, dass sie gegen den IS und für die Einheit des Landes kämpfen. Warum es so viele verschiedene Milizen sind, die den nationalen Zusammenhalt beschwören, jedoch offensichtlich nicht gemeinsam handeln, bleibt unbeantwortet und wird im Verlauf der Sendung zunehmend absurd.

Der Islamische Staat, das Kalifat, das 2014 in den nördlichen Teilen von Syrien und dem Irak ausgerufen wurde, ist unbenommen eine Bedrohung für alle, die für ein weitgehend selbstbestimmtes Leben sowie eine pluralistische Gesellschaft eintreten. Die von Abu Mohammad al-Julani geführte und kürzlich in „Fateh al-Sham“ umbenannte „Nusra Front“, das von Zahran Allouch geschmiedete syrische Oppositionsbündnis „Islamische Front“ und viele andere sind es ebenso. Alle haben die Errichtung eines Islamischen Staates unter strenger Anwendung religiöser Gesetze zum Ziel.

Der wesentliche Unterschied zwischen dem IS und den anderen Gruppierungen ist ihre Genese: Der IS ist aus dem Widerstand gegen die US-amerikanische Besatzung des Irak im Jahr 2003 entstanden. In seinen höheren Rängen finden sich ehemalige Militärs sowie Sicherheits- und Verwaltungsbeamte aus dem Regime Saddam Husseins. Die US-Administration hatte dessen riesigen Apparat 2003 über Nacht und ohne soziale Versorgung für das Personal aufgelöst. Die anderen genannten Organisationen wurzeln auf die eine oder andere Weise in der syrischen Muslimbruderschaft, die seit Ende der 1930er Jahre an der Wiedereinführung des Kalifats, das Kemal Atatürk 1924 abgeschafft hatte, arbeitet. Die sozio-ökonomischen Strukturen sowohl der jihadistischen Formationen als auch der sie unterstützenden Bevölkerungsgruppen aus dem Irak und aus Syrien unterscheiden sich entsprechend stark.

Dass sich „Von 9/11 zum Kalifat. Die geheime Geschichte des IS“ mit den Folgen der US-Invasion im Irak befasst, liegt nahe. Immer wieder hätten US Offizielle die Möglichkeit gehabt, die ISIS zu stoppen, so Regisseur Michael Kirk auf der Frontline-Website. Der Film konzentriert sich voll und ganz auf Abu Musab al-Zarqawi und seinen Aufstieg vom Kleinkriminellen zum Top-Terroristen. Das ist nicht nur zu linear, sondern auch zu begrenzt. Weder ist al-Zarqawi der Erste, der auf die Idee gekommen ist, einen Islamischen Staat zu gründen, noch ist er ein Einzelkämpfer in Westernheld-Manier oder der Jihad lediglich ein schlechter Film. Spätestens seit dem Franchise des Islamischen Staates mit Provinzen in Ägypten, in Libyen, Mali, Nigeria, Afghanistan und im Jemen müssten die Fragestellungen in den Massenmedien tiefer gehen und sozio-ökonomische Aspekte sowie historische Entwicklungen einbeziehen.

Auch „Bagdad – Geteilte Stadt“ von Lucas Menget und Laurent van der Stockt fokussiert, wie die meisten westlichen Medien, auf den IS und lenkt den Blick von der weiten Verbreitung jihadistischer Gruppierungen ab. In der Dokumentation führt das unter anderem dazu, dass die Regisseure mit jihadistischen Milizionären über die Gefahr der jihadistischen Miliz IS sprechen und die Widersinnigkeit dieser Unterhaltungen nicht zu bemerken scheinen. Der IS hat ganz gewiss die beste Medienstrategie und den knackigsten Namen von all den salafistischen Gruppen. Während Fachleute und Medien sich an seinem prägnanten Beispiel festbeißen, können alle anderen im Windschatten dieses Nicht-Hinsehens segeln.

Ebenso wenig geheim wie die Erkenntnisse in „Von 9/11 zum Kalifat. Die geheime Geschichte des IS“ sind Studien, die helfen, die aktuelle Situation zu verstehen. Hanna Batatu hat sich intensiv mit den Ursprüngen und den Folgen der Revolutionen in Syrien und im Irak in den 1950er und 60er Jahren befasst, mit den Regimen also, die gerade so blutig gestürzt werden. Ein Blick in seine Grundlagenwerke "The Old Social Classes & The Revolutionary Movement In Iraq" und "Syria's Peasantry, the Descendants of Its Lesser Rural Notables, and Their Politics" sowie in seinen online verfügbaren Artikel „Syria’s Muslim Bretheren“ hätte bei der Recherche zu beiden Dokumentationen wertvolles Wissen beisteuern können.

Sami Moubayed bespricht in „Under the Black Flag. At the Frontier of the New Jihad? die Entstehungsgeschichten des IS sowie der syrisch dominierten jihadistischen Gruppen, ihre organisatorischen wie personellen Verstrickungen und Zerwürfnisse ebenso wie die schrittweise Festigung ihrer aller Macht. Nachschlagewerke, die in den Handapparat derjenigen TV AutorInnen zum Thema gehören, denen es um Aufklärung und nicht ums Spektakel geht.

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