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TV-Kritik: Verspielte Welt Spiel dein Leben!

Internet und digitale Technik machen es möglich: Eine 3Sat-Dokumentation spürt der Gamification des Alltags nach – und findet auch  Schattenseiten.

11.12.2014 12:51
David Segler
Viele Menschen verbringen Stunden vor der Spielekonsole oder dem Computer. Foto: REUTERS

Wenn man als Jugendlicher oder auch als Erwachsener Stunden vor der Spielekonsole oder dem Computer verbringt, könnte man ja auch auf die Idee kommen, nicht nur im Alltag zu spielen, sondern gleich den Alltag spielerischer zu gestalten. Und wenn es nur ist, um den Argumenten, man verschwende seine Zeit damit, etwas entgegen zu halten. Der Sender  3sat hat sich jetzt mit eben diesem Phänomen beschäftigt: der Gamification des Alltags – dafür gibt es nicht wirklich ein deutsches Wort. Die Dokumentation von Jörg Giese betrachtet dabei  verschiedene Methoden, den Alltag zum Spiel zu machen.

Das kann schon im Kleinen beginnen. Wenn es etwa darum geht, in der WG den Müll wegzubringen, wird das oft als lästig empfunden. Dabei könnte eine App helfen. Sie könnte  die Entsorgung des Mülls zu einer Art Abenteuer verwandeln. Mitsamt Belohnung. Am Ende gibt es dafür zum Beispiel Punkte. Das Prinzip dabei ist ganz einfach und wird in der Dokumentation treffend auf den Punkt gebracht:  Lob und Belohnung sind immer große Motivatoren. Niemand würde einen besonders dafür loben, den Müll runterzubringen, es wird erwartet und vorausgesetzt. Die App belohnt einen dafür,  und das motiviert.

Mag die Abfallbeseitigung banal sein, es gibt sinnvoller erscheinende Anwendungen der Gamification, wenn sie etwa dabei hilft, Hürden zu überwinden. Das Beispiel: Ein kleiner Junge leidet an Diabetes; das Blutzuckermessen ist für ihn jedes Mal eine Qual. Nun gibt es ein Spiel auf dem Tablet, das ihn mit neuen digitalen Monstern und Goodies dafür belohnt, wenn er seine Blutzuckerwerte einträgt. So wird der medizinische Akt spielerisch für ihn, und erstmal motiviert, in seinem Spiel mehr und mehr „Levels“ freizuschalten, besiegt er seine Skrupel vor der kleinen Nadel.

Doch 3sat beleuchtet auch die Schattenseiten dieser Entwicklung. Eine amerikanische Gastronomiekette stellt filialenübergreifend Live-Daten auf Bildschirmen aus, welcher Mitarbeiter was und wie viel verkauft hat.  Hier ist der Effekt selbstverständlich genau der Gegenteilige. Die Mitarbeiter werden weniger motiviert, sondern vielmehr unter Druck gesetzt. Zwar gewinnen die besten Mitarbeiter teure Sachpreise, aber die nicht so erfolgreichen Kollegen – unabhängig aus welchem Grund sie wenig verkaufen – werden gnadenlos bloßgestellt, und die Firmenleitung weiß zudem sofort, wer keine „Leistung“ bringt.

Absichten offengelegt

Das Erschreckende daran ist, dass der Konzern  seine Absichten gar nicht mehr verstecken zu versucht. Man bekennt sich überraschend deutlich dazu, dass man auf diese Weise den Umsatz steigern will.  Um die Arbeitsabläufe zu optimieren, sind der Firma offenbar alle Mittel recht. Die nächste Stufe  dieser Methode, mit dem öffentlichen Pranger zu arbeiten, sieht vor, Level einzuführen, die durch verschiedenfarbige Uniformen deutlich gemacht werden. „So wissen die Kunden und der Filialleiter gleich, wer ein besonders wertvoller Mitarbeiter ist“, wird argumentiert  – das ist nichts anderes eine Brandmarkung, wie der Film richtig schlussfolgert.

Dass die Gamification aber auch positive Effekte in großem Maßstab haben kann, zeigt beispielsweise eine Stadt in den USA. Deren Einwohner zählten jahrelang zu den  Dicksten des Landes. Dann wurde eine Website eingerichtet mit dem ehrgeizigen Ziel, dass die Einwohner der Stadt insgesamt eine Million Pfund abnehmen sollten. Jeder Teilnehmer konnte auf der Web-Site seinen persönlichen  Fortschritt beim Abspecken eintragen und sich damit öffentlich der Herausforderung stellen. Nach vier Jahren war das Ziel erreicht, und Oklahoma City fand sich nun auf der Liste der gesündesten Städte der USA wieder.

Mit ihren Vor- wie Nachteilen wird die Gamification sich mit der Weiterentwicklung der digitalen Technik (siehe „Augmented Reality“) ausbreiten. Ihren Siegeszug wird man wohl schwer aufhalten können, lässt diese sehenswerte Dokumentation vermuten. Bleibt zu hoffen, dass dabei das perfide Gebaren der Restaurant-Kette nicht Schule macht; Ansätze dazu gab es ja bereits (Lidl etwa spionierte seine Mitarbeiterinnen aus).

Verspielte Welt – Die Gamification unseres Lebens, 3sat, Donnerstag, 20.15 Uhr.

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