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TV-Kritik „Verschwörungstheorien“ Verschwörungstheorien auf der Spur

Verschwörungstheoretiker haben dank des Internets leichtes Spiel. Sie können ihre kruden Thesen weltweit verbreiten. Wie gefährlich das sein kann, zeigte ein 3sat-Wissenschaftsabend.

Um den 11. September 2001 ranken sich einige Verschwörungstheorien. Foto: Imago

Was sind Verschwörungstheorien nicht für eine tolle Sache! Sie peppen unseren langweiligen Alltag auf, sie machen uns zu Eingeweihten, die die Wahrheit hinter der Wahrheit kennen, sie machen aus gescheiterten Journalisten gefragte Skeptiker, die in Talkshows ihr Bildschirm-Comeback feiern und nicht zuletzt halten sie die Demokratie am Leben, weil wir ach so mündige Bürger ja nicht einfach alles glauben, was uns die Regierung so auftischt. So weit kommt es noch.

So sitzt also manch einer in der Wüste Nevadas vor seinem Wohnwagen und starrt tagein, tagaus mit dem Feldstecher auf die Area 51, weil er glaubt, dort würden nicht nur Außerirdische versteckt gehalten, sondern dass diese abgeriegelte Mondlandschaft einst auch als Kulisse für die Mondlandung diente - und manch anderer glaubt daran, dass unsere Staatsführer in Wirklichkeit Reptilien sind, verantwortlich für den Holocaust wie 9/11. So skurril, so lustig.

Die Dokumentation „Verschwörungstheorien auf dem Vormarsch“ und die anschließende Diskussionsrunde  „Mythos Verschwörung?“ bei Moderator Gert Scobel Donnerstagabend im Programm von 3sat erinnerten uns aber daran, wie schnell aus Theorie Wirklichkeit werden kann. Und dann ist Schluss mit lustig, dann wird es lebensgefährlich. Dann haben Verschwörungstheorien nichts Skurriles, nichts Faszinierendes mehr an sich. Auf ihnen beruhen stattdessen Kriege, Attentate und blutrünstige Ideologien.

Internet wirkt wie ein Katalysator

Spätestens das Internet hat sie endgültig jeder Mystik beraubt. Es wirkt wie ein Katalysator auf die Szene, jede noch so krude Theorie wird in Wort und Bild belegt, ein Suchwort genügt und man ist unter Gleichgesinnten. Habe ich es doch schon immer gewusst! Hinter den Anschlägen vom 11. September 2001 steckt die amerikanische Regierung, hinter dem Kennedy-Attentat sowieso.

Eine ganze Industrie verbreitet via Internet ihre Botschaften, Stars einer Parallelwelt wie der Amerikaner Alex Jones, der aus einem Gewerbegebiet in Texas heraus per Radioshow und Online-Shop weltweit seine Anhänger findet und bedient, überschreiten dabei nicht selten die Grenze zum Rechtspopulismus. „Wollt ihr die Stiefel der Tyrannen küssen, oder ihnen damit in den Hintern treten?“, ruft er seinen Jüngern zu. Traut den staatlichen Organen nicht, sie wollen euch nur hinters Licht führen, lautet sein Mantra. In Deutschland ist der ebenfalls nicht ausschließlich gut beleumundete Kopp-Verlag in diesem Segment tonangebend, er ließ eine Zeitlang sogar die gefallene Tagesschau-Sprecherin Eva Herman auf seiner Website alternative Nachrichten vorlesen.  „Informationen, die ihnen die Augen öffnen“, verbreitet der Verlag nach eigenen Angaben.

Leichtgläubig statt skeptisch

Demgegenüber stellte Regisseur Andrew Blicq seine Botschaft: Wer meint, skeptisch zu sein, ist in Wirklichkeit leichtgläubig. Weil er auf jede noch so absurde These anspringt, und sei sie längst widerlegt. Und wer glaubt, ein aufrechter Demokrat zu sein, ist stattdessen eine Gefahr für die Demokratie: weil er Politiker für Teil der Verschwörung hält, der er sich ausgesetzt sieht. Und weil er Angst vor allem Fremden entwickelt. Die Angst, vor einer Bedrohung von außen und die Überzeugung, die Anderen, wer auch immer das sein mag, seien gefährlich, bilden den idealen Nährboden für Gewalt. Nicht umsonst versucht die amerikanische Regierung mit einer eigenen Website den gängigsten Verschwörungstheorien entgegenzuwirken. Ein hilfloser Versuch.

Warum aber, und das muss ja die Ausgangsfrage sein, glaubt nun mehr als ein Drittel aller Amerikaner, dass die Regierung ihnen nicht die volle Wahrheit über den 11. September sagt? Und dass nicht Lee Harvey Oswald alleine einst ihren Präsidenten hinrichtete? Weil wir, der Mensch,  uns schlicht nicht vorstellen können, dass hinter einem Ereignis solch monströsen Ausmaßes keine dämonischen Kräfte wirkten, sondern lediglich eine Gruppe von lebensmüden Fanatikern. Es kann doch unmöglich sein, dass ein Wirrkopf mit Gewehr einfach mal so den mächtigsten Mann der Welt ausschaltet.

Wir sind beunruhigt, wenn wir glauben, dass der Zufall regiert und keinesfalls alles einem großen, mystischen Plan folgt. Der Grund eines Ereignisses wird dessen Größe angepasst: Je gigantischer das Ausmaß, desto raffinierter der Plan im Hintergrund. Historische Ereignisse werden neu zusammengewürfelt und zueinander in Beziehung gesetzt, das eine führt ganz logisch zum anderen.

Jeder Kontakt mit solchen Theorien beeinflusst unser Handeln, ist Regisseur Blicq überzeugt. Was also dagegen tun, dass sie sich unser bemächtigen? Einfach alles glauben, was von oben kommt? Wir haben, um es vorweg zu nehmen, Verschwörungstheorien lediglich die Kraft unseres Verstandes entgegenzusetzen. So riet der der Schweizer Historiker Daniele Ganser dazu, im Internet zu recherchieren und sich eine eigene Meinung zu bilden. Ob das wirklich eine gute Idee ist? Der Mediziner und Autor Thomas Grüter dagegen empfahl, angeblichen Verschwörungen tatsächlich nachgewiesene gegenüberzustellen. Denn die hätten meist „im Jammertal“ stattgefunden, stümperhaft von Menschenhand ausgeführt. Ob das auch schon eine Verschwörungstheorie ist?

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