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TV-Kritik: „Unter Verdacht: Mutterseelenallein“ Die Toten lehren die Lebenden

Arte zeigt vorab einen ebenso ungewöhnlichen wie ergreifenden Krimi aus der herausragenden ZDF-Reihe „Unter Verdacht“.

11.04.2014 07:09
Tilmann P. Gangloff
Senta Berger ist die interne Ermittlerin Eva Prohacek. Foto: dpa

In den regelmäßig sehenswerten Filmen muss sich die von Senta Berger ebenso sparsam wie großartig verkörperte interne Ermittlerin Eva Prohacek normalerweise mit Schurken aus den eigenen Reihen herumschlagen: Polizisten, die Dreck am Stecken haben, oder Amtsinhaber, die aus Habgier oder Ehrgeiz über Leichen gehen. Diesmal aber liegt der Fall völlig anders, und womöglich sollte man gar nicht erwähnen, dass ein zu Tode gekommenes Kind die Ermittlungen auslöst; ein derartiges Thema weckt erfahrungsgemäß nicht unbedingt die Vorfreude.

Tatsächlich ist die vom Autorengespann Stefan Holtz und Florian Iwersen ersonnene Geschichte freudlos, traurig und entsprechend deprimierend. Als Film aber ist „Mutterseelenallein“ ausgesprochen sehenswert; Regie führte wie schon zuletzt bei „Türkische Früchtchen“ Martin Weinhart.

Das Drama beginnt mit der Suche eines kleinen Jungen nach seinem verschwundenen Hund. Schließlich wird er fündig, aber das Tier ist tot. Es folgt eine Schwarzblende und dann Blaulicht: Offenbar hat sich das Kind erhängt; mit der Hundeleine. Sein erwachsener Bruder beschuldigt zwar die Mutter, doch später stellt sich raus, dass er gar nicht in der Wohnung war.

Kriminalrätin Prohacek und ihr treuer Mitarbeiter Langner (Rudolf Krause) sollen nachforschen, ob das Münchener Jugendamt seine Aufsichtspflicht vernachlässigt hat. Tatsächlich entpuppen sich die entsprechenden Akten als frisiert, doch der Ermittlerin lässt etwas anderes keine Ruhe: Sie ist überzeugt, dass Selbstmord in der Denkweise eines Neunjährigen nicht vorgesehen ist.

Ruhig und sorgfältig

Es gehört gewissermaßen zur Grundausstattung der Reihe, dass Kommissariatsleiter Reiter (Gerd Anthoff) seiner Untergebenen immer wieder ins Handwerk pfuscht; angeblich, weil er das große Ganze im Auge hat. Auch diesmal aber geht es ausschließlich um seine eigenen Interessen: Ihm ist der Posten des Polizeipräsidenten in Aussicht gestellt worden. Es ist aus seiner Sicht schon unangenehm genug, dass die zuständigen Beamten der Mordkommission die Mutter voreilig zur Mörderin abgestempelt haben. Weitere Schlagzeilen kann er nicht brauchen, und als Prohacek trotzdem keine Ruhe gibt, entzieht er ihr den Fall kurzerhand.

Weinhart hat „Mutterseelenallein“ betont ruhig und bis hin zu den roten Ohren des erregten Jugendamtsleiter sehr sorgfältig inszeniert. Jeder Einstellung ist anzumerken, wie durchdacht sie ist, was natürlich auch für den Leitspruch „Mortui vivos docent“ (Die Toten lehren die Lebenden) in der Pathologie gilt. Vor allem aber hat der Regisseur gemeinsam mit seinem Kameramann Jo Heim Bilder gefunden, die die familiäre Tragödie gleichermaßen lakonisch wie beredt illustrieren. Immer wieder verschwinden die Familienmitglieder in Tunneln: mal buchstäblich, mal in Folge der Bildgestaltung.

Perspektiven aus großer Höhe verdeutlichen die Isoliertheit der Figuren und bereiten die Zuschauer, wenn das überhaupt möglich ist, seelisch auf das erschütternde Ende vor. Großen Anteil an der Glaubwürdigkeit der Geschichte hat nicht zuletzt Ursula Strauss. Die auch hierzulande dank Komödien wie „Die Spätzünder“ oder „Die Abstauber“ bekannte Österreicherin verkörpert die überforderte und depressive Mutter mit einer berührenden Mischung aus Leere und Verzweiflung. Ein ungewöhnlicher Stoff für einen Krimi, aber ein sehr guter Film.

Unter Verdacht: Mutterseelenallein, Freitag, 11.4., 20.15 Uhr auf Arte

 

 

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