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TV-Kritik: „Ulrich Seidl und die bösen Buben“ Fiktion, dokumentiert

Eine Arte-Dokumentation porträtiert den Regisseur Ulrich Seidl, der Fakt und Fiktion in seinen polarisierenden Filmen gerne verschwimmen lässt.

10.02.2016 08:10
Von David Segler
Unbequeme Filme: Dreharbeiten zu Ulrich Seidls "Im Keller". Foto: ZDF / © Navigator Film

Der österreichische Regisseur Ulrich Seidl ist sicher niemand, den man als „Everbody‘s Darling“ bezeichnen kann. Seine Person, vor allem aber seine Filme polarisieren. Erst vor drei Jahren, als der Mittelteil seiner Trilogie „Paradies: Glaube“ in Venedig lief, gab es starken Protest. Die konservative Organisation „NO 194“ zeigte Seidl sogar wegen Blasphemie an. In dem Film wird einmal angedeutet, wie die streng katholische Anna Maria (Maria Hofstädter) mit einem Kruzifix masturbiert.

Eine 50-minütige Dokumentation porträtiert nun den Ausnahmeregisseur, der es neben Krzysztof Kie?lowski als einziger Filmemacher geschafft hat, auf allein drei A-Festivals zu laufen: mit seiner Paradies-Trilogie. Hauptaugenmerk liegt in dieser Dokumentation aber nicht auf der Trilogie, sondern auf drei anderen Werken. „Im Keller“, Seidls aktuellster Film von 2014, sein Theaterstück „Böse Buben, fiese Männer“ aus dem Jahr 2012 und „Der Busenfreund“ von 1997.

Das Porträt konzentriert sich dabei kaum auf Seilds Zusammenarbeit mit Kamera und Schauspielern oder auf seine Stoffentwicklung, sondern fast ausschließlich auf die Themen, Hintergründe und Motive der drei genannten Werke. Es gibt – angenehmerweise – keinen Off-Kommentar, meistens spricht Seidl selbst, ohne dass man einen Fragensteller hört.

Bebildert werden die Interviews mit Making-Of-Material aus „Im Keller“. Das ist spannend zu sehen, gerade weil generell nicht viel Material von Seidls Dreharbeiten veröffentlicht wird – er ist ein Pedant, der sich nicht allzu gern über die Schulter blicken lässt. Schon bei Interviews, so auch hier, hat man oft das Gefühl, ihm zu nahe zu treten, ihn gar zu stören. Vielleicht muss er sich auch seit Jahren immer wieder verteidigen und rechtfertigen, dass er inzwischen skeptisch jeder Frage gegenüber ist.

Wer Seidl Filme kennt, dem werden seine tableauartigen Bilder nicht entgangen sein, im Making-Of zu „Im Keller“ kommt das schön zur Geltung. Auch die letzte Vase am Bildrand wird penibel (und von ihm selbst!) zurechtgerückt, bis jedes Detail im Bild stimmt. Beeindruckend ist auch, dass „Im Keller“ ein Dokumentarfilm ist, doch Seidl inszeniert seine Bilder und Protagonisten. Jeder Satz zu viel wird bemängelt und der Take erneut aufgenommen, jedes Kostüm wird abgesprochen. Nicht umsonst werden Seidls Filme einer hybriden Form zugeordnet. Seine Spielfilme haben immer auch etwas Dokumentarisches, wie die Arbeit mit Laien oder die Improvisation, seine Dokumentarfilme sind hingegen oft inszeniert wie fiktionale Werke.

Im Theater, so hat man bei dieser Dokumentation das Gefühl, ist Seidl ein Stück offener, gelöster, probiert mehr aus. Auch „Böse Buben, fiese Männer“ vereint professionelle Schauspieler wie Georg Friedrich und Laien wie Nabil Saleh oder René Rupnik, die er beide schon in früheren Filmen besetzt hat. Es geht im Stück und Männlichkeit und deren Abgründe, Seidl legt in den Ausschnitten der Proben, die hier zu sehen sind, verschiedene Szenen aneinander, die er alle mit einem abstrakten Männlichkeitsbild verbindet. Zum Beispiel das Ziehen des Colts und direktes Abdrücken, natürlich etabliert aus dem Western. Seidl erzählt, dass er zunächst geplant hatte, echte Schreckschusspistolen auf der Bühne zu verwenden, doch dann habe er festgestellt, dass es nur funktioniert, wenn keine echte Waffe zu sehen ist. Das ist ein gutes Beispiel für Seidls Arbeit generell. An einer Stelle sagt er, dass man immer einen Plan im Kopfe habe, doch am spannendsten sei im Grunde, wenn Dinge passieren, an die man vorher niemals gedacht hätte. Eine interessante Aussage für einen Filmemacher, bei dem viele Bilder einem perfekt inszenierten Gemälde gleichen.

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