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TV-Kritik: "Terra X - Deutschland-Saga" Geschichte für Klippschüler

Deutschland-Feiern auf allen Sendern: Jetzt lässt das ZDF den australischen Historiker Christopher Clark die Geschichte der Deutschen erzählen – von der Urzeit an.

Die Wiedervereinigung ist dieses Jahr auf allen Sendern. Foto: dpa

Der 25. Jahrestag der Wiedervereinigung treibt auch im Fernsehen so manche Blüten – die jüngste ist heute im ZDF zu bestaunen: „Terra X – Deutschland-Saga“. Der Mainzer Sender hat den australischen Historiker Christopher Clark (54) als Führer durch die Geschichte und das Land der Deutschen verpflichtet – eine Wahl, die schon mal Fragen aufwirft. Denn die von ihm selbst anfangs der Sendung behauptete Sicht eines Ausländers auf uns ist ja insofern Unsinn, als die Eheleute Gero und Christina von Boehm Autor und Produzentin der dreiteiligen Reihe sind.

Clark lehrt in Cambridge; er ist Experte für die Geschichte Preußens, und er hat unter seinen Fachkollegen eine Debatte ausgelöst, weil er in seinem Buch „Die Schlafwandler“ versucht hat, die Schuld der Deutschen am Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu relativieren – was ihm Kritik vor allem von Hans-Ulrich Wehler eingebracht hat. Für die konservativ dominierten Mainzelmännchen mag Clark der Richtige gewesen sein, und nun darf er in einem roten VW-Cabrio mit „H“-Kennzeichen durch die sonnigen Lande gondeln und noch einmal erzählen, was jeder schon mal in der Schule gehört haben dürfte.

Bei der ersten Folge geht es dabei zurück bis zur Antarktis und der Kontinent-Verschiebung, um rasch in der Schwäbischen Alb zu landen, deren damalige Bewohner unter anderem wegen des Funds der etwa 30 000 Jahre alten Venus vom Hohlefels gleich mal zu den „Urdeutschen“ erklärt werden.

Zarte Hinweise auf dunkle Seiten der Geschichte

Immer wieder werden historische Phänomene dabei durch Begriffe aus der Gegenwart gespiegelt – die leider meistens ihrerseits Klischees spiegeln, wie etwa die Vorzeit-Schwaben als „Cleverle“ oder „Tüftler“ und die Deutschen als „Dichter und Denker“. Gar in den Kitsch driftet die Darstellung der Vermischung von Neandertalern und Homo Sapiens ab, wenn von der „Liebe zwischen den Spezies“ die Rede ist und ein Kind aus dieser Verbindung zum „Urahn aller Europäer“ erklärt wird. Übrigens werden in dieser ersten Folge weder der Begriff „Deutsch“ noch der Name „Germanen“ erklärt.

Es hat alles ein wenig was von einem Geschichtsunterricht für Klippschüler oder, milder formuliert, einem Bilderbuch, das auch von jungen Zuschauern konsumiert werden kann. Und nicht erst wenn von den Pfahlbau-Siedlern am Bodensee als den Ur-Germanen gesprochen wird, tut sich ein Grundproblem der Reihe auf: In einer Zeit, da sich das Konzept des Nationalstaats immer offensichtlicher als den Menschen Unheil bringender Irrtum erweist (man frage nur die Kurden), dient eben dieses Konzept als Basis für die „Deutschland-Saga“.

Immerhin gibt es zarte Hinweise auf dunkle Seiten deutscher Geschichte, wenn etwa auf die Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis verwiesen wird, die sich auf ein falsches Germanen-Bild beriefen, wie es der römische Schreiber Tacitus gezeichnet hatte. Doch dann wieder heißt es über die Schlacht im Teutoburger Wald: „Die Weltmacht Rom wird diese Schmach niemals verwinden“ – als ob es um ein Champions League Spiel gehe. Und dass man die Eroberung Roms durch die Westgoten mit dem Schlager „Arreviderci Roma“ unterlegt, verrät eine eigene Art von Humor. Zum Massaker, das Karl der Große bei den Sachsen anrichten ließ, fiel den Autoren jedenfalls kein Lied ein, es wurde nicht einmal als solches bezeichnet – stattdessen jubelt der Erzähler, dass „alle germanischen Stämme erstmals in einem Reich vereinigt“ worden seien. So bietet die „Deutschland-Saga“ in ihrem ersten Teil ein möglichst gefällig angerichtetes Menu mit einem nationalen „Gschmäckle“, das zur Abendessen-Sendezeit um 19.30 Uhr vor allem verdaulich bleiben soll.

Terra X: Deutschland-Saga, Folge 1: Woher wir kommen, ZDF, Sonntag, 19.30 Uhr.

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