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TV-Kritik: Tannbach (ZDF) Die geteilte Erde

Das ZDF erzählt in einem dreiteiligen Fernsehfilm von Kriegsende und Neuanfang, von erzwungenen Trennungen und betrogenen Hoffnungen.

Liesbeth Erler (Nadja Uhl). Foto: ZDF; Dusan Martincek, Lukás Zentel

Das Dorf Mödlareuth erlangte traurigen Ruhm nach der deutschen Teilung. Denn die Besatzer zogen die Demarkationslinie zwischen der BRD und der DDR mitten durch das Dorf, das an der Grenze zwischen Bayern und Thüringen liegt.  Binnen weniger Wochen wurden Verwandte und Freunde auf Jahrzehnte hinaus getrennt. Der amerikanische Politiker George Bush sen. nannte Mödlareuth deshalb „Little Berlin“.

Wenige andere Beispiele gibt es, wo der Eiserne Vorhang so brutal in das Zusammenleben der Bevölkerung fiel. Eine Bewohnerin Mödlareuths, Ida Hoffmann, hat Tagebuch geführt über die Veränderung ihres Ortes, ihrer Heimat. Und diese Aufzeichnungen dienten den Autoren Josephin und Robert von Thayenthal  als Anregung für ihr Drehbuch zu dem ZDF-Dreiteiler „Tannbach“.

Das Autorenehepaar heißt wirklich so, und Tannbach gibt es tatsächlich – es ist ein Bach bei  Mödlareuth. Einen gewissen Vorschuss an Authentizität kann die Verfilmung unter der Regie des jungen Alexander Dierbach also für sich beanspruchen, und die erfahrene Produzentin Gabriela Sperl, die bereits „Die Flucht“, „Stauffenberg“ und „Nicht alle waren Mörder“ realisiert hat, ist so versiert  wie wenige in der fernsehgerechten Umsetzung von Themen aus der Zeit im und nach dem Zweiten Weltkrieg.

So ist „Tannbach“ von der Handlung, der Personenzeichnung und der Ausstattung her ähnlich wirklichkeitsnah wie „Unsere Mütter, unsere Väter“ (2013) und allemal realistischer geraten als etwa „Dresden“ (2006), ein ähnlich groß angelegtes „Eventmovie“ des ZDF.

Dabei half auch die Entscheidung, die beiden Hauptrollen mit jungen, noch nicht zu oft gesehenen Darstellern zu besetzen. Jonas Nay und Henriette Confurius, beide Anfang der 90er geboren, haben schon die schauspielerische Grundschule in den massenhaft produzierten TV-Krimis absolviert, hier aber dürfen sie als junges Paar einen insgesamt zweieinhalbstündigen Film tragen. Allerdings werden sie  gleichsam als Background-Chor von bekannten Fernsehgesichtern gestützt, Heiner Lauterbach, Martina Gedeck, Nadja Uhl, Natalia Wörner, Ronald Zehrfeld und Alexander Held etwa.

Erzählt wird das Schicksal der Gutsbesitzerstochter Anna von Striesow. Ihr Vater, Major in Hitlers Armee, ist desertiert und lebt versteckt im nahen Wald;  als sie ihn dort sucht, wird sie von ihm vor zwei Vergewaltigern gerettet und dann zurück aufs Gut gebracht. Dort muss sie zusammen mit ihm ansehen, wie ihre Mutter durch ein Kommando der SS wenige Minuten vor Ankunft der Amerikaner erschossen wird. Damit ist das Thema von Schuld und tragischer Verstrickung  gesetzt, das den Film prägt.

Denn in dieser Zeit des Umbruchs bleibt keiner frei von Verfehlungen ­ – abgesehen von Anna. Sie wandelt, ein unschuldiger schwarz gelockter Engel, durch alle Fährnisse und Wendungen der Geschichte:  ein fleißiges Lieschen, das auch mal Trotzkopf sein darf, aber nach anfänglichem Zaudern sich doch als liebende Gattin ihres Friedrich erweist. Confurius’ Figur ist vielleicht die Schwachstelle in diesem Werk, die Schauspielerin wird zu stark als Identifikationsfigur ins Bild gerückt, selbst wenn sie zuletzt eine dasteht, die sich geirrt haben wird.

Interessanter ist allemal die Wandlung des Friedrich vom halbwüchsigen Flüchtling aus Berlin zum jungen Kader, der, beseelt vom Gedanken an eine bessere Welt, schließlich immer wieder Maßnahmen treffen und vertreten muss, die ihm auch der von der DDR-Führung eingesetzte Landrat (Zehrfeld) nicht überzeugend erklären kann. Diese beiden Männer werden in ihrem Glauben, einer neuen Gesellschaft zu dienen, nach und nach desillusioniert – hier wird der Geburtsfehler der DDR an Einzelschicksalen glaubhaft dargestellt, und das ist wiederum die Leistung des Films.

Die Dramaturgie folgt den Zeitläuften. Die Amerikaner kommen als Befreier, die allerdings auch schon nach dem Prinzip verfahren: Wer mir nützt, ist kein Nazi. Die Russen sind – Ausnahme: der Kommandant – dann Mörder, Räuber, Vergewaltiger und vierschrötige Soldateska, und die Dorfbewohner versuchen sich ängstlich mit den neuen Herren zu arrangieren, bis sie schließlich erleben müssen, dass sie von den eigenen Landsleuten drangsaliert werden und Heim und Hof verlieren, weil die der neuen Grenzordnung zu weichen haben. Am Ende können sie die Nachbarn auf der anderen Seite vom Bach nicht einmal mehr sehen – gemeinsamer Himmel, geteilte Erde ...

Die sich darum herum rankenden Geschichten und Gestalten sind notwendiges Beiwerk einer Filmerzählung, die auf Dramatisierung und Emotionalisierung selbstverständlich nicht verzichten will. Also gibt es den ewigen Nazi (Alexander Held), der im Tischgebet Gott und Hitler in einem Atemzug nennt; den ewigen Apparatschik, der zum Stasi-Schergen wird, und natürlich die diversen erotischen Anbandeleien – auch wenn zu loben ist, dass hier nicht wie so oft alles über den Liebesleisten geschlagen wird.

Doch lässt das Drehbuch einige Lücken: Der SS-Scherge vom Beginn, der Annas Mutter hinrichten lässt, wird einfach vergessen, Heiner Lauterbach als Graf von Striesow hat im dritten Teil plötzlich eine Schreinerei und eine Frau (die er folgenlos betrügt) und scheint ohnehin nicht in der Lage, etwas anderes sehen zu lassen als seine zerfurchte Mimik.

Ein Ärgernis allerdings ist die Musik: Sie dient all zu offensichtlich dazu, den unbedarften Zuschauer jeweils auf das Kommende vorzubereiten. Der einst geltende Grundsatz, dass die beste Filmmusik diejenige ist, die nicht wahrgenommen wird, er scheint vergessen. Sei’s drum; vor allem der dritte Teil von „Tannbach“ lohnt das Ansehen, weil dort die Konflikte um die Metamorphose von Deutschem Reich zu Deutscher Demokratischer Republik anschaulich werden.

Teil 1: Der Morgen nach dem Krieg; Sonntag, 4. Januar;  

Teil 2: Die Enteignung; Montag, 5. Januar;

Teil 3: Mein Land, dein Land; Mittwoch, 7. Januar,  jeweils um 20.15 Uhr.

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