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TV-Kritik "Tag der Wahrheit" Doppelte Panne im Dreyeckland

ARD und Arte zeigen als deutsch-französische Koproduktionen einen Atom-Thriller. Der Film erzählt eine grenzüberschreitende Geschichten, und wenige Stoffe eigneten sich dafür besser als das Leben mit dem Atomkraftwerk.

ARD und Arte beschäftigen sich in ihrem gemeinsamen Thriller mit einem Atomkraftwerk. Foto: dpa

Im Film „Flug in Gefahr“ von 1964 muss ein ehemaliger Bomberpilot ein Passagierflugzeug landen, weil die Crew eine Fischvergiftung hat. Nach Ende der Ausstrahlung erklärte die Ansagerin, die Deutsche Fischereiwirtschaft weise darauf hin, dass der Fisch nicht aus ihrer Produktion stamme.

Eine derart lächerlich erscheinende Verwechslung von Fiktion und Wirklichkeit wäre heute vermutlich nicht mehr möglich, obwohl Fakten und Fiktion im Fernsehen zusehends durcheinandergeraten. Die Betreiber des französischen Atomkraftwerks Fessenheim hätten nun Grund darauf hinzuweisen, dass der Film „Tag der Wahrheit“ pure Erfindung sei.

Aber ist das wirklich so? Nur noch Profiteure der Atomwirtschaft und ewiggestrige Anhänger der Kernkraft dürften glauben, dass die Energiekonzerne dem Publikum reinen Wein einschenken, was Probleme in ihren Anlagen betrifft. Die sollen nach dem Willen der Unternehmen ja auch „Kern“- und nicht Atomkraftwerke heißen, und die diversen Unfälle wurden sprachlich zu „Störfällen“ verharmlost.

Von solch einem Unfall erzählt der Film „Tag der Wahrheit“, den ARD und Arte im Rahmen ihres „Tandem-Projekts“ zusammen produziert haben; dabei geht es um grenzüberschreitende Geschichten, und wenige Stoffe eigneten sich dafür besser als das Leben mit dem Atomkraftwerk Fessenheim im „Dreyeckland“, wie die AKW-Gegner zwischen Freiburg, Mulhouse und Basel einst ihre Region nannten.

Im Film in der Regie von Anna Justice dringt ein ehemaliger Angestellter (Florian Lukas) in das Herz der Anlage ein und droht, den GAU auszulösen, wenn nicht auf einer im Fernsehen zu übertragenden Pressekonferenz die Abschaltung des überalterten AKW erklärt werde. Seine Gegenspieler draußen sind die verwitwete Freiburger Staatsanwältin Marie (Vicky Krieps) und der französische Polizist Jean-Luc Laboetie (Benjamin Sadler). So weit, so unwahrscheinlich.

Im Folgenden geht die Geschichte ihren aus unzähligen Banküberfall-mit-Geiselnahme-Filmen bekannten Gang. Der Eindringling kennt sich aus und hat gute Argumente, die Polizei vor Ort ebenfalls, die Vertreter der Regierung sind Zyniker, die hübsche Staatsanwältin ermittelt auf eigene Faust und weiß natürlich schneller Bescheid als alle anderen. Etwas Spannung bringt ein Parallel-Duell: Der Bewaffnete im Kontrollzentrum entdeckt irgendwann in den Katakomben der Anlage einen Arbeiter, der das Schlimmste zu verhindern sucht – mit vorhersehbarem Ausgang. Auch die List der Ordnungshüter, um den Attentäter zu überwinden, ist ein ziemlich alter Hut.

Das ist alles als Nachtstück in grün-blauer Farbgebung inszeniert, mit blinkenden Lämpchen drinnen und grellem Licht draußen, die Figurenzeichnung strotzt vor Klischees, und – Tandem hin oder her – wer wann Deutsch oder Französisch spricht, scheint der Regie irgendwann egal gewesen zu sein. Auch ein modisches Mätzchen wie die Einblendung von SMS-Nachrichten darf nicht fehlen. Die Benutzung der Zeitlupe als Ausdruck inszenatorischer Hilflosigkeit zu sehen, mag eine persönliche Ansicht des Rezensenten sein. Am schlimmsten aber sind die Störfälle des Drehbuchs (Johannes Betz): Selbstverständlich taucht irgendwann das wieder einmal böse SEK auf, verschwindet aber folgenlos wieder. Und dass der französische Cop die deutsche Ermittlerin, mit der er eng zusammenarbeitet, bei einem ihrer nächtlichen Alleingänge verfolgen lässt, ist ein unverzeihlicher Lapsus – ein Versuch, Spannung zu erzeugen, wo keine aufkommen will.

So bleibt vom „Tag der Wahrheit“ am Ende nur die Mitteilung im Abspann, dass es 200 Atomreaktoren in Europa gibt. Dass Fessenheim einer der ältesten und anfälligsten ist, hätte da auch noch stehen dürfen. Aber da wären die Franzosen wohl beleidigt. Der Start des „Tandems“ jedenfalls ist missglückt. Schon bei der ersten Ausfahrt: eine Panne.

Tag der Wahrheit, Arte, Donnerstag, 8. Januar, 20.15 Uhr, ARD, Mittwoch, 14. Januar, 2.15 Uhr.

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