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TV-Kritik Plasberg Frei von Politikerrhetorik

Wie immer war die Runde der Diskussionsteilnehmer bei Frank Plasberg wohlausgewogen. Beim Thema Organspende ergab sich eine sachliche Pro-und-Contra-Debatte, die zur Meinungsbildung beitrug.

Kontrovers ruhige Atmosphäre: Plasbergs "Hart aber fair" zum Thema Organspende. Foto: dpa

Wie immer war die Runde der Diskussionsteilnehmer bei Frank Plasberg wohlausgewogen. Beim Thema Organspende ergab sich eine sachliche Pro-und-Contra-Debatte, die zur Meinungsbildung beitrug.

Die aktuellen Zahlen lieferte Frank Plasberg erst gegen Ende der Sendung: Derzeit werden in Deutschland 8000 Nieren benötigt, 2000 Lebern, 900 Herzen, 600 Lungen. Ob eine Reform der gesetzlichen Regelungen über die Organspende Leben retten kann und wie die Neufassung aussehen müsste, war zuvor kontrovers, aber in ruhiger Atmosphäre diskutiert worden. Bei diesem Thema sind existenzielle Regungen angesprochen, Trauer und Furcht ebenso wie die Hoffnung schwer erkrankter Menschen auf ein Weiterleben. Mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier hatte Frank Plasberg einen Mann zu Gast, der bereits mehrfach mit dem Thema Organspende konfrontiert worden war. Als Student wurde ihm die Hornhaut eines Toten eingepflanzt. So konnte sein Augenlicht gerettet werden. Steinmeier selbst spendete eine Niere für seine Frau. Als Politiker spricht er sich für eine Änderung der geltenden Gesetzgebung aus, um Rechtssicherheit zu schaffen und die Organspende zu erleichtern.

Können Hirntote Schmerzen empfinden?

Als Fürsprecherin einer Neuregelung war auch Gudrun Ziegler geladen, die ihrerseits ein Jahr lang auf eine Spenderleber gewartet hatte und sich heute im Forum Organtransplantation Berlin e. V. engagiert. In der selben Reihe, aber inhaltlich konträr waren Dr. Werner Bartens, Mediziner und Wissenschaftsjournalist der „Süddeutschen Zeitung“, und Johannes Singhammer, stellvertretender Fraktionschef der CDU, aufgestellt. Beide bekannten sich dazu, sich bewusst gegen einen Organspendeausweis entschieden zu haben. Voraussetzung für die Entnahme von Organen zwecks Verpflanzung ist das Eintreten des Hirntods. Werner Bartens wendet sich gegen die Auffassung, dass der Hirntod mit dem Tod schlechthin gleichzusetzen sei. Er verwies im weiteren Verlauf der Debatte unter anderem auf zwei schwangere Frauen, die trotz schwerer Hirnschädigungen noch Kinder zur Welt brachten, mithin über einen funktionierenden Körper verfügten. Ein zweiter Einwand Bartens’ betraf die Möglichkeit, dass auch Hirntote noch Schmerzen empfinden. Er zitierte einen Arztkollegen, der für den Fall seines Hirntodes seine Organe zur Verfügung gestellt hat, aber vor der Entnahme narkotisiert werden möchte.

Der CDU-Politiker Johannes Singhammer führte eher grundsätzliche ethische Gründe an. Er argumentiert mit dem Recht eines Individuums auf Unversehrtheit, auch nach dem Tod.
Bei Werner Bartens, der selbst als Krankenhausarzt gearbeitet hat, gab sich Plasberg überrascht, dass sein Visavis nicht als Organspender zur Verfügung stehen möchte. Bartens‘ Begründung fusste jedoch gerade auf Erfahrungen aus der klinischen Praxis. Dort hatte er erlebt, so Bartens, wie Angehörige von Organspendern „um die Trauer, um den Abschied“ betrogen wurden. In dem besagten Fall waren seiner Schilderung zufolge die Verwandten einer Schlaganfallpatientin in einer höchst emotionalen Situation sehr schroff um ihre Einwilligung zur Organentnahme gebeten, um nicht zu sagen überrumpelt worden.

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Frank-Walter Steinmeier, der sich ausgesprochen sachkundig zeigte, fordert in seiner politischen Arbeit aus eben diesem Grunde einen Spenderausweis, der eine verbindliche Aussage enthält, ob der Besitzer seine Organe spenden möchte oder nicht. Die Ärzte, die, wie mehrfach erwähnt wurde, für solche schwierigen Gesprächssituationen gar nicht ausgebildet sind, müssten bei Vorliegen eines solchen Dokuments die Angehörigen gar nicht mehr behelligen. Von Frank Plasberg entsprechend befragt, berichtete Steinmeier frei von Politikerrhetorik über seine eigenen familiären Erfahrungen, seinen Weg zur Entscheidung, die Reaktionen der Ehefrau und auch die der 14-jährigen Tochter und korrigierte nebenbei das Bild der Ärzteschaft – er habe während dieser schweren Zeit eine gute, sensible Betreuung durch die zuständigen Mediziner erfahren.

Mit der Frage, ob Steinmeier die linke oder rechte Niere gespendet hat und ob man sich das aussuchen könne – Steinmeier unter Gelächter des Publikums: „Die linke natürlich ...“ - führte Frank Plasberg nach dieser bewegenden Geschichte zur Gruppendiskussion zurück. Die schicksalhafte Seite kann sich aber auch anders zeigen. Renate Greinert, in einem Einspielfilm vorgestellt, hatte vor Jahren eingewilligt, den Körper ihres verunglückten 15-jährigen Sohnes zur Organentnahme freizugeben, bereute dies später und schrieb ein Buch über ihre Erfahrungen. Sie hat heute das Gefühl, den Sohn geopfert zu haben.

Information tut not

Mit dem angemessenen Mitgefühl wies Gudrun Ziegler darauf hin, dass Ursache dieses Schmerzes nicht eigentlich der Vorgang der Organübertragung, sondern die schlechte Informationspolitik der Ärzte gewesen war. Hier, das erwies sich mehrfach im Verlauf dieser Sendung, hat das derzeitige Transplantationssystem tatsächlich eine Schwäche, für die es allerdings mehrere Lösungsmöglichkeiten gibt. Grundsätzlich lautet das Fazit: Information tut not. So wissen viele Mitbürger nicht, dass der Organspenderausweis diverse Rubriken enthält, mit denen sich eine etwaige Organentnahme genau bestimmen lässt. Das Dokument sieht aber auch vor, die Organentnahme zu untersagen oder die Entscheidung darüber an jeweils zu nennende Verwandte zu übertragen. Soviel also nahm man mindestens mit aus dieser Sendung: Es lohnt sich in jedem Fall, einen ausgefüllten Organspenderausweis dabei zu haben. Frank Plasberg zitierte in diesem Zusammenhang eine Studie, wonach nur 25 Prozent der Befragten einen solchen Ausweis besitzen, obwohl doch 74 Prozent bereit sind, ihre Organe zu spenden.

Was mit solch einer Spende bewirkt werden kann, zeigte das Beispiel von Studiogast Leonie Remmers. Die war im zarten Alter von 14 Monaten schwer erkrankt, bekam aber rechtzeitig eine Lebertransplantation. Der Vorgang wurde damals von Sat.1 in der Reihe „Die 24 Stunden Reportage“ festgehalten, sodass der „Hart aber fair“-Redaktion entsprechendes Bildmaterial zur Verfügung stand. Leonie Remmers selbst hatte den Film in der Woche zuvor erstmals gesehen. Sie ist gerade 18 Jahre alt geworden, nimmt noch immer Medikamente, ist aber ansonsten frei von Beeinträchtigungen.

Organspenderausweis anzuraten

In den von Brigitte Büscher zusammengefassten Zuschauerreaktionen kam noch ein Aspekt zur Sprache, der bei der Entscheidungsfindung von Hinterbliebenen hilfreich sein könnte: Das Wissen, dass Organe eines teuren Verstorbenen in einem anderen Menschen weiterleben, kann auch ausgesprochen tröstlich sein.

Natürlich weicht man einer solchen Thematik, die das eigene Sterben und den möglichen Tod nahestehender Personen betrifft, lieber aus. Umso größer das Verdienst, sie auf geziemende Art in Erinnerung zu rufen. Denn jedem kann sich unvermittelt die Frage stellen, ob die Organe eines Angehörigen zur Transplantation freigegeben werden sollen. Damit den vertrauten Personen quälende Gewissensnöte erspart bleiben, ist das Mitführen eines Organspenderausweises anzuraten. Wie man diesen ausfüllt, bleibt jedem selbst vorbehalten; jede Option ist möglich. Diese „Hart aber fair“-Ausgabe half mit grundlegenden Informationen, zu einer entsprechenden Entscheidung zu gelangen.

Mitschnitt der Sendung

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