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TV-Kritik: „Orphan Black“ (ZDFneo) Die Stiefel sind zum Wandern

Eine Schauspielerin in gleich mehreren Hauptrollen: Die kanadisch-US-amerikanische Serie „Orphan Black“ verwebt geschickt Krimi, Science-Fiction und galligen Humor zu einer hochspannenden Fortsetzungsgeschichte.

Helena (Tatiana Maslany), ein weiterer Klon Sarahs. Foto: ZDF/Steve Wilkie/ © Orphan Black Productions Limited

Viele Passagiere sind nicht mehr unterwegs, als Sarah Manning abends auf dem Bahnhof ankommt. Während sie ein Telefonat erledigt, fällt ihr eine Frau auf. Gut gekleidet, offenbar nervös. Deren Verhalten wird noch seltsamer. Sie steigt aus ihren hochhackigen Schuhen, legt Handtasche und Jacke ab. Sarah, inzwischen nähergetreten, erstarrt: Die Frau ist ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Die andere scheint darüber nicht überrascht; wie in Trance geht sie zur Bahnsteigkante. Und wirft sich vor den einfahrenden Zug.

Sarah fällt kurz in einem Schockzustand, überwindet den aber schnell. Während rund um sie her Rettungsversuche unternommen werden, greift sie sich unbemerkt die Handtasche der Toten und stiehlt sich davon.

Spannend und wendungsreich

Diese Eröffnungssequenz markiert den Beginn einer spannenden und wendungsreichen Geschichte. Eigentlich will Sarah nur an das Geld der auf den Gleisen gestorbenen Frau, sieht sich aber umständehalber gezwungen, deren Identität anzunehmen. Die Kratzbürste in Leder und abgeschnittenen Jeans verwandelt sich nach kleinen Veränderungen in die gepflegte Erscheinung der Elisabeth Childs.

Kompliziert wird die Angelegenheit durch Beths Verlobten. Und ihren Kollegen. Denn Childs war Kriminalbeamtin. Damit ihr Schwindel nicht auffliegt, muss auch Sarah jetzt zur Polizistin werden und die von Beths geerbten Konflikte ausfechten. Dazu entwickeln sich eigene. Ein ehemaliger Liebhaber ist ihr auf den Fersen, und Sarah hat eine kleine Tochter namens Kira, die erfahren soll, dass ihre Mutter nicht tot ist.

Aus dieser Konstellation ergeben sich schon spannende Situationen in Fülle. Aber die Autoren Graeme Manson und John Fawcett, der zusammen mit Kameramann Aaron Morton auch das Regiekonzept entwickelte, lassen es damit nicht bewenden. Weitere Doppelgängerinnen treten auf, offenbar Ergebnisse eines geheimen Klonexperiments. Irgendjemand möchte alle Hinweise auf dieses Experiment zerstört sehen. Und lässt die Klone und etwaige Zeugen töten … Sarah Manning gerät in einen mörderischen Mahlstrom; ein Entkommen scheint unmöglich.

Thrillerserie in höchster Vollendung

„Orphan Black“, eine kanadisch-US-amerikanische Koproduktion unter Federführung von BBC America, ist eine Thrillerserie in höchster Vollendung. Die Autoren treiben die Handlung zügig voran, warten mit immer neuen, kaum vorhersehbaren Wendungen auf, lassen dabei aber die emotionalen Komponenten nicht außer Acht und gönnen dem Publikum auch eine gehörige Portion Witz. Wenn Sarah als angebliche Deutsche in die Lobby eines Luxushotels stiefelt, ertönt dazu „These Boots Are Made For Walkin‘“. Aber in der deutschsprachigen Version einer obskuren, mit Akzent singenden Interpretin namens Eileen: „Die Stiefel sind zum Wandern“. Weiß der Himmel, wo die Produzenten die aufgetrieben haben …

Die Serie lebt wesentlich vom Können der Hauptdarstellerin Tatiana Maslany. Die Kanadierin, die auf deutschen Bildschirmen zuvor unter anderem in „Die Tore der Welt“ und „Being Erica“ zu sehen war, spielt sämtliche Klon-Schwestern – die Diskretion verbietet, deren genaue Zahl zu nennen, um die Spannung und den Spaß nicht zu verderben.

Die Finesse daran: Die Frauen sind etwa gleich alt und sehen gleich aus, blicken aber auf teils völlig unterschiedliche Sozialisationen zurück. Ein cleverer Kniff, der es den Drehbuchautoren erlaubt, die Zuschauer in unterschiedliche Milieus zu führen und zugleich den Einfluss des sozialen Umfelds auf die menschliche Entwicklung darzulegen. Tatiana Maslany spielt also nicht eine Hauptrolle, sondern mehrere, mit gänzlich unterschiedlichen Charaktereigenschaften, Gesten, Manierismen. Mehr als verdient erhielt sie dafür 2014 eine Golden-Globe-Nominierung als beste Schauspielerin in einer Serie.

Pfiffiges visuelles Konzept

Für die rätselvolle, für Protagonisten und manchmal auch die Zuschauer schier schwindelerregende Handlung entwickelten John Fawcett als Regisseur der Premierenfolge und Kameramann Aaron Morton ein pfiffiges visuelles Konzept. Schärfeverlagerungen, verwischte Bildzonen, Brechungen, sanftes Schwanken – die kreative, dabei nie aufgesetzt artifizielle Kameraarbeit wird gekonnt als Mittel der Erzählung genutzt.

Gedreht wird die Serie in Toronto, entwickelt wurde sie mit Teilnehmern des Story-Editor-Programms des Canadian Film Centres und finanziert mit Hilfe kanadischer Fördergelder. Hochwertige Serienproduktionen verlangen augenscheinlich nicht unbedingt die Beteiligung finanzkräftiger Abonnementkanäle wie HBO. Es geht auch anders.

 ZDFneo zeigt je zwei Folgen „Orphan Black“ freitags gegen 22.00 Uhr.

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