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TV-Kritik "Neues aus der Anstalt" Abgang Georg Schramm

Für Georg Schramm ist der Vorhang gefallen - in der Satiresendung "Neues aus der Anstalt". "Man soll gehen, wenn es am schlimmsten ist", resümiert er und kokettiert mit dem Amt des Bundespräsidenten. Von Tanja Kokoska

Georg Schramm. Foto: ddp

"Sollte der Abend ins Belangslos-Fröhliche abgleiten, dann kommen Sie sicher sehr gut ohne mich aus." Das hat Georg Schramm alias Rentner Lothar Dombrowski mal gesagt. Belanglos-Fröhlich, das war "Neues aus der Anstalt" nie, nicht ein Mal in 36 Folgen. Auch an diesem Dienstagabend nicht, dem letzten Live-Auftritt Schramms in der Satiresendung, die fortan - wie ihr Publikum - ohne ihn auskommen muss. Wie das gehen soll, mit dieser Frage lässt er uns allein.

Sein geistesverwandter Kompagnon Urban Priol ist, natürlich, klug genug zu wissen, dass die Suche nach einem adäquaten Nachfolger, der den "Krieg den Palästen" an seiner Seite fortführt, so gut wie aussichtslos ist. Denn Schramm sei, so Priol, in seiner Art "weder kopier-noch ersetzbar". So werden die beiden fortan "getrennt marschieren und vereint schlagen", kündigt Schramm in seiner Abschiedssendung an. Und Priol erwidert: "Andersrum wäre es mir lieber gewesen."

Unersetzlich machen Georg Schramm - resp. seine Figuren wie Oberstleutnant Sanftleben oder Sozialdemokrat August - Eigenschaften, die nicht nur im Fernsehen, sondern in den Medien überhaupt so rar sind wie das Glück, eine Karte für einen Bühnenauftritt Schramms zu bekommen: Ernsthaftigkeit im Zorn, Unnachgiebigkeit im Urteil nach eigenen Werten, Unerbittlichkeit im Lächerlichmachen. Welcher Politiker soll schon Kommentare fürchten, die von derselben Phraseologie, demselben ideologiegesteuerten Denken, derselben Feigheit vor dem Massengeschmack geleitet sind?

Wir müssen verstehen, um zu begreifen

Vor Schramm aber und der Schonungslosigkeit, mit der er ihr Handeln seziert, sollen - ja: müssen - Politiker sich fürchten. Sogar mehr als das: Sie sollen sich schämen für sich selbst. "Ich hebe den Vorhang auf, der schonend über die Fäulnis gebreitet war, und sage: ,Seht!’" Dieser Satz von Kurt Tucholsky war der öffentlich-rechtliche Auftrag, mit dem Schramm 2007 in der "Anstalt" startete und den er jeden Monat bravourös erfüllte - auch in seiner letzten Sendung.

Vor Beginn konnte Schramm kaum ahnen, welche Steilvorlagen - vom Rücktrittsreigen bis zum Sparpaket - ihm die Politik in den vergangenen Tagen liefern würde. Für ihn gilt offenbar der Satz: Man soll gehen, wenn es am schlimmsten ist - nach einer "Kriegserklärung an die absolute Mehrheit der Bevölkerung", so nennt er alias Oberst Sanftleben Merkels Sparprogramm. Doch er hat den passenden Trost: "Wenn ich draußen bin, kandidiere ich für das Amt des Bundespräsidenten." Jubel brandet auf im Publikum - dort sitzt auch Dieter Hildebrandt. Er, der seinen Rücktritt von der "Scheibenwischer"-Bühne längst vollzogen hat -, er sieht aus wie ein Kind, dem man das sehnlich gewünschte Geschenk kurz vor Augen hält und nur einen Moment später gleich wieder wegnimmt.

Dieser Moment ist unvermeidlich. "Wir müssen das Gestern verstehen, um das Morgen zu begreifen", sagt Schramm zum Abschied. Wir verstehen zumindest so viel: Gestern war er noch da. Und morgen müssen wir ohne ihn auskommen. Sein neues Bühnenprogramm "Meister Yodas Ende - Über die Zweckentfremdung der Demenz" hat am 1. September in Freiburg Premiere. Es rettet sich, wer eine Karte hat.

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