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TV-Kritik "Neue Graf-Serie" Das nächste Mal ohne Ton

In Dominik Grafs Russenmafia-Krimi "Im Angesicht des Verbrechens" gibt es viele schöne Bilder und Sex zu dritt unterm Fallschirm. Doch bei aller Ästhetik - für Höhepunkte sorgen vor allem die Dialoge.

28.04.2010 09:04
Kira Frenk
Stella (Marie Bäumer, r) und ihr Bruder Marek Gorsky (Max Riemelt, l) besuchen den Ort, an dem ihr Bruder Grischa vor zehn Jahren erschossen wurde. Foto: dpa

Die nächste Folge der Krimiserie läuft am Samstag und es ist eine gute Idee, dann den Ton auszustellen. Es gibt viele schöne Bilder in Dominik Grafs Russenmafia-Krimi "Im Angesicht des Verbrechens" - doch die Dialoge vermasseln die ganze Sache dann recht gründlich. Da führt eine eigenwillige und doch subtile Kamera den Zuschauer durch den vermutlich ästhetischsten Krimi im Öffentlich-Rechtlichen, da gibt es Zeitlupen zur richtigen Zeit, kluge Momentaufnahmen und Sex zu dritt unterm Fallschirm.

Und dann machen die Protagonisten den Mund auf...

Sagt die Schwester des Polizisten Marek zum Polizisten Marek: "Marek, du weißt ja gar nicht, welch schwarzes Loch der Tod von unserem Bruder Grigori vor zehn Jahren in mich gerissen hat". Marek will die Sache sühnen, deswegen ist er Polizist geworden. Nebenbei verliebt er sich in Lena, die Zwangsprostituierte aus der Ukraine. Lenas Großmutter hat ihr prophezeit, dass die Enkelin den Mann ihrer Träume im Wasser sehen wird. Lena taucht also viel und nackt im heimischen Dorfsee, doch Marek sieht sie erst in Berlin.

Just als ein Straßenreinigungswagen an Lena vorbeifährt, der Wasserfontänen um sich schleudert, treffen sich die Blicke der beiden. Sehr poetisch. Doch Lena muss auch sprechen. Sie, die Zwangsprostituierte, sagt also zu ihrer Leidensgenossin: "Ich habe ja gar nicht gedacht, dass das so schlimm wird".

Nicht so viele Details bitte

Fehlt die Mafia. Mareks Schwester Stella ist mit Mischa, einem Marlon Brando von Mafiosi, verheiratet. Die beiden besitzen das Restaurant "Odessa", in dem viel getrunken und getanzt, aber auch gesprochen wird. Sagt ein Mafiosi zu seinem Mitmafiosi: "Diese schlechten Russen vermasseln uns guten Russen unseren guten Ruf".

Marek, der jüdische Junge russischer Abstammung mit der seltsamerweise polnischen Version des Namens Mark ist also Polizist in Berlin. Weil die schlechten Russen schon immer den Ruf der Guten ruinieren wollten, erschossen sie einst seinen Bruder. Marek gräbt immer tiefer im russisch-mafiösen Milieu der Hauptstadt: Restaurant Odessa, Imbiss Baltic Sea und so weiter. Dass das von Mischa, dem Ehemann seiner Schwester, geführte Restaurant irgendwie krumm aufgestellt sein könnte, davon hat der gute Mann bis zum Drehbeginn der Serie selbstverständlich keinen Schimmer. So wie er und seine Schwester sich in Folge eins einander mitteilen, dürften sie ein Leben lang nicht miteinander gesprochen haben. Doch das Meckern ist hier unangebracht.

Der Leiter des Landeskriminalamts bringt die Sache nämlich auf den Punkt. Er, der sich nach einem scharfen Röntgenblick für Mareks Abstammung interessiert - Achtung: Marek ist blond und blauäugig - will die ganze Schose über Riga, Lettland und was da im Osten wann wozu gehörte, gar nicht so genau wissen. Kläglich scheitert der russisch-jüdische Marek mit dem polnischen Namen bei dem Versuch, dem Mann zu erklären, dass "wir" Letten "uns" eigentlich schon immer ziemlich unabhängig von den Sowjets fühlten. Die Reaktion sinngemäß: "Nu, nicht so viele Details bitte." Das Motto der Serie!

"So hat eine russische Frau zu sein!"

Warum wurde der arme Grischa, alias Grigori, eigentlich ermordet? Wurscht! Warum ist der blonde Marek doch so sehr naiv, dass er im "Odessa" auch nach Beginn der Serie noch lustig Wodka säuft? Da muss er das Drehbuch aber schon gekannt haben. Wurscht! Warum bringt die erste Zwangsprostituierte die Zweite mit sich aus der Ukraine, wo sie doch ein deutsches Wörterbuch hat und weiß, was Küchenarbeit in Berlin bedeutet?

Ansonsten ist die Sache in Ordnung. Für Kolorit ist gesorgt. Idylle und Nacktbaden ist in der Ukraine. Mazel tov bei Kerzenlicht und Kippa unter Rigaer Juden, die in dieser Generation und aus dieser Stadt kommend nie und nimmer noch Jiddisch untereinander sprechen können, finden in Berlin statt. Die russische Stella, die eigentlich jüdisch ist, tritt arrogant und unnahbar auf -"so hat eine russische Frau zu sein!" Das Ukrainisch aber, das ist vom Feinsten. Die Zwangsprostituierten fallen zwar immer wieder ins Russische zurück - aber es gibt ja Untertitel.

Spannend dürfte die dritte Folge werden. Die guten Mafiosi haben nämlich zum Schluss der zweiten im "Odessa" einen Plan ausgeheckt: Ein aus der Haft entflohener Kommilitone, untergebracht im Keller, wird an den beschwipsten und heftig flirtenden Marek auf der Tanzfläche ausgeliefert. Schließlich hat sich der Kellergast zuvor den schlechten Mafiosi angedient. Und mit der Polizei muss man ja auch irgendwie rechnen. Putzig, diese Russenmafia.

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