Lade Inhalte...

TV-Kritik „monoTHEMA: König Fußball, Kaiser Sepp“ (3sat) In der Summe ein Charakterbild

3sat hat den Dienstag zum „Wissensabend“ erklärt und überschreibt das Angebot mit dem Etikett „monoTHEMA“. Aus aktuellem Anlass befasste sich der Sender mit dem Fifa-Präsidenten Joseph Blatter - ein Meister von Machtspielen.

Transparency International lobt die bisherige Aufklärung der Bestechungsaffäre unter FIFA-Präsident Blatter (Bild). Foto: REUTERS

3sat hat den Dienstag zum „Wissensabend“ erklärt und überschreibt das Angebot mit dem Etikett „monoTHEMA“. Aus aktuellem Anlass befasste sich der Sender mit dem Fifa-Präsidenten Joseph Blatter - ein Meister von Machtspielen.

Einen Tag vor der Fifa-Präsidentschaftswahl, der wieder einmal allerlei Seltsamkeiten vorausgingen, versuchte die 3sat-Redaktion, ihrem Publikum die Persönlichkeit des seit 1998 amtierenden und aktuell auf seine Wiederwahl hoffenden Schweizers Joseph Blatter nahezubringen. Die Dokumentation „König Fußball, Kaiser Sepp“ schilderte den Lebensweg des 75-Jährigen, der einst selbst über den Rasen stürmte und nach einigen beruflichen Umwegen zunächst Generalsekretär der Spitzenorganisation des internationalen Fußballs wurde, ehe er 1998 zu ihrem Präsidenten aufstieg.

Im Film erzählte Blatter seiner kleinen Enkeltochter vom harten Arbeitsleben seines Vaters und den bescheidenen Wohnverhältnissen der Familie. Im Kontrast dazu steht Blatters heutiger Lebensstil, der dem eines Konzernherrn oder hochrangigen Politikers entspricht. Er geht in aller Welt bei den Mächtigen ein und aus, sein Herrschaftsstil innerhalb der Fifa wurde verschiedentlich als „diktatorisch“ beschrieben. Die Fifa verbucht Einnahmen in Milliardenhöhe, ist aber als gemeinnütziger Verein von der Steuer befreit. Eine unabhängige Aufsicht und Kontrollen von außen lehnt Blatter kategorisch ab. Er vergleicht die Fifa gern mit einer Familie, die ihre Probleme ausschließlich intern austrägt. Ein Schlingel, wen dieses Vokabular an die Mafia erinnert.

Offenbar herrschen in diesem hermetischen Klima beste Voraussetzungen für Korruption. Denn das von Beat Bieri und Belinda Sallin erstellte Blatter-Porträt erwies sich zugleich als Skandalchronik. Im Oktober 2010 machten getarnte Reporter der britischen „Sunday Times“ Mitgliedern des Fifa-Exekutivkomitees Bestechungsangebote. Ein nigerianischer und ein haitianischer Delegierter sagen nicht nein. Die interne Ethikkommission der Fifa untersuchte die Vorwürfe. Die ertappten Sünder mussten Geldstrafen bezahlen und wurden zeitweilig suspendiert. Der Ex-Fifa-Direktor Guido Tognoni beantwortete die Frage, ob er überrascht gewesen sein über die Enthüllung, dass Fifa-Entscheidungsträger bestechlich seien, mit den Worten: „In keiner Weise. Wer die Fifa etwas verfolgt, kann nicht überrascht sein. Sie wurde ja schon von einem Schweizer Gericht als korrupte Organisation dargestellt ...“

Bereits Joseph Blatters Wahl zum Fifa-Präsidenten im Jahr 1998 scheint von unlauteren Umständen begleitet gewesen zu sein. Sein Gegenkandidat im Ringen um die Nachfolge von João Havelange war Lennart Johannson. Johannson sprach ganz offen davon, dass Blatter „für ein diktatorisches Verhalten und die Ausschaltung demokratischer Regeln“ stehe. Blatter gewann die Wahl, nach vorherrschender Meinung durch Stimmenkauf. Ein somalischer Delegierter jedenfalls machte öffentlich, dass für die Wahl Blatters Geld geboten worden war.

 Einen pikanten Punkt konnten die Autoren in ihrem 2010 produzierten Film noch nicht berücksichtigen. Das aus Katar stammende Fifa-Exekutivmitglied Mohamed bin Hammam war seinerzeit Blatters Stimmenbeschaffer und finanzkräftiger Gönner. Katar gewann im vergangenen Jahr die Ausschreibung der Fußball-Weltmeisterschaft für das Jahr 2022. In diesem Jahr stellte sich Mohamed bin Hammam gegen Blatter zur Wahl, trat jedoch wegen Bestechungsvorwürfen von seiner Kandidatur zurück. Mit einer weiteren Amtszeit Blatters ist zu rechnen.

Fußball ist ein milliardenschweres Geschäft

Auch wenn Joseph „Sepp“ Blatter persönlich an diesem Filmporträt mitwirkte, sonderlich nahe kamen ihm die Autoren nicht. Das Gleiche gilt für die Journalisten Markus Spillmann und Marco Färber, die Blatter anschließend für die Sendung „NZZ Standpunkte“ interviewten. Es gelang ihnen nicht, dem durchaus charmanten Schwadroneur und gewandten Rhetoriker beizukommen. Die Interviewer ließen ihn höflich gewähren und boten ihm ausgiebig Raum zur Selbstdarstellung. Blatter behauptete schlicht, dass er 1998 wider Willen Fifa-Präsident geworden sei und präsentierte sich mehrfach als verfolgte Unschuld. „Seilschaften“ bei den Medien macht er dafür verantwortlich, dass immer wieder Vorwürfe gegen ihn erhoben werden. Den vorsichtig vorgetragenen kritischen Fragen seiner Gegenüber begegnete er geschickt mit ausweichenden leidenschaftlichen Erzählungen über seine „Mission“, den soziokulturellen Wert des Fußballs, dessen Rang als „Schule des Lebens“ weiter auszubauen.

Ganz menschlich gab er sich, als er treuherzig Anerkennung erbat für das, was er für den internationalen Fußball geleistet habe. Ein Machtmensch sei er nicht, seine Macht übe er nur gezwungenermaßen aus, weil sein Amt dieses erfordere. Eigentlich verstehe er sich als „Missionar“ des Fußballs, der die Welt ein bisschen besser mache. Auf die Frage nach dem von ihm wiederholt ins Feld geführten Nutzen des Fußballs für die Jugend schwärmte er minutenlang über den „Welt-Cup“, die Fußball-Weltmeisterschaft, und wie man mit Südkorea und Japan und zuletzt Südafrika neue Territorien gewonnen habe. Einmal seufzte einer der Interviewer leidvoll auf angesichts Blatters ausschweifendem Vortrag, mit dem er vieles sagte, ohne je konkrete Antworten zu liefern.

Es waren eher sein Mienenspiel und sein sprachliches Lavieren, die Bedeutungen zwischen den pausenlos hervorsprudelnden Zeilen, die indirekt für Erkenntnisse sorgten. Einmal rutschte ihm heraus, dass es sich bei Fußball um ein „Produkt“ handele. Mit anderen Worten: um ein Geschäft. Ein milliardenschweres.

Auch diesen Satz aus dem Munde Blatters muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: „Der Fußball ist ein Spiel, und in einem Spiel gibt es nicht immer Transparenz.“

Vorwürfe und skeptische Fragen lässt Blatter einfach an sich abperlen. Und doch entstand aus der Kombination eines investigativen Dokumentarberichts und einer wenngleich eher zahmen, aber in dieser Art wiederum für sich sprechenden Interviewsendung doch so etwas wie ein Charakterbild. Die Schlussfolgerung oblag dem Betrachter. Demnach wären ein Wechsel an der Spitze der Fifa und vor allem die Einführung einer unabhängigen Kontrollinstanz sehr zu begrüßen. Man wird aber wohl auf beides noch eine Zeitlang warten müssen.

„König Fußball, Kaiser Sepp“, Dienstag, 3sat, 22.25 Uhr / „NZZ Standpunkte: Joseph Blatter – Missionar des Fußballs“, Dienstag, 3sat, 23.15 Uhr

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen