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TV-Kritik „Millionen“ (ZDF) Er wird Millionär

Den Traum haben viele, für einen wird er Wirklichkeit: sechs Richtige im Lotto, von heute auf morgen Millionär. Regisseur Fabian Möhrke befasst sich in seinem Langfilmdebüt mit der Frage, was geschieht, wenn Geld plötzlich eine Rolle spielt.

Torsten (Andreas Döhler) und Susanne (Carola Sigg) erzählen ihren Freunden, dass sie 22 Millionen im Lotto gewonnen haben. Foto: ZDF/Marco Armborst

Torsten (Andreas Döhler) spielt Lotto, weil man das eben so macht in seiner Firma. Das Ausfüllen des Tippscheins gehört zu den vielen kleinen Ritualen, die das Leben eines gehobenen Angestellten mit Familie stützen und strukturieren. Die Ouvertüre des Spielfilms „Millionen“ versammelt weitere dieser Gewohnheiten. Das gemeinsame Essen in der Kantine, das Fußballspiel mit den Kollegen nach Feierabend, die Kumpanei mit dem heranwachsenden Sohn. Wiederkehrende Situationen mit wichtiger Funktion.

Torsten hört kaum hin, als ihm eine Kollegin aus dem Nebenraum die Gewinnzahlen zuruft. Und ist konsterniert, als ihm die Übereinstimmung bewusst wird. Er hat gewonnen. Den Jackpot. 22 Millionen Euro. Aber Torsten jubelt nicht, reagiert dumpf, ratlos. Und gerät zeitweilig sogar in Versuchung, den Gewinn nicht anzunehmen. Er ahnt, dass der unverhoffte Geldsegen sein Leben verändern wird. Und das macht ihm Angst. Er leidet keine materielle Not und lebt in stabilen Verhältnissen. „Ich mag mein Leben“, sagt er. „Ich mag meine Familie. Ich mag meine Arbeit.“

Porschefahren bis zum Erbrechen

In seinem Langfilmdebüt, das im Rahmen der Reihe „Shooting Stars“ der ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ entstand, nimmt sich der Autor und Regisseur Fabian Möhrke der Frage an, wie sich ein plötzlicher Reichtum auf ein bürgerliches Dasein auswirkt, auf die Beziehungen zu Freunden und Kollegen, zur Ehefrau, zum Kind.

Torsten neigt beileibe nicht zu parvenühaftem Verhalten. Ihm wäre mehr als recht, wenn die Dinge ungetrübt weiterliefen wie bisher. Wie vom Berater der Lottogesellschaft empfohlen, möchten er und seine Frau Susanne (Carola Sigg) den Gewinn geheimhalten. Zwar kauft sich Torsten in einem Anfall von Übermut einen Porsche, hält ihn aber verborgen und fährt weiterhin mit dem braven Familienauto zur Arbeit. In einer symbolkräftigen Szene probt er mit dem Flitzer auf einer abgelegenen Fläche wilde Fahrmanöver – bis sich ihm der Magen umdreht.

Aller Vorsicht zum Trotz kommen Gerüchte auf. Torsten leugnet beharrlich und muss erfahren, wie seine Freunde selbst den Kauf neuer Fußballschuhe argwöhnisch beobachten und spitz kommentieren. Das Misstrauen verdirbt ihm die Freude, er schmeißt die Schuhe in den Mülleimer.

Torstens Ehefrau Susanne hat ein anderes Verhältnis zum Geld. Sie denkt pragmatisch und will in Berlin einen Laden für Kindermode eröffnen, hat dabei sehr genaue Vorstellungen und verfolgt ihr Vorhaben mit dem entsprechenden Ehrgeiz. Torsten, der seine Anlaufpunkte verliert, dessen frühere soziale Beziehungen sich langsam auflösen und dem es nicht gelingt, sich in den neuen Verhältnissen einzurichten, beneidet sie darum. Es kommt zu Spannungen zwischen den Eheleuten, auch das vordem kumpelige Verhältnis zum Sohn wird mürb.

„Millionen“ ist eine ruhig erzählte, sehr genau und zutreffend beobachtete Studie. Fabian Möhrke beschreibt eine Ausnahmesituation, die indes gültige Rückschlüsse zulässt auf das, was das Leben in dem ausgewählten Milieu ausmacht. Dabei handelt es sich um ein vermeintlich krisenfreies Wohlstandsbürgertum, dessen Verfall schneller eintritt, als den Beteiligten möglich erschien. Sehr zugute kommt dieser Filmerzählung, dass bei der Besetzung auf allzu bekannte Gesichter verzichtet wurde. So erhebt sich nicht die ablenkende Frage, wie dieser oder jener gefeierte Schauspiel-Star die jeweilige Rolle im Vergleich zu anderen anlegt und interpretiert; hier treten die Charaktere wie reale Menschen in Erscheinung, ins Leben gerufen durch eine Riege vortrefflicher und von der Regie exzellent geführter Darsteller.

Aus Warte der Anderen

Der Stoff erlaubt übrigens einen interessanten Vergleich. Bei Fabian Möhrke sind es Angehörige des gehobenen Milieus, die durch den unmittelbaren Aufstieg in die Millionärsliga in eine Krise geraten. In Großbritannien schuf die renommierte Autorin Kay Mellor 2012 für die BBC mit „The Syndicate“ eine Fortsetzungsserie um eine erfolgreiche Tippspielgemeinschaft, deren Mitglieder weniger begüterten Kreisen angehören, denen das neu gewonnene Vermögen jedoch ebenfalls erhebliche Probleme beschert. In Großbritannien ist die Serie erfolgreich, derzeit entsteht eine dritte Staffel um eine neue Gruppe von Protagonisten. In den USA gab es 2013 mit „Lucky 7“ eine Adaption des Stoffes, die jedoch angesichts dürftiger Einschaltquoten nach Ausstrahlung von nur zwei Episoden ein abruptes Ende fand.

Allein der Gedanke, dass Geld nicht glücklich machen könnte, wird dort zumindest von Teilen der Gesellschaft vermutlich als Blasphemie oder als kommunistische Propaganda aufgefasst.

„Millionen“, Montag, 1.9., 0.20 Uhr, und Freitag, 5.9., 20.15 Uhr, in ZDFkultur. Während der Erstausstrahlung wird Filmautor Fabian Möhrke bei Twitter über @zdf_dkf Fragen der Zuschauer beantworten.

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