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TV-Kritik „Mensch, Bio!“ Genuss und Disziplin

Ein Mensch bei Maischberger: Alfred Biolek wird demnächst 80, und der WDR schenkt ihm eine allzu brave Hommage. "Mensch, Bio" ist ein Werk geworden, über das sich der Jubilar garantiert gefreut hat, weil es niemandem weh tut. Gemessen an der Möglichkeit, eine deutsche Geschichte zu erzählen, ist das jedoch zu wenig.

23.06.2014 23:09
Tilmann P. Gangloff
Alfred Biolek und Sandra Maischberger in Köln. Foto: dpa

Porträts zu runden Geburtstagen großer Bildschirmpersönlichkeiten sind beim WDR ein Job für Klaus Michael Heinz, schließlich ist der Redakteur inoffizieller WDR-Beauftragter für die Fernsehgeschichte. Seine jeweils mehrteiligen Dokumentationen über die Geschichte der Talk- und Spielshows sowie über TV-Gespräche mit Politikern gehören zu den klügsten Selbstreflektionen des Fernsehens. Außerdem hat er es geschafft, mit einem eigentlich harmlosen Porträt von Harald Schmidt („Herr Schmidt wird 50, will aber nicht feiern“) einen kleinen Skandal zu verursachen.

Sandra Maischberger arbeitet ganz anders. Ihre Filme über Helmut Schmidt zum Beispiel zeichnen sich, soweit das  beim Altkanzler überhaupt möglich ist, durch einen großen Kuschelfaktor aus. Wenn die Moderatorin Menschen porträtiert, geraten die Ergebnisse stets zur Hommage. Andererseits hat ihre freundliche und alles andere als insistierende Art zur Folge, dass ihre Gäste mitunter mehr preisgeben, als sie eigentlich wollen. Niemand hat diese Befragungsmethode so perfekt beherrscht wie Alfred Biolek, und vermutlich war er ganz froh, dass der WDR Maischberger erkoren hat, ihn anlässlich seines bevorstehenden runden Geburtstags - er wird am 10. Juli achtzig Jahre alt – zu würdigen. Mit dem rüstigen und nach wie vor umtriebigen Kollegen reiste sie nicht nur nach New York, sondern auch zum Schauplatz seiner Kindheit ins einstmals mährische Freistadt (heute Teil von Karviná) im Osten der Tschechischen Republik. Das ist durchaus beachtlich, denn eigentlich gehört es zu Bioleks Lebensprinzipien, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Dank entsprechender musikalischer Untermalung gehören diese Szenen zu dem bewegendsten des Films.

Biografie mit großen Brüchen

Erfahrungsgemäß sind Biografien immer dann am spannendsten, wenn sie große Brüche aufweisen. Alfred Biolek hat eine ganze Menge solcher Einschnitte erleben müssen: die Vertreibung als Kind, der schockierende Tod des nach dem Krieg lange als vermisst geltenden älteren Bruders, der kurz nach seiner Heimkehr an einem Gehirntumor starb, der Widerwille, dem Wunsch des Vaters zu entsprechen und dessen juristische Kanzlei zu übernehmen; und schließlich die Homosexualität, die er in der schwäbischen Provinz der verknöcherten Fünfzigerjahre nicht ausleben konnte. Gerade dieses Thema behandelt Maischberger mit so viel Fingerspitzengefühl, dass es im Grunde fast nicht vorkommt, obwohl Bioleks erster Lebensgefährte und heutiger Adoptivsohn Keith eine größere Rolle in dem Film einnimmt.

Andererseits entspricht „Mensch, Bio!“ damit vermutlich exakt den Erwartungen jener Zuschauer, für die Biolek dank TV-Klassikern wie „Bio’s Bahnhof“ (1978 bis 82) und „Boulevard Bio“ (1991 bis 2003) bis heute einer der Größten ist. Warum er das war, wird allerdings allenfalls am Rande deutlich. Maischberger (Buch, Regie, Produktion) und ihr Koautor Hendrik Fritzler präsentieren zwar ein Potpourri diverser Ausschnitte, aber die wirken ebenso beliebig wie ein völlig nichtssagendes gemeinsames Kochen Bioleks mit Alice Schwarzer (bei dem selbstredend kein Wort über die Steuerhinterziehung verloren wird). Ähnlich überflüssig ist eine Stippvisite auf das Urlaubsschiff MS Deutschland; hoffentlich hat sie Maischberger oder Fritzler wenigstens ein paar schöne Kreuzfahrttage eingebracht. Biolek selbst definiert sein Erfolgsgeheimnis übrigens schlicht als eine perfekte Mischung aus Genuss und Disziplin

Und so ist „Mensch, Bio“ ein Werk geworden, über das sich der Jubilar garantiert gefreut hat, weil es niemandem weh tut. Gemessen an der Möglichkeit, eine deutsche Geschichte zu erzählen, ist das jedoch viel zu wenig. Im Grunde ist der Film bis hin zu einigen wörtlichen Zitaten eine aktualisierte Reproduktion von Bioleks 2006 erschienener Autobiografie „Bio“. Um so interessanter wäre es gewesen zu erfahren, wie Klaus Michael Heinz dieses Porträt konzipiert hätte; ganz abgesehen davon, dass er acht Jahre lang Bioleks Redakteur bei „Boulevard Bio“ gewesen ist. 

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