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TV-Kritik: „Maybrit Illner“ Ohne Betäubung

Bei Maybrit Illner geben sich langjährige Befürworter der Atomenergie nachdenklich. Und doch hat sich ihre Haltung trotz der Katastrophe von Fukushima nicht verändert. Ausnahme: ein junger Nachwuchspolitiker aus Bayern.

Maybrit Illner im neuen Studio. Foto: Carmen Sauerbrei/zdf

Bei Maybrit Illner geben sich langjährige Befürworter der Atomenergie nachdenklich. Und doch hat sich ihre Haltung trotz der Katastrophe von Fukushima nicht verändert. Ausnahme: ein junger Nachwuchspolitiker aus Bayern.

Das ZDF bittet zu Tisch. Die Sendereihe „Maybrit Illner“ hat eine neue Studiodekoration spendiert bekommen. Wo vordem die Gesprächspartner in einem offenen Halbrund Platz nahmen, ist zwar die Anordnung der Sitzgelegenheiten beibehalten worden, aber nun gibt es einen Tisch, der vom Design des Raumschiffs USS Enterprise NCC 1701-D, also dem der zweiten Generation, inspiriert scheint und das Ablegen von Ellenbogen und Spickzetteln ermöglicht.

Die Namens- und Gastgeberin bewillkommnete ihre Zuschauer schelmisch im „neuen Sprechzimmer oder dem Operationssaal, wie immer Sie dazu sagen wollen“. Ein lockerer Spruch zum Auftakt, aber der Tonfall änderte sich rasch, denn was folgte, war, wie Maybrit Illner später resümieren sollte, „eine Diskussion in nicht ganz leichten Zeiten“. Die Fragestellung lautete: „Abgewählt und abgeschaltet – macht Japan Deutschland grün?“ Nicht originell, keineswegs überraschend, aber weiterhin nötig.

Sprechzimmeratmosphäre gab es keine, hin und wieder aber eine kleine Operation ohne Betäubung in Form von pointierten Einspielfilmen. Dazwischen eine Vielzahl von Gesprächsformen, vom strengen Interview über die sachliche Debatte bis hin zu hitzigem Streit. Abgesehen von einigen wenigen Momenten, in denen vor allem die beteiligten Berufspolitiker kaum mehr zu zähmen waren und aufeinander einredeten, bis gar keiner mehr zu verstehen war, war der verbale Austausch an diesem Abend wohltemperiert und intensiv genug, den interessierten Betrachter am Bildschirm zu halten.

Ein bisschen innehalten

Die Zusammensetzung der Gästeschar folgte einem klaren Pro-und-Contra-Schema. Jürgen Hambrecht, Vorstandsvorsitzender von BASF, und Volker Kauder, Fraktionsvorsitzender der CDU, gaben sich ein klein wenig konzilianter als früher, aber von der Atomenergie möchten sie trotz allem vorerst nicht lassen. Anders als Renate Künast von den Grünen und die Anti-AKW-Aktivistin Luise Neumann-Cosel. Ranga Yogeshwar, studierter Physiker und Moderator beim WDR, war als Stimme der Wissenschaft und der Vernunft geladen. Umso bedeutsamer, dass er, und zwar auf Basis guter Argumente, deutliche Vorbehalte gegen die Atomkraft erkennen ließ.

An den Wirtschaftsvertreter Jürgen Hambrecht richtete Maybrit Illner die Frage, ob er sich im Angesicht der Katastrophe von Fukushima als Politiker getraut hätte, weiter für die Atomkraft zu werden. Hambrecht räumte ein, dass die Bilder aus Fukushima erschüttern und dass man zu so einem Zeitpunkt sagen müsse, man müsse ein bisschen innehalten. Und doch bekannte er sich weiterhin zur „Kernkraft“, wie er sich beschönigend ausdrückte, als Brückentechnologie und hätte dies eigenen Worten zufolge auch als Politiker getan. Und schon nahm er die Kurve zum altbekannten Arbeitsplatzargument. Ihm kam gar nicht in den Sinn, dass solche Arbeitsplätze, die, wie sich derzeit einmal mehr zeigt, zu lebensbedrohlicher Strahlenbelastung führen können, vielleicht gar niemand mehr haben möchte.

Volker Kauder sollte einige Fragen später sehr ähnlich reagieren. Der CDU-Fraktionsvorsitzende und jahrelange Atomkraftbefürworter hat zwar realisiert, dass man auf Fukushima reagieren muss, unverändertes Denken aber wird bei ihm deutlich, wenn er seinerseits das Mantra der Unverbesserlichen abspult, wonach es gelte, unseren Wohlstand und unsere Arbeitsplätze zu erhalten.

Sicherheitsmaßnahmen fielen Rotstift zum Opfer

Ranga Yogeshwar widersprach ihm zwar nicht unmittelbar, hatte aber den Vortrag offenbar nicht vergessen. Er erklärte den Wohlstandsverfechtern Kauder und Hambrecht in sachlichen Worten, dass der Umschwung jetzt erfolgen müsse, gerade auch aus ökonomischen Gründen. Denn wer heute schnell ist und sich auf dem Gebiet regenerativer Energien einen Vorsprung verschafft, wird sich auf dem Weltmarkt eine Vorrangstellung erarbeiten. Umgekehrt gesprochen: Wer sich jetzt noch an die Atomkraft klammert, hat morgen das Nachsehen.

Renate Künast und die 25-jährige Luise Neumann-Cosel zeigten sich leidenschaftlicher, aber nicht weniger fundiert. Ein ums andere Mal gingen sie vor allem Volker Kauder direkt an. Ihr Tenor: Die Regierung möge den schönen Worten – wie „Moratorium“ und „Sicherheitsüberprüfung“ – verbindliche Taten folgen zu lassen. Auch kurzfristig: Renate Künast prophezeite, dass dem Umweltministerium eine Einstweilige Verfügung bevorstehe, die die Abschaltung der Schrottmeiler zunichte machen werde und forderte vorbeugende Maßnahmen.

Kauder wusste sich nur mit einem Allgemeinplatz herauszureden, kam aber noch in weitaus größere Verlegenheit, als Maybrit Illner von ihrem Tablet-Computer einen brisanten Einspielfilm abrief. Darin erklärt Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Ich kann heute nicht erkennen, dass unsere Kernkraftwerke nicht sicher sind. Sonst müsste ich ja mit meinem Amtseid sie sofort abschalten.“ Im Beitrag wurde ihr freilich nachgewiesen, dass sie sehr wohl um Unsicherheitsfaktoren wusste. Umweltminister Norbert Röttgen sah die dringende Notwendigkeit, die Atommeiler gegen Einschläge von Flugzeugen zu schützen. Die bereits formulierte entsprechende Auflage für AKW-Betreiber fiel dem Rotstift zum Opfer. Die Maßnahme wäre zu teuer geworden.

Märchen vom billigen Atomstrom

Nachdenkliche Gesichter gab es, als Maybrit Illner ins Publikum wechselte, um Alexander Kolb zu interviewen, vormals JU-Vorsitzender der bayerischen Schwaben, heute bei den Grünen. Kolb beschrieb die Geburt seiner Tochter als Zäsur, die ihn zum Überdenken und vor allem Überprüfen früherer Positionen veranlasst habe. „Und dann informiert man sich und stellt fest, dass gewisse Sachverhalte doch ein bisschen anders waren.“ Illner wollte wissen, was ihn früher von der Atomkraft überzeugt habe. Kolb räumte in bewundernswerter Offenheit ein, dass er vieles zu unkritisch und unüberprüft geglaubt und in die politische Arbeit übernommen habe.

Weiterhin keine Zweifel an den Atomkraftwerken hat hingegen Mario Dürr, der ebenfalls im Publikum anwesende Bürgermeister von Neckarwestheim. Neben einer per Twitter in die Sendung eingebrachten Stellungnahme eines Zuschauers, ein eklatantes Beispiel für eine irrationale Haltung, deren Vertreter offensichtliche Tatsachen partout nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Auch dieses Moment ist ein nicht zu vernachlässigender Bestandteil dieser wichtigen gesellschaftlichen Debatte.

Ein weiterer Einspieler galt den tatsächlichen Kosten der Atomwirtschaft und widerlegte triftig das Märchen vom billigen Strom. Die AKW sind, anders als andere Unternehmen, nicht versichert. Für etwaige Schäden, und die können ruinös ausfallen, kommt der Steuerzahler auf. Aus der Gesprächsrunde kamen noch Ergänzungen: auch Subventionen schönen die Bilanz, Folgekosten wie Salzstocksanierungen und dergleichen sind noch gar nicht berücksichtigt.

Renate Künast brachte kurz vor Schluss noch zur Sprache, was man eigentlich schon früher erwartet hatte: Alle Welt, hartnäckige Atombefürworter eingeschlossen, zeigt sich in diesen Tagen erschüttert von den „schrecklichen Bildern aus Fukushima“. Zu Recht erinnerte Künast daran, dass uns die wirklich schrecklichen Bilder erst noch bevorstehen – wenn nämlich das Sterben der Verstrahlten und Vergifteten einsetzt und entstellte und behinderte Kinder geboren werden.

Maybrit Illner: Abgewählt und abgeschaltet (ZDF, 31.03.2011)

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