Lade Inhalte...

TV-Kritik: Maybrit Illner „Edathy ist eine lebende Bombe“

Maybrit Illner wendet sich in ihrer Talkshow dem Thema des Tages zu: der Affäre Edathy. Dank einer Kinderschützerin gerät das Parteiengezänk dabei in den Hintergrund.

Lädt zur Talkrunde: Maybrit Illner. Foto: imago stock&people

Wollen wir das alles wirklich wissen? Was der Mann da auf seinen Computer geladen hat, wann wer was davon gewusst oder weitergesagt hat? Maybrit Illner wandte sich unter dem Motto „Kinder, Täter, Politik“ dem aktuellsten Thema zu, das das gesellschaftliche Geschehen zu bieten hat: der Affäre Edathy. In einem wirklich bemerkenswerten Auftritts-Marathon hatte der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete zunächst der Presse und danach erst dem Untersuchungsausschuss seine Version dargelegt – eine seltsame Auffassung von parlamentarischer Demokratie. Andere Varianten der Erzählung werden folgen. Aber die eine Wahrheit ist dabei als Ergebnis wohl kaum zu erwarten. Schließlich spielt sich der Skandal vor allem im politischen Raum ab, und da geht es um Pfründe, Karrieren und Macht. Aber nicht um die Wahrheit. Und schon gar nicht um die Opfer.

Immerhin wies der SPD-Parlamentarier Karl Lauterbach bei Illner darauf hin, dass Edathy bei seiner Selbstverteidigung nicht ein einziges Mal die Kinder erwähnt hatte. Die hätten bislang zu wenig Aufmerksamkeit erfahren, bestätigte die so klug wie klar argumentierende Kinderschützerin Julia von Weiler von der Organisation „Innocence in Danger“. Denn die Diskussion führe immer „ganz schnell weg von den Opfern“, weil das so schwer auszuhalten sei. Und wenn Edathy Stunden zuvor betont hatte, das von ihm bestellte Material sei „legal“ gewesen, so wurde hier deutlich, dass die kanadische Firma, bei der Edathy Kunde war, gewerbsmäßige Ausbeutung von Kindern offenbar vor allem in Osteuropa betreibt.

Julia von Weiler sah im Handeln Edathys denn auch die typische Vorgehen eines solchen Täters: Erst leugnet er, dann bagatellisiert er, um sich am Ende als Opfer zu stilisieren. Und das hektische und kopflose Handelns seines politischen Umfelds habe Edathy das Annehmen der Opferrolle leicht gemacht.

Dabei habe der Mann doch versucht, sich gerade nicht als Opfer zu stilisieren, befand der Autor Ulf Erdmann Ziegler, aber er habe die Worte nicht gefunden und nun „zerschlägt er alles, was er kann“. Wie das vonstatten gehen könnte, wurde auch deutlich in den Scharmützeln, die sich Karl Lauterbach mit seinem CSU-Kollegen Stephan Mayer lieferte, der die Gelegenheit nutzte, sich erneut für die Vorratsdatenspeicherung stark zu machen: Ohne die habe man Edathy nicht belangen können. Und Stern-Redakteur Oliver Schröms las dem SPD-Mann dessen SMS und eine von Sigmar Gabriel („Kopf hoch!“) an Edathy vor und machte so kenntlich, dass die Genossen eben keine klare Haltung gegenüber einem der Ihren fanden, den sie erst für dessen Haltung im NSU-Untersuchungsausschuss priesen und nach Bekanntwerden der Anschuldigungen fallen ließen „wie eine heiße Kartoffel“, so Maybrit Illner.

Schröms vermisste in der Affäre die „Fürsorgepflicht“ der Partei für ihren Genossen. Die Folge: Nun sei Edathy eine „lebende Bombe“, urteilte Ziegler, und Mayers pathetischen Satz, „die CSU leitet nicht die Rache, sondern die Suche nach Wahrheit“ darf SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann, der als Schwatzbase in der Affäre agiert hatte, getrost als Drohung auffassen, dass die Bayern für den Rücktritt ihres Ministers Friedrich doch noch Satisfaktion fordern werden, auch wenn Lauterbach beteuerte, Oppermann sitze „fest im Sattel“. Im Ausschuss zur Affäre werde es am Ende „nur Verlierer geben“, glaubt folglich Schröms.

Das fand Julia von Weiler – verständlicherweise – auch so erstaunlich: wie schwer es sei, Verantwortung zu übernehmen. Aber dieses Festhalten an der Macht, diese Kungelei der Parteien mit- und gegeneinander, das sind auch Motive für jene, die sich einreihen in die Aufmärsche der AfD und ihrer rechtsextremen Freunde, und insofern könnte Ziegler mit seinem explosiven Bild Recht bekommen.

Aber ein Mensch mit dieser Neigung habe eben im Bundestag nichts zu suchen, sagte Lauterbach, und warf damit nur die Frage auf, welche Neigung Edathy denn habe. Es war wieder an Julia von Weiler, für Klarheit zu sorgen: Nicht jeder Pädophile missbrauche Kinder, und nicht jeder, der Kinder missbrauche, sei pädophil. Edathy habe unfreiwillig eine Debatte über Kinderpornographie angestoßen; die Gesellschaft müsse sich darüber klar werden, was sie wolle, denn Film und Fotografie hätten durch die Digitalisierung eine andere Dimension angenommen. Die beiden Politiker in der Runde verwiesen auf die Verschärfung des Gesetzes zur Kinderpornographie, Autor Ziegler allerdings schoss quer und warnte, sprachlich etwas unbeholfen, vor einem „Tabuisierungs-Trip“: Edathy treibe alle in Panik, bald werde man wohl Will Mc Brides Aufklärungsbuch „Zeig mal“ (1986) noch verbieten. „Das Gesetz hat mit Edathy nichts zu tun“ versicherte Lauterbach. Aber immerhin werden nun die Verjährungsfristen verlängert und auch der Tausch mit entsprechenden Fotos wird strafbar sein. Und das ist dann doch ganz gut zu wissen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum